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Sie fordern: «Kinder besser gar nicht impfen als mit Triviraten»
Ärzte des Kantonsspitals St. Gallen haben eine Studie zum Impfstoff Triviraten vorgelegt. Resultat: Er wirkt ungenügend gegen Mumps. Die Ärzte fordern dessen Rückzug. Doch das Bundesamt für Gesundheit stellt sich quer.
Bernhard Matuschak redaktion@puls-tip.ch
Fabienne Buchegger, 12, aus Häggenschwil SG bekam vor drei Jahren plötzlich einen dicken Hals. Die Diagnose war schnell gestellt, denn ihre Schwester Janine hatte kurz zuvor dieselbe Krankheit gehabt: Mumps.
«Wir waren erstaunt, dass der Mumps überhaupt ausbrechen konnte. Beide Mädchen waren dagegen geimpft worden», sagt Vater Erwin Buchegger.
Bei Fabienne versagte nicht nur der Impfstoff. Sie bekam auch noch schwere Komplikationen. Ihr Nacken versteifte sich plötzlich und ihr Kopf neigte sich 30 Grad zur Seite. Sie hatte Schmerzen. «Wir suchten wochenlang einen Arzt, der ihr helfen kann», erklärt Erwin Buchegger. Ohne Erfolg. Erst nach einem halben Jahr befreite ein Chiropraktiker das Kind aus seiner misslichen Lage.
Fabienne und Janine sind keine Einzelfälle. 1995 erkrankten in der Schweiz laut Angaben des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) 51000 Menschen an Mumps. Auffällig daran: 74 Prozent der von Kinderärzten gemeldeten Mumps-Patienten waren im frühen Kindesalter mindestens einmal gegen Mumps geimpft worden.
Viele Kinderärzte vor allem in der Deutschschweiz empfehlen und verabreichen Triviraten. Das Schweizerische Serum- und Impfinstitut (Berna) stellt diesen Impfstoff seit 1986 her. Triviraten ist ein so genannter MMR-Impfstoff. Neben Mumps soll er zusätzlich vor Masern und Röteln schützen.
Auch Janine und Fabienne Buchegger wurden mit Triviraten geimpft. Mit ihnen erkrankten an ihrem Wohnort Häggenschwil SG 64 weitere Kinder. Insgesamt impften die Ärzte 154 Kinder im Ort gegen Mumps, etwa die Hälfte davon mit Triviraten.
Geimpfte Kinder bekamen häufiger Mumps
Die Mumps-Epidemie von Häggenschwil wäre wohl rasch in Vergessenheit geraten. Doch vier Ärzte des Kantonsspitals St. Gallen wollten es genau wissen. Sie untersuchten die Kinder im Rahmen einer Studie.
Das Resultat erschreckt: Von allen mit Triviraten geimpften Kindern in der Gemeinde erkrankten 68 Prozent an Mumps. Von den ungeimpften Kindern «nur» 63 Prozent. Das heisst: Geimpfte Kinder bekommen mindestens so häufig Mumps wie ungeimpfte.
Die Ärzte vom Kantonsspital St. Gallen kommen deshalb zu einem drastischen Schluss: «Lieber Kinder gar nicht gegen Mumps impfen, als ihnen Triviraten geben», sagt Oberarzt Matthias Schlegel, Mitautor der Studie. Der Impfstoff sei zweifelhaft. «Die Bevölkerung ist so schon skeptisch eingestellt gegenüber Impfungen. Propagiert man einen ungenügend wirksamen Impfstoff wie Triviraten, sinkt das Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen weiter.»
Schlegel und seine Kollegen machten BAG-Direktor Thomas Zeltner Anfang dieses Jahres mehrmals schriftlich auf die Missstände aufmerksam. Sie forderten sofortige Massnahmen, wollen die Briefe jedoch nicht vorlegen. Der Puls-Tip bekommt den brisanten Briefwechsel schliesslich von Dritten zugespielt.
Auslöser für die geharnischten Briefe war ein Artikel im BAG-Bulletin am 3. Januar dieses Jahres, in dem das BAG von einer erneuten Zunahme von Mumpsfällen in der Schweiz berichtet. «Einmal mehr unterlässt es das BAG, von der weiteren Verwendung des ineffizienten Triviraten-Impfstoffs abzuraten», bemängeln darauf die vier St. Galler Ärzte. Und weiter: «Wir erachten es als untragbar, dass das BAG den unwirksamen Impfstoff nach wie vor zulässt ... Es hat nun wirklich keinen Sinn mehr, Jahr für Jahr immer wieder über die Mumpsdurchbrüche zu berichten ... Aus epidemiologischer Sicht drängt sich eine sofortige Aufhebung der Zulassung des Impfstoffs auf.»
Deutschland impft nicht mit Triviraten: Zu unsicher
In Deutschland ist Triviraten nicht zugelassen. «In Triviraten wird ein Mumps-Impfstamm mit geringer Wirksamkeit verwendet. Die Wirkung der Impfung ist deshalb deutlich unsicherer», schreiben Ärzte der ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts in Berlin in der neusten Ausgabe des «Arznei-Telegramms».
Für Schlegel und seine Kollegen bleibt unverständlich, warum das BAG an der Empfehlung für Triviraten festhält. Denn: Eine Alternative zu Triviraten ist auf dem Markt erhältlich. Es handelt sich allerdings nicht um einen schweizerischen, sondern um den amerikanischen Impfstoff Jeryl-Lynn der Firma Merck. «Unsere Studie belegt, dass Jeryl-Lynn tatsächlich Schutz bietet. Von den damit geimpften Häggenschwiler Kindern erkrankten nämlich nur 14 Prozent an Mumps», sagt Matthias Schlegel.
Das hält die Triviraten-Herstellerfirma Berna nicht davon ab, immer neue Erkenntnisse zu zitieren. So soll Triviraten erst nach einer zweimaligen Impfung erfolgreich vor Mumps schützen. «Es gibt keine Studie, die Mumpsdurchbrüche bei zweimal mit Triviraten Geimpften belegt», sagt Berna-Mediensprecher Victor Schmid.
Unter Fachleuten sei die Studie der St. Galler Ärzte heftig umstritten. Das BAG halte sie gar für nutzlos. Das stimmt nicht: «Im Grundsatz zweifeln wir die Studie nicht an. Aufgrund einer einzelnen Studie kann man allgemein verbindliche Aussagen jedoch nicht machen», sagt BAG-Direktor Thomas Zeltner.
Er räumt allerdings ein, dass es innerhalb des BAG unterschiedliche Positionen gibt: «Unsere Epidemiologen sind Triviraten gegenüber kritischer eingestellt, weil sie die hohe Rate an Krankheitsdurchbrüchen als bedeutsam erachten. Unsere Impfstoffleute gewichten hingegen stärker, dass Triviraten mögliche Komplikationen verhindert, die durch Mumps entstehen können, wie Hoden- oder Hirnhautentzündung.» Das BAG erstelle derzeit eine weitere Studie. Sollte sich, so Zeltner, eine Unwirksamkeit von Triviraten herausstellen, werde das Bundesamt für Gesundheit die Zulassung des Impfstoffes überprüfen.
Während sich die Experten noch streiten, hat Familienvater Erwin Buchegger seine Konsequenzen gezogen: «Wir werden in Zukunft nicht mehr einfach akzeptieren, was der Arzt vorschlägt. Unser Fazit: Vor einer Impfung sollte man sich informieren, ob noch andere Impfstoffe auf dem Markt erhältlich sind.»
INFORMIEREN SIE SICH üBER DIE RICHTIGE IMPFUNG
- Sagen Sie Ihrem Arzt, dass Sie Ihre Kinder nicht mit Triviraten gegen Masern, Röteln und Mumps impfen lassen wollen.
- Lassen Sie sich die beiden anderen ausländischen MMR-Impfstoffe vom Arzt erklären.
- Fragen Sie den Arzt, wie lange der Impfschutz anhält.
- Der Arzt hat die Pflicht, über sämtliche Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären.
- Weitere Informationen: Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) hat einen nützlichen Impf-Ratgeber herausgegeben: «Impfen. Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid.» Er ist erhältlich bei der SKS, Postfach, 3000 Bern 23; Tel. 031 307 40 40. Fr. 23 .-
01. Dezember 2000
