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Zweifelhafte Studien: So unsicher ist, ob Schweine krank werden können
Die Behörden behaupten, Schweine seien sicher vor BSE. Dabei berufen sie sich auf mangelhafte Studien aus England. Der St. Galler Kantonstierarzt Thomas Giger fordert nun bessere - und blitzt ab.
Tobias Frey tfrey@pulstipp.ch
Der BSE-Skandal vertreibt den Konsumenten die Lust auf Rindfleisch. Viele weichen auf Schweinefleisch aus. Doch noch immer ist unklar, ob BSE-verseuchtes Futter auch Schweine krank machen kann. Der Grund: mangelhafte Studien. Britische Forscher haben zwar Schweinen BSE-verseuchtes Rinderhirn verfüttert - und diese erkrankten nicht an der Seuche. Auf dieses Experiment berufen sich auch die Schweizer Behörden und behaupten, Schweinefleisch sei unbedenklich. Der Haken: Die Forscher machten die Versuche mit nur zehn Sauen. Dies bestätigte eine Sprecherin der englischen Behörden gegenüber dem Puls-Tipp.
«Das ist viel zu wenig, um eine eindeutige Aussage machen zu können», schimpft nun der St. Galler Kantonstierarzt Thomas Giger. Er fordert Fütterungsversuche mit rund 100 Schweinen, die für alle Tiere negativ ausfallen müssten. «Erst dann können wir wirklich sicher sein, dass sie kein BSE bekommen können.»
Noch kann heute niemand ausschliessen, dass Schweine den Erreger mit dem Futter aufnehmen und ihn über Jahre in sich tragen. Englische Studien haben gezeigt, dass Schweine durchaus BSE-Symptome bekommen können - allerdings nur, wenn die Forscher ihnen den Erreger direkt ins Gehirn spritzen. Schweine landen zudem bereits mit etwa sechs Monaten in der Pfanne. Zu diesem Zeitpunkt würde auch ein infiziertes Tier noch keine Krankheits-Symptome zeigen - aber vielleicht bereits gefährlich sein für den Menschen. Der BSE-Erreger hat eine Inkubationszeit von mehreren Jahren.
Das Bundesamt für Veterinärwesen (Bvet) und seine BSE-Experten wiegeln ab - und verweisen auf die Studien in England. «Warum sollen wir Tests wiederholen, die England bereits gemacht hat», fragt Marc Vandevelde, Leiter des Nationalen BSE-Referenzlabors in Bern. «Wir zweifeln nicht an der Aussagekraft der Studien. Unsere Behörden haben zudem Massnahmen getroffen, die keine weiteren Studien nötig machen.» Doch die Experimente schien er nur ungenau zu kennen. Er schrieb dem Puls-Tipp: «Wir haben die Datenbanken abgesucht nach genauen Daten der Experimente. Wir wissen aber nicht, wie viele Tiere verwendet wurden.»
Heinz K. Müller vom Bvet sagt: «Wir haben nie geplant, Infektions-Experimente mit Nutztieren zu machen. Denn sie gehen wegen der Inkubationszeit des Erregers über Jahre.» Und offensichtlich in die Kosten. Denn BSE-Experte Vandevelde gibt zu: «Ein solch langfristiges Experiment kostet Millionen.»
Das lässt Kantonstierarzt Thomas Giger nicht gelten: «Für BSE-Forschung im Labor ist das Geld ja auch da.» Er hofft, dass solche Fütterungsversuche nicht nur zeigen, ob allenfalls auch Schweinefleisch die Konsumenten gefährden könnte. Er will damit auch eine zurzeit umstrittene Frage beantwortet haben: Was passiert mit den Tausenden von Tonnen Schlachtabfällen von Rindern? Seit dem 1. Januar sind Tiermehle in der Tiermast verboten. Sie werden verbrannt. Schweine dürfen weiterhin flüssige Schlachtabfälle fressen - nur aber, wenn sie kein Rind enthalten. Für Giger ist das langfristig ein Blödsinn: «Wir können doch wertvolles tierisches Eiweiss nicht einfach wegschmeissen.» Deswegen drängt er auf die Fütterungs-Versuche. Denn für ihn ist klar: «Nur wenn wir sicher sind, dass Schweine keine stillen Träger von BSE sind, können wir ihnen jemals wieder Schlachtabfälle von Wiederkäuern verfüttern.»
Gegen das generelle Vernichten von Schlachtabfällen wehren sich auch Konsumenten- und Bio-Organisationen. Heinzpeter Studer von der KAG-Freiland: «Schweine sind Allesfresser. Warum sollen sie nicht die Schlachtabfälle eines Rindes fressen, dessen Fleisch für den menschlichen Konsum freigegeben ist?» Eric Send von der Stiftung für Konsumentenschutz hat ökologische Bedenken: «Wenn wir die Schlachtabfälle verbrennen, müssten wir künftig den Tieren vermehrt Soja aus Südamerika verfüttern. Und dann gehts wiederum dem Regenwald an den Kragen.»
01. Januar 2001
