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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2001

Brustkrebs - «Vielleicht mein letzter Kampf»

Nelly Müller kämpft gegen tödlichen Brustkrebs - und gegen lasche Behörden

Nelly Müller forscht nach Ursachen für ihren Brustkrebs. Sie hat die Schule im Visier, an der sie unterrichtet hat. Dort ist die Luft mit Schadstoffen belastet. Zwei Frauen sind bereits an Brustkrebs gestorben.

Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch

Sie hatte eine harte, geschwollene linke Brust. «Der Arzt meinte, es sei eine Entzündung, und verschrieb mir Antibiotika», sagt Nelly Müller aus Niederlenz AG. Doch die Beschwerden verschwanden nicht. Drei Wochen später, nach einer Gewebeentnahme, erhielt die 48-jährige Lehrerin die Diagnose: Brustkrebs.

Fünf Monate später stellten die Ärzte Metastasen in der Lunge fest.

«Als ich merkte, dass die Ärzte mich abschreiben, brach ich zusammen. Ich heulte nächtelang», sagt Nelly Müller. Ihr Zustand verschlechterte sich. Heute sind Spaziergänge kaum mehr möglich. Sie hustet, bekommt zeitweise fast keine Luft mehr. «Mit Kortison geht es gerade noch.» Die Ärzte glauben, dass sie noch ein knappes Jahr zu leben hat. Doch Nelly Müller gibt den Kampf nicht auf. «Zu viele Fragen sind noch offen», sagt die Lehrerin. Die entscheidende Frage für sie ist: Was hat den Brustkrebs ausgelöst? Vor einem Jahr starb bereits eine Arbeitskollegin von ihr daran. «Sie unterrichtete im gleichen Schulzimmer wie ich.» Auch die Frau des Abwarts starb kürzlich an Brustkrebs. Insgesamt sind fünf Frauen von der Krankheit betroffen. Ihr Arbeitsort: Das Primarschulhaus Rothbleicherain in Niederlenz AG.

Ihr sei aufgefallen, dass die Luft dort stinke, sagt Nelly Müller. Die Behörden liessen das Primarschulhaus vor zehn Jahren renovieren und teils neu bauen. Müllers Verdacht: Giftige Stoffe gasen aus den neuen Farben, Lacken und Möbeln aus, verseuchen die Luft und lösen womöglich Brustkrebs aus. Hinweise auf eine gesundheitsschädliche Wirkung waren vorhanden. So bekam eine Frau, die vorübergehend im neu erstellten Lehrerzimmer unterrichtete, plötzlich Asthma-Anfälle.

Nelly Müller verlangte, die Luft im Schulhaus zu untersuchen. «Ich will Gewissheit haben, ob diese Schule verseucht ist. Es geht mir nicht nur um meine Krankheit, sondern auch um die Gesundheit der Kinder», sagt Müller. Und fügt etwas bedrückt an: «Vielleicht ist dies mein letzter Kampf.» Ein halbes Jahr verging, bis Behörden und Schulpflege ihr Anliegen ernst nahmen. Am 3. Oktober 2000 untersuchte Marco Ferraturi vom Kantonalen Industrie-, Gewerbe- und Arbeitsamt (Kiga) die Luft.


Behörden verharmlosen die Schadstoff-Gefahr

Ein Schnellschuss, wie sich später herausstellt. Denn ausser Formaldehyd bestimmte Ferraturi keine einzelnen Stoffe. Trotzdem kam er in einem Bericht an den Gemeinderat, der dem Puls-Tipp vorliegt, zum Schluss: «Es sind keine gesundheitsschädigenden Einwirkungen feststellbar. Weitere Untersuchungen erübrigen sich.»

Schulpflege und Gemeinderat bekräftigen dies in einer Orientierung im Lenzburger Bezirksanzeiger: Es sei kein Baustoff bekannt, der Brustkrebs auslöst. «Auf der ganzen Welt gibt es heute noch keinen Hinweis dafür. Das müssen wir jetzt einfach glauben», erklärt Kiga-Mitarbeiter Ferraturi gegenüber dem Puls-Tipp.

Eine gewagte Behauptung. «Es gibt immer mehr Beweise, dass Schadstoffe die führende Ursache für Brustkrebs sind. Doch die Medizin ignoriert dies», schrieb Professor Samuel Epstein von der Universität von Illinois-Chicago in einer Untersuchung schon vor zehn Jahren.

Nelly Müller traute den Analysen der Behörden nicht und veranlasste selbst Luft- und Staubanalysen. Die Messresultate lassen aufhorchen: Die Schule ist mit rund 1500 Mikrogramm Lösemitteln pro Kubikmeter Luft belastet.

«Das ist erschreckend viel», sagt Hermann Kruse vom Toxikologischen Institut der Universität Kiel. Von «erheblichen Konzentrationen» spricht das Labor, das die Proben analysierte. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät in einer Empfehlung für Architekten, 300 Mikrogramm nicht zu überschreiten. In der Schule in Niederlenz hat es wahrscheinlich das Fünffache davon.

Das Labor fand in der Luft verschiedenste Lösemittel. Zum Beispiel insgesamt 1100 Mikrogramm Ethylbenzol und Xylol. Üblich sind in Innenräumen 20 bis 70 Mikrogramm. Oder Ester-Verbindungen: Davon hat es 141 Mikrogramm. 10 Mikrogramm soll man nicht überschreiten, empfiehlt das BAG.

Lösemittel dringen über die Lunge und sogar über die Schutzschicht der Haut in den Körper ein. Dort reichern sie sich in fetthaltigen Organen an. Zum Beispiel in der Brust. 1997 erschien eine viel beachtete Studie von Mark S. Goldberg, Medizin-Professor und Wissenschaftler an der McGill-Universität von Montreal (Kanada). Kernfrage der Goldberg-Studie: Können organische Lösemittel bei Frauen Brustkrebs fördern oder gar auslösen?


Bei Tieren führten Lösemittel zu Brustkrebs

«Das Brustgewebe ist in einem Fettdepot eingebettet und fähig, künstliche Stoffe zu lagern. Es ist möglich, dass Lösemittel und ihre Stoffwechselprodukte von da weiter ins Brustgewebe wandern und sich dort verteilen. In den Milchgängen könnten sie lange genug verweilen, um lokal schädliche Effekte zu verursachen.» Laut Goldberg verwandeln sich Lösemittel in Leber und Niere in andere Stoffe, die in den Milchgängen möglicherweise «bioaktiv und direkt genotoxisch wirken».

In Tierversuchen haben Lösemittel laut Goldberg Brustdrüsenkrebs verursacht. «Die Mehrzahl der Tumore kommt in den Milchgängen vor, die in den Nippeln enden.» Genau dort hat sich auch der Krebs von Nelly Müller entwickelt. Angesprochen auf die Brustkrebsfälle in Niederlenz warnt Goldberg davor, voreilig Schlüsse zu ziehen. «Krebs bricht in der Regel 10 bis 25 Jahre, nachdem man Schadstoffen ausgesetzt gewesen ist, aus», sagt er. Auch wenn fünf Frauen in dieser Schule Brustkrebs hätten: Ein Beweis, dass Lösemittel daran schuld sind, sei das nicht. Er halte es aber für möglich, dass Lösemittel schon bestehenden Brustkrebs gefördert haben.

Wer die offiziellen Stellen in der Schweiz zu Brustkrebs und Schadstoffen anfragt, erhält nur unbefriedigende Auskunft. Es sei möglich, Beweise dafür gebe es aber keine. Laut Goldberg liegt das an mangelnder Forschungsarbeit. Wissenschaftler spüren Gebieten wie Ernährung, Gewicht, Schwangerschaft oder Vererbung nach. Trotzdem sind laut Goldberg die Gründe, weshalb Brustkrebs in den letzten 25 Jahren stetig zugenommen hat, weitgehend unbekannt. «Neue Forschungsansätze sind dringend nötig, um die Schadstoff-Frage zu klären.»

Nelly Müller hat zu dieser Aufklärung einen kleinen, aber wichtigen Beitrag geleistet. Der Gemeinde Niederlenz jedenfalls ist es nicht mehr wohl bei der Sache: Sie lässt die Luft in der Primarschule dieser Tage professionell untersuchen.

01. Februar 2001


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