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Die Chorprobe war unerwartet ausgefallen und Paul viel früher zu Hause als gewöhnlich. Als er ins Eheschlafzimmer kam, war die Bettwäsche auf Myrthas Seite zerwühlt, und eine offene Gleitmitteltube lag neben dem Kopfkissen - ein gänzlich ungewohntes Bild für Paul. Myrtha stolperte verstört und halbnackt aus dem Badezimmer. Paul verstand erst gar nichts.
Er gehört zu jenen rund 90 Prozent der Ehemänner, die keine Ahnung davon haben, dass ihre Frauen sich selbst befriedigen. Auch zwei Drittel aller Frauen sind überzeugt, ihre Männer wüssten sexuell mit sich selbst nichts anzufangen. Irrtum, meine Damen!
Selbstliebe ist mehr als eine pubertäre Notlösung
Fast alle tun es also. Doch meist verstohlen unter der Decke. Manche empfinden es als pubertäre Not- und Ersatzlösung, viele als peinliches Geheimnis. «Fast wie ein Ehebruch», denken sie. Und reden nicht darüber. Schon gar nicht mit dem Menschen, der ihnen am nächsten steht.
Schade. Denn Partnersex und Selbstliebe ergänzen sich bestens, wenn sie offen gelebt werden. Kein Paar kann erwarten, dass die sexuellen Bedürfnisse von Mann und Frau gleich verteilt sind. Wer Überdruck hat, kann mit Selbstbefriedigung Druckausgleich schaffen. Das nimmt Druck weg, und zwar von beiden. Lust gedeiht nur in druckfreier Atmosphäre.
Früher, als Myrtha noch Sex hatte mit ihrem Mann, war sie mit ihrem Orgasmus immer zu kurz gekommen. Wie die allermeisten Frauen erreichte sie bei der Masturbation immer spielend ihren Höhepunkt. Doch beim Koitus mühten sie sich beide ehrlich ab - ohne nennenswerten Erfolg. Warum?
Was den Mann beim Koitus problemlos zum Orgasmus bringt, ist prinzipiell die gleiche Reibung wie bei der Masturbation. Aber die Klitoris wird beim Koitus ohne die Unterstützung der Finger nicht annähernd so gekonnt und gezielt gereizt wie bei der Selbstbefriedigung. Kein Mann wäre orgasmusfähig, wenn man ihm nur inbrünstig die Oberschenkel reiben würde...
Kein Partner braucht sich als Solist zu verstecken
Nach ihrem kleinen Zwischenfall hatten Myrtha und Paul ihr Versteckspiel nicht mehr nötig. Es zeigte sich, dass sie beide sexuell noch am Leben sind. Ihre gemeinsame Sexualität war in den letzten Jahren vertrocknet, unter anderem weil Myrtha chronisch unbefriedigt geblieben war - sehr zu Pauls Verdruss. Und auch, weil sie es die ganze Zeit geschafft hatten, dem viel versprechenden Thema geschickt auszuweichen.
Wirklich ein Wunderthema für Paare, die es Jahre oder Jahrzehnte miteinander gut haben möchten, auch im Bett. Solo-Sex spielt so oder so auch bei Verheirateten eine wichtige und nützliche Rolle, ob sie ihn einander offenbaren oder nicht. Das Gespräch darüber kann jedoch selbst schon erregend wirken.
Die Natur scheint es sich genau so ausgedacht zu haben. Sonst hätte sie dem Menschen entweder kürzere Arme gegeben oder seine Geschlechtsorgane weiter unten platziert.
BUCH-TIPPS
- Betty Dodson: «Sex for One. Die Lust am eigenen Körper», Goldmann Verlag München, Fr. 12.20.
- Lonnie Garfield Barbach: «For Yourself. Die Erfüllung weiblicher Sexualität», Ullstein Verlag Berlin, Fr. 14.10.
01. Mai 2001
