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Artikel | Gesundheits-Tipp 5/2001

Strafuntersuchung Tod durch Schmerztropfen

Rolf Jossi starb, weil er zu viel Tramal schluckte. Seine Frau erhebt schwere Vorwürfe gegen das Kantonsspital Olten. Jetzt ermitteln die Behörden - wegen fahrlässiger Tötung. Der Fall deckt auf: Die Abgabe von Schmerzmitteln in Spitälern ist ungenügend gesichert.

Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch

«Mein Mann fehlt mir. Vor allem an den Wochenenden ist es hart, allein zu sein», sagt Pascale Jossi. Die 38-Jährige sitzt an einem kleinen Tisch in der Küche. An der Decke hängen gelbe und rote Schmetterlinge aus Papier - Bastelarbeiten der Kinder. Im Haus ist es ruhig. Pascale Jossi zündet sich eine Zigarette an. «Mein Mann war mehr als ein Lastwagenfahrer. Er war Geschäftsmann, half aber auch viel zu Hause, kochte und putzte», sagt sie.

Monatliche Raten von 4500 Franken hatten bis vor kurzem das Budget belastet. «In zwei Monaten wäre der 150 000 Franken teure Lastwagen abbezahlt gewesen.» Jetzt wollte Rolf Jossi seiner Familie etwas bieten. Ferien waren geplant, irgendwo in der Wärme. Raus aus dem solothurnischen Dörfchen Fulenbach, seit Jahren zum ersten Mal. Die Ferienprospekte holten sie gemeinsam. Zwei Tage später war Rolf Jossi tot - gestorben an einer Überdosis Schmerzmitteln.

An jenem Wochenende im Februar 1999 beginnt alles ganz harmlos. Weil Rolf Jossi extrem starke Halsschmerzen hat, geht der 49-Jährige zum Dorfarzt. Die verschriebenen Schmerzmittel helfen nicht. Abends lässt sich Jossi deshalb vom Notfallarzt im Nachbarort untersuchen. Dieser vermutet einen Abszess im Hals und überweist ihn noch am gleichen Abend ins Kantonsspital Olten. «Der Arzt sagte, mein Mann gehöre in die Hände eines Spezialisten», erinnert sich Pascale Jossi.

In der Notfallstation des Kantonsspitals wird Rolf Jossi von Assistenzarzt T. H. untersucht. Die Zeit laut Polizeiprotokoll, das dem Puls-Tipp vorliegt: 20.29 Uhr. Doch T. H. ist nicht der erhoffte Spezialist, sondern ein chirurgischer Assistenzarzt. Er inspiziert zwar den Rachen von Jossi und stellt eine starke Schwellung fest. «Mangels Erfahrung», so das polizeiliche Einvernahme-Protokoll, fragt er aber «relativ schnell» die diensthabende Oberärztin telefonisch um Rat.


Jossis Vorwurf: «Ärzte verharmlosten Situation»

Schliesslich lösen die Ärzte den Fall am Telefon. Die Oberärztin, zu Hause auf Pikett, bemüht sich nicht ins Spital. Jossi: «Sie verharmlosten die Situation.» Die Ärzte lassen ihrem Mann die Wahl, die Nacht im Spital oder zu Hause zu verbringen. Rolf Jossi entscheidet sich, zu Hause zu schlafen. Assistenzarzt T. H. gibt ihm einen Termin für den nächsten Tag und verordnet Antibiotika. Zudem verabreicht er Jossi 20 Tropfen des Schmerzmittels Tramal. Er könne in zwei Stunden zu Hause nochmals 20 Tropfen nehmen. Danach drückt T. H. Jossi das ganze Fläschchen in die Hand.

Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern, das Jossis Leiche später untersucht, stellt eine «schwere, rechtsbetonte eitrige Entzündung der Gaumenmandeln und der umgebenden Weichteile» fest.

Jossis Schmerzen müssen extrem sein. Zu Hause träufelt er sich die Schmerztropfen direkt in den Rachen. Danach übergibt er sich zweimal. Als er sich erschöpft ins Bett legt, ist er kreidebleich und schweissgebadet. Die Zeit laut Polizeiprotokoll: 22.10 Uhr.

Jossis Frau hat Angst, und ruft Assistenzarzt T. H. im Kantonsspital Olten an. Sie fragt ihn, ob «da nichts passieren kann, wenn ihr Mann so im Bett liegt und dauernd erbricht». Und gemäss Polizeiprotokoll weiter: Es sehe gar nicht gut aus. Er habe nochmals Tramal-Tropfen genommen, vermutlich zu viel, und er habe seit Tagen fast nichts mehr getrunken. Ob das nicht gefährlich sei, zu Hause zu bleiben. T. H. beruhigt die Frau. Das Schmerzmittel könne Übelkeit auslösen. Er sagt, sie könnten ins Spital kommen. Doch er gibt ihr auch Tipps, wie sie zu Hause die Beine des Mannes hochlagern muss, um seinen Kreislauf anzukurbeln. Sie solle ihren Mann beobachten.

Rolf Jossi schläft ein. Seine Frau geht immer wieder ins Schlafzimmer, kühlt seinen Körper mit einem nassen Lappen, hört, wie er atmet. Bis um vier Uhr morgens - dann schläft auch sie ein.

Als sie um 8.30 Uhr erwacht, liegt ihr Mann regungslos neben ihr. Weisser Schleim aus der Nase überdeckt sein Gesicht. Die Pupillen sind weit und starr. Sie schüttelt ihn. Der 14-jährige Sohn David alarmiert die Ambulanz, während Samuel, 6, einen Lappen holt, um den Schleim abzuwischen. Doch alle Hilfe kommt zu spät. Rolf Jossi atmet nicht mehr. Er ist tot. «Gestorben an den Folgen einer Vergiftung mit Tramal», stellt das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern (IRM) später zweifelsfrei fest. Das von der Polizei sichergestellte Tramal-Fläschchen ist fast leer. Im Mageninhalt und im Blut von Rolf Jossi fanden sich bei der Obduktion «toxische Mengen», wie das IRM festhält.

Das Untersuchungsrichteramt des Kantons Solothurn eröffnet umgehend eine Strafuntersuchung gegen das Kantonsspital Olten - wegen Verdachts der fahrlässigen Tötung. Pascale Jossi schaltet einen Anwalt ein. Sie fordert vom Spital Schadenersatz und Genugtuung für den Tod ihres Mannes, mit dem sie 20 Jahre verheiratet war. «Die Ärzte des Spitals haben Fehler gemacht. Ich will, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden.»

Witwe Jossi erhebt schwere Vorwürfe gegen Assistenzarzt T. H. Er habe falsch reagiert, als ihr Mann zu Hause erbrochen habe. «Ich rief den Arzt an, weil ich das Gefühl hatte, dass es meinem Mann schlecht geht. Doch am Telefon bekam ich den Eindruck, alles sei gar nicht so schlimm.» Laut Polizeiprotokoll sagte T. H. zu Frau Jossi, dass es ihm «hundertmal lieber wäre, sie würden ins Spital kommen, als dass es zu einer ernsthaften Komplikation käme». Doch laut Jossi sagte er auch, sie solle sich keine Sorgen machen. «Er gab mir Tipps, wie ich meinen Mann zu Hause pflegen soll. Ich entschloss mich deshalb, ihn nicht ins Spital zu bringen. Es wäre der vierte Arztbesuch an diesem Tag gewesen.»


Arzt hätte auf Einlieferung ins Spital drängen müssen

Der Puls-Tipp legt den Fall Felix Huber von der Zürcher Medix Ärzte AG vor. «Wenn das stimmt, hätte der Arzt sie ultimativ ins Spital aufbieten müssen. Er hat den Entscheid zu stark der Frau überlassen», sagt er.

Das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern folgert in seinem Bericht, dass der Arzt «einen Wunsch formuliert (...) und die Frau nicht mit Nachdruck dazu aufgefordert hat, ins Spital zu kommen (...) Der Arzt hätte erkennen können, dass sich die Situation geändert hat.» Und weiter: «Eine Hospitalisation zu diesem Zeitpunkt hätte sehr wahrscheinlich den fatalen Ausgang verhindern können.»

Weil ein Verfahren laufe, will Assistenzarzt T. H., der heute an einem anderen Spital arbeitet, zu den Vorwürfen schriftlich keine Stellung nehmen. Pascale Jossi bemängelt vor allem auch die «fahrlässige Abgabe» der Tramal-Tropfen. «T. H. machte uns nicht darauf aufmerksam, dass man mit Tramal vorsichtig umgehen muss. Er drückte meinem Mann das angebrochene Fläschchen in die Hand, ohne auf die gefährliche Dosis und mögliche Nebenwirkungen hinzuweisen», sagt sie.

Tramal ist verschärft rezeptpflichtig. Es wirkt ähnlich wie Morphium. Die Liste der Nebenwirkungen ist lang: Bei mehr als fünf Prozent der Patienten können laut Packungsbeilage Schwindel, Benommenheit und Zittern auftreten. Gelegentlich kollabieren die Patienten sogar oder erleiden einen Schockzustand.

Auch manch andere Patienten haben mit Tramal schlechte Erfahrungen gemacht: Schweissausbrüche und Schwindel hatte zum Beispiel Regula Schneider, 31, aus Zürich, nachdem sie 20 Tropfen Trama- genommen hatte. «Ich musste mehrmals erbrechen.» Pensionär Martin Meier aus Bern (Name geändert) schluckte ein paar Tropfen zu viel - und fiel ins Delirium. «Er sah Mäuse herumrennen und Löcher in den Wänden, die gar nicht da waren», sagt seine Schwiegertochter.

Oberärztin Monika Guirguis vom Schweizerischen Tox-Zentrum in Zürich bestätigt: «Tramal wirkt aufs zentrale Nervensystem. Es kann schon bei geringer Überdosierung epileptische Krampfanfälle sowie Erbrechen auslösen.» Ein Todesfall sei letztmals 1994 bekannt geworden. Der Grund auch damals: Überdosierung. Die meisten Notfallstationen geben deshalb keine ganzen Fläschchen mit Schmerztropfen wie Tramal ab: Dies zeigt eine Umfrage des Puls-Tipp unter Krankenschwestern. Das wäre «unverantwortlich und gefährlich», sagt eine Krankenschwester aus der Region Basel. Es bestehe die Gefahr, dass Patienten zu viel davon nehmen. «Ich zähle jeweils 20 Tropfen in einen Becher mit Wasser ab. Diese Dosis nimmt der Patient nach Hause, mehr nicht.»

Auch mit anderen Schmerzmitteln ist nicht zu spassen. Die Hälfte der rund 700 000 Menschen in der Schweiz, die regelmässig Mittel wie Ponstan, Voltaren, Aulin oder Brufen schlucken, klagen über Nebenwirkungen. Häufig sind Blutungen in Magen und Dünndarm - mit gravierenden Folgen: 620 Menschen sterben jährlich an Schmerzmitteln, wie eine aktuelle Untersuchung des Universitätsspitals Zürich zeigt.

Besonders bei Tropfen ist die Gefahr einer Vergiftung gross: Wenn die Schmerzen nicht verschwinden, schütten Patienten schnell mal einige Tropfen nach. Zudem irrt sich jeder fünfte in der Dosierung: Dies zeigt eine aktuelle Studie der Harvard Medical School in den USA. Felix Huber von der Zürcher Medix Ärzte AG bestätigt: «Patienten verwechseln die Dosierungen der Medikamente. Zudem meinen sie, Tropfen seien harmloser als Tabletten.» Deshalb sei es wichtig, dem Patienten die Dosis eingehend zu erklären und aufzuschreiben. «Vor allem, wenn ein Patient Tramal zum ersten Mal nimmt und nicht gelernt hat, wie er damit umgehen muss», ergänzt Patrik Muff, Apotheker im Kantonsspital Fribourg.


Aus dem tragischen Tod wenig gelernt

Hätte Assistenzarzt T. H. das Fläschchen korrekt beschriftet, würde Rolf Jossi vielleicht noch leben. Doch T. H. unterliess dies. Er räumt bei der polizeilichen Einvernahme ein, auf der Medikamenten-Packung keine schriftlichen Hinweise angebracht zu haben. «Mein Mann erhielt nicht einmal eine Packungsbeilage», sagt Witwe Jossi.

Dies erstaunt nicht. Längst nicht jedes Spital verfügt über Regeln, Vorschriften oder Richtlinien für die Abgabe von Medikamenten auf der Notfallstation. Auch das Kantonsspital Olten nicht. Das Spital hat aus dem tragischen Tod von Rolf Jossi wenig gelernt. Noch heute, zwei Jahre später, existiert laut Chefarzt Lukas Eisner «fürs Personal keine schriftliche Regelung».

Gemäss einer Untersuchung der Zücher Gesundheitsdirektion finden 50 Prozent der befragten Patienten, dass Ärzte sie vor der Entlassung nicht ausreichend über Nebenwirkungen der Medikamente aufklären. Und Ende April hat in Fribourg ein Kongress stattgefunden, an dem leitende Spital-Ärzte und Apotheker die Risiken der Arzneimittel diskutierten. «Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass in Spitälern Arzneimittel die häufigste Ursache von Komplikationen sind», sagt Kongress-Organisator Patrik Muff.

Packungsbeilagen für die Patienten sind häufig nicht genug oder überhaupt nicht vorhanden. «Das ist ein Systemfehler. Es wäre wichtig, sie für die Patienten zu kopieren», sagt Beat Kehrer, Chefarzt am Kinderspital St. Gallen.

Oft willkürlich läuft auch die Pillen-Abgabe: Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger schneiden rezeptpflichtige Schmerzmittel wie Ponstan direkt vom Streifen ab - und drücken sie den Patienten in die Hand. Oder sie füllen Pillen aus angebrochenen Packungen in kleine Säckli ab. «Klare Vorschriften dazu fehlen auch bei uns», sagt Chefarzt Beat Kehrer. «Ich werde eine interne Überprüfung anordnen.»


Kantonsspital Olten weist Schuld von sich

Dies wäre auch in anderen Spitälern angezeigt. Denn Ärzte und Krankenpersonal beschriften die Säckli nicht immer. Überlastung und Stress führen dazu, dass sie - wie im Fall Jossi - nur mündlich über die zulässige Dosis aufklären. «Ich habe die Säckli nicht immer angeschrieben. Bei mehreren Medikamenten ist dies enorm aufwendig», sagt eine Notfallschwester aus dem Raum Zürich. Seit einiger Zeit arbeite sie genauer. «Die Medien berichten immer wieder über Fehler im Spital. Ich möchte nicht, dass man mich einmal verantwortlich macht.»

Im Fall Jossi ist noch niemand zur Verantwortung gezogen worden. Bis ein Urteil gesprochen ist, gelten Ärzte und Personal des Kantonsspitals Olten als unschuldig. Die Akten liegen seit einiger Zeit im Untersuchungsrichteramt Olten. Spitaldirektor Theodor Steger erklärt: «Der tragische Todesfall von Rolf Jossi tut uns leid. Er ist nicht spurlos an unseren Ärzten und Mitarbeitern vorbeigegangen.»

Was Steger nicht sagt: Er und die Haftpflichtversicherung seines Spitals stellen sich auf den Standpunkt, dass Rolf Jossi seinen Tod selbst verschuldet hat. «Wir sehen keine Sorgfaltspflichtverletzung der involvierten Ärzte und des Personals», steht im letzten Brief, den Witwe Pascale Jossi von der Basler Versicherung erhalten hat.

Jetzt soll ein Obergutachten Klarheit bringen. Ob die Witwe zu ihrem Recht kommt, liegt in den Händen der Anwälte und Richter. Wie schrieb sie in der Todesanzeige ihres Mannes: «Verstehen? Nein, das kann ich nicht. - Glauben? Ja, muss ich wohl.»

01. Mai 2001


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Kommentare (1)

 
  • cardread | 15.02.2008, 14:50

    tramal

    nur mal so
    kriege ich ein fläschen tramal tropfen, es soll mir helfen
    auf die frage wie ?
    dass sie nicht sterben!
    nur weil ich medikamentensüchtig,codein,bin

    1 flasche

    damit wäre ich alle sorgen los auf einmal
    hätte ich das fläschen gestern in der hand gehabt,
    wäre dies mein tod
    so mal so

    ich bin zwar froh habe ich es,
    aber es ist gefährlich
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