|
(0) |
Blutzucker messen vor der Migros: Fachleute kritisieren «wahllose Patientensucherei» der Diabetes-Gesellschaft
Die Schweizerische Diabetes-Gesellschaft lockt Konsumenten bei Migros-Filialen zum Gratis-Blutzucker-Test - finanziert von Pharmafirmen. Jeden Fünften schickte sie zum Arzt. Fachleute ärgern sich: «Solche Aktionen bringen nichts.»
Tobias Frey tfrey@pulstipp.ch
Ein Gipfeli und ein Brötchen, ein Glas Orangensaft, Konfi und Butter, eine Tasse Kaffee - alles gratis. So angenehm beginnt kein Besuch beim Arzt. Aber der Test auf Altersdiabetes vor dem Einkaufsbummel.
Mit solchen «Frühstücks-Events» lockt die Schweizerische Diabetes-Gesellschaft die Konsumenten zum Blutzuckertest bei Migros-Filialen. Ein idealer Standort für eine solche Aktion. Hier schlendern künftige Patienten vorbei: Mütter, Familienväter, ältere Menschen. Wer zwei Stunden nach dem Frühstück einen erhöhten Blutzuckerspiegel hat, den schicken die untersuchenden Fachpersonen zum Hausarzt.
Diese Aktionen fanden im November und Ende März statt. Resultat: Jeder Fünfte sollte zum Arzt gehen. Das Pikante: Diese Bluttests fürs Volk bezahlen zum grossen Teil Novartis und Merck-Lipha. Novartis stellt das Medikament Starlix gegen Altersdiabetes her, Merck vermarktet es mit.
Die Diabetes-Gesellschaft plant weitere solche Aktionen, wie Generalsekretär Daniel Adamus bestätigt.
Doch jetzt melden sich erste Kritiker zu Wort. Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation: «Ich finde es fragwürdig, auf diese Weise wahllos nach Patienten zu suchen. Vor allem, wenn Medikamentenhersteller die Aktion mitfinanzieren.»
Die Novartis bekundet ihr Anliegen unverblümt. In der hauseigenen Zeitschrift steht geschrieben: «Ziel der Aktion war, die Bevölkerung für den Diabetes Typ 2 (...) zu sensibilisieren. Mit dem neuen Medikament Starlix von Novartis ist ein Arzneimittel auf dem Markt, das die Insulinsekretion wiederherstellt.»
Das wundert nicht. Die Novartis steht mit ihrem Starlix unter Druck. Seit Anfang April müssen die Krankenkassen zwei weitere Medikamente gegen den Altersdiabetes bezahlen: Actos von der japanischen Firma Takeda und Avandia von GlaxoSmithKline. Der Kampf um die rund 250 000 Diabetes-Patienten in der Schweiz ist jetzt voll entbrannt.
Vorbeugen durch gesundes Essen und Bewegung
Professor Arthur Teuscher vom Diabetes-Zentrum Lindenhof in Bern warnt vor dem vorschnellen Gebrauch von Medikamenten. Er sagt: «Gegen Altersdiabetes schützen vor allem regelmässige körperliche Aktivitäten und eine gesunde Ernährung, zum Beispiel mediterrane Kost. Die Medikamente kommen zuletzt.».
Teuscher zweifelt am medizinischen Nutzen von «Suchaktionen» nach Patienten: «Massen-Screenings gegen den Altersdiabetes bringen nichts. Ein solcher Test ist viel zu wenig aussagekräftig, um verdächtige Patienten gleich zum Arzt zu schicken.» Der Grenzwert des Blutzuckerspiegels nach dem Essen sei eine diffuse Grösse. Erst recht, wenn man ihn nach einem fetthaltigen Frühstück misst, das Testnormen kaum standhält. Puls-Tipp-Arzt Thomas Walser kritisiert zudem: «Patienten mit einmalig hohen Werten setzt man einfach den Krankheitsängsten aus - und lässt sie dann allein. Der Hausarzt, der den Wert einordnen kann, der fehlt bei dieser Messung auf der Strasse.»
Übergewicht - eines der Risiken für Altersdiabetes
Beim Altersdiabetes oder dem Diabetes Typ 2 wirkt das Insulin nicht mehr richtig. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel ist überhöht. Dies kann mit der Zeit zu schweren Gefässschäden führen, gar zu Blindheit. Dennoch heisst es noch lange nicht, dass Patienten mit einem einmalig erhöhten Blutzuckerspiegel auch krank werden. Arthur Teuscher betont, dass zum Altersdiabetes vor allem Übergewicht führe, falsche Ernährung, Bewegungsmangel oder auch familiäre Vorbelastung.
Thomas Walser schlägt deshalb vor: «Sinnvoller wäre es, die Menschen mit einem erhöhten Risiko zu erfassen - ohne gleich den Blutzucker vor der Migros zu messen.»
Dies unterstützt auch Patientenvertreterin Margrit Kessler: «Wenn man den Altersdiabetes gezielt bekämpfen wollte, müsste man vor allem die Risikogruppen dazu bewegen können, ihren Blutzucker messen zu lassen.»
Daniel Adamus von der Schweizerischen Diabetes-Gesellschaft verteidigt die Blutmessungen: «Die Aktionen sind das Gegenteil von Angstmacherei. Früherkennung ist entscheidend, um Spätschäden bei Diabetes vermeiden zu können.» Für Adamus ist es nicht entscheidend, ob das «Frühstücks-Event» auch Testnormen standhält: «Unser Ziel ist klar: Wir wollen potenzielle Risikopatienten früh erkennen und einer genauen ärztlichen Untersuchung zuführen.» Ihn stört auch nicht, dass Medikamentenhersteller Novartis einer der Hauptsponsoren ist: «Wenn uns Firmen bei Projekten der Früherkennung unterstützen, ist dies nützlich und sympathisch.»
Die Migros gibt den schwarzen Peter weiter. Pressesprecherin Maja Amrein: «Wir stützten uns bei den Aktionen auf die Diabetes-Gesellschaft. Das sind ja die Spezialisten.» Sie räumt allerdings ein: «Es darf nicht sein, dass solche Tests die Leute mehr verunsichern, als dass sie der Sache dienen. Dann müsste die Diabetes-Gesellschaft die Tests neu überdenken.»
Buch-Tipp: Arthur Teuscher: «Diabetes Typ 2: Vom Wissen zum Handeln», Fr. 39.-. Zu bestellen bei der Stiftung Ernährung und Diabetes Bern, c/o Bürozentrum Rossfeld, Postfach 565, 3000 Bern.
So bekommen Sie den Blutzucker in den Griff
1. Durch diabetesgerechte Ernährung:
- Reduzieren Sie Fett und Eiweisse auf dem Teller.
- Essen Sie mehr Kohlenhydrate, die nur langsam den Blutzucker steigern: Vollkornbrot, Teigwaren, Kartoffeln, Obst, Beeren, Yoghurt, Hülsenfrüchte, Gemüse.
- Trinken Sie nur mässig Alkohol, zum Beispiel ein Glas Rotwein pro Tag.
2. Durch Bewegung:
- Bereits forsches Gehen reduziert sofort den Blutzuckerspiegel.
- Bewegen Sie sich mindestens eine halbe Stunde täglich, beispielsweise bei einem Spaziergang.
- Auch folgende Bewegungsarten tun gut: Hausarbeit, Gartenarbeiten, Gymnastik, Velo fahren, Schwimmen.
- Gehen Sie zu Fuss einkaufen statt mit dem Auto.
3. Durch Medikamente:
- Über zusätzliche Medikamente sollte der Arzt zusammen mit dem Patienten entscheiden.
Frühstücks-Events - Was haben Sie erlebt?
Haben Sie auch an Frühstücks-Events mitgemacht und den Blutzucker bestimmen lassen? Gingen Sie zum Arzt? Welches waren Ihre Erfahrungen?
Schreiben Sie an: Redaktion Puls-Tipp, «Diabetes-Test», Postfach 277, 8024 Zürich oder, redaktion@pulstipp.ch, Der Puls-Tipp behandelt Ihr Schreiben vertraulich.
01. Mai 2001
