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Bei sehr starken chronischen Schmerzen ist Morphium weniger gefährlich als Aspirin
Morphium ist oft die letzte Rettung für Schmerzpatienten - nicht nur bei Krebs. Viele Ärzte glauben, dass Patienten davon süchtig werden. Doch das stimmt nicht.
Claudia Peter cpeter©pulstipp.ch
«Es war wie langsam neu geboren werden.» So beschreibt selten ein Mensch eine ärztliche Behandlung. Stefan Hux tut es. Er meint einen Eingriff vom Januar dieses Jahres, bei dem Schmerzspezialist Claus Naumann von der Zürcher Bethanien-Klinik ihm eine Pumpe mit hoch- wirksamem Morphium einsetzte.
Stephan Hux ist Schmerzpatient. Die letzten drei Jahre lag er viel im Bett, unfähig oft, sich auch nur umzudrehen. Der Schmerz sass tief in seinen Lendenwirbeln und Oberschenkeln, später auch in seinen Füssen. Wo der Schmerz genau herkommt, wissen die Ärzte bis heute nicht. Er meldete sich erstmals während eines Tauchurlaubs in Thailand. Unter Wasser erlitt Hux plötzlich einen Migräneanfall. Es gelang ihm noch, das Begleitboot zu erreichen. Doch bereits auf dem Weg ans Ufer konnte er sich vor Schmerzen kaum noch bewegen.
Stephan Hux durchlitt seither eine dreijährige Odyssee durch Schweizer Spitäler. Die Ärzte durchleuchteten seine Beine, seinen Rücken, seinen Kopf und konnten dennoch keinen Grund für die Schmerzen finden. Nur auf eine Therapie einigten sie sich: Morphium. «Natürlich erscheint es ungewöhnlich, Morphium zu geben, wenn die Ursache der Krankheit noch nicht feststeht. Schliesslich gilt es im Volksmund ja als Rauschmittel», sagt Schmerzpionier Claus Naumann. «Doch wir können Patienten nicht leiden lassen, nur weil die Ärzte nicht mehr weiter- wissen.»
Stephan Hux hat sich selbst nie als «süchtig» empfunden. «Vor zwei Jahren hatte ich mehrere Wochen lang eine fast schmerzfreie Phase», berichtet er. «In dieser Zeit hatte ich überhaupt keine Probleme, auf Morphium ganz zu verzichten. Ist der Schmerz weg, kommt der Wunsch nach dem Mittel gar nicht erst auf.»
Bei richtiger Abgabe besteht keineSuchtgefahr
Das bestätigt auch der Schmerzspezialist Naumann. «Morphium ist leider bis heute verpönt, weil viele Ärzte fürchten, dass die Patienten süchtig werden. Doch wenn sie Morphium fachgerecht verabreichen, kann eine psychische Abhängigkeit gar nicht auftreten», sagt er. Fachgerecht bedeutet vor allem: regelmässig. Der Wirkstoff-Spiegel im Blut müsse konstant gerade so hoch sein, dass das Mittel den Schmerz in Schach hält. Deswegen zeuge es von fehlendem Fachwissen, Morphium nur nach Bedarf abzugeben. «Wer den Patienten sagt, sie können die Tabletten zwei Tage lang nehmen, wenn sie Schmerzen haben, und es dann zwei Tage lang bleiben lassen, der begeht einen Kunstfehler.»
Auch der Zürcher Drogenexperte André Seidenberg hält die Suchtgefahr für «sehr gering». Nur wenige seiner vielen Suchtpatienten behaupten von sich, wegen einer Schmerzbehandlung süchtig geworden zu sein. Zudem müsse man mit solchen Erzählungen sehr vorsichtig umgehen. Der Grund: «Suchtpatienten neigen dazu, ihre Geschichten so zu "drehen", dass möglichst wenig Verantwortung für die Sucht bei ihnen selber liegt.»
Viel stärker verlässt sich Seidenberg auf Studien. Und die sprechen eine eindeutige Sprache. Schon vor Jahren wiesen Ärzte einer New Yorker Spezialklinik nach, dass von 22000 Krebspatienten nur 7 durch morphium-, methadon- und kodeinhaltige Mittel süchtig wurden.
Der deutsche Schmerzexperte Kai Herrmanns aus Berlin hält Morphium bei alten Menschen sogar für die «allererste Wahl» in der Schmerztherapie. Der Grund: Ältere haben meist Krankheiten, bei denen andere Schmerzmittel Schaden anrichten können. Dazu zählen vor allem Magenprobleme. Laut einer aktuellen Studie sterben in der Schweiz pro Jahr 600 Menschen an den Folgen herkömmlicher Schmerzmittel wie Aspirin, Brufen oder Ponstan. Diese Mittel schädigen bei lang dauernder Einnahme vor allem den Magen.
Bei den Opiaten, zu denen Morphium gehört, treten solche lebensbedrohlichen Langzeitschäden nicht auf. Früher hatten die Menschen auch nicht so viel Scheu vor diesen Mitteln. Die erste Krankenschwester der Welt, Florence Nightingale, bekämpfte 40 Jahre lang ihre Rückenschmerzen mit Opium. Sie wurde 90 Jahre alt. Heute liefe sie Gefahr, ihre Stelle zu verlieren. Denn gerade Ärzte und medizinisches Personal haben die grössten Vorbehalte gegen opiumhaltige Schmerzmittel. Der Zürcher Experte Claus Naumann, der seit vielen Jahren dafür kämpft, dass Mediziner diese Mittel akzeptieren, sieht nur langsame Fortschritte: «Es gibt noch immer viele Ärzte, die gegen Morphium sind. Aber sie äussern es oft nicht offen.»
Dadurch müssen Patienten unnötig leiden, wenn sie ins Spital kommen. Naumann hat Erfahrungen: «Manche Spitäler bilden sich ein, sie müssten vor der eigentlichen Behandlung eine Entzugstherapie erzwingen, obwohl die Patienten gar nicht psychisch abhängig sind. Also erhalten sie das Morphium nicht mehr.» Dann kämen aber die unerträglichen Schmerzen wieder. «Spätestens an diesem Punkt landen ratlose Spitäler erneut beim Morphium.»
So erging es auch Ursula Meier (Name geändert). Als die 40-Jährige 1999 wegen ihrer kaputten Wirbelsäule ins Spital musste, nahm sie bereits drei Jahre lang Morphium. «Die Ärzte wollten mir das Schmerzmittel ganz wegnehmen», erzählt sie. «Da bekam ich aber wieder Schmerzen. Erst dann gaben sie es mir zurück. Aber ich musste jede Stunde um eine Tablette bitten.»
Die erniedrigendste Erfahrung machte Ursula Meier mit einer Krankenschwester. Sie habe zu ihr gesagt: "Ich sehe, dass Sie mir nicht die Hände entgegen strecken, wenn ich mit der Tablette komme. Sie können Ihre Sucht ja beherrschen!"»
Meier wird wütend, wenn sie in Zeitungen liest, Morphium führe zu Euphorie. «Das ist keineswegs so», stellt sie klar. «Es ist im Gegenteil unangenehm, Morphium zu nehmen.» Der Grund: Morphium verursacht zwar keine Körperschäden. Aber es hat eine Reihe belastender Nebenwirkungen. Dazu gehören Verstopfung sowie eine ständige Müdigkeit.
Dank Morphiumpumpe nur Hundertsteldosis nötig
Claus Naumann hat seit einigen Jahren eine Lösung für dieses Problem. Das ist die Morphiumpumpe. Sie wird unmittelbar bei den schmerzleitenden Nerven eingesetzt und pumpt regelmässig eine Dosis Morphium in die Rückenmark-Flüssigkeit. Der Vorteil: Man braucht ein Hundertstel der Dosis, um dieselbe schmerzstillende Wirkung zu erzielen wie mit Tabletten. «Die Nebenwirkungen sind dann kaum noch spürbar», sagt Naumann.
Ursula Meier trägt die Morphiumpumpe seit 18 Monaten im Rücken. Sie ist begeistert: «Ich bin leistungsfähiger und unabhängiger geworden. Endlich muss ich nicht mehr ständig an Tabletten denken.» Auch Stephan Hux fühlt sich mit der Pumpe «wie befreit». Sein Blutdruck ist stabil, er ist nicht mehr ständig müde. Doch das Wichtigste: «Endlich hat die Familie wieder etwas von mir.»
Diskussionsforum im Internet
Die Deutsche Schmerzhilfe hat ein Diskussionsforum zum Thema Opiate eingerichtet. Die Adresse: www.forum.schmerzselbsthilfe.de/showboard.php3?id=6
01. August 2001
