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Artikel | Gesundheits-Tipp 5/2002

Schlank bleiben ist keine Hexerei

Abnehmen: So können Sie dem Jo-Jo-Effekt ein Schnippchen schlagen

Susanna Hirt hat 55 Kilo verloren. Sie hält ihr Gewicht seit Jahren. Ihre Geschichte beweist: Jeder kann es schaffen, die überflüssigen Pfunde loszuwerden - für immer.

Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch

Der Schmerz durchfuhr sie wie ein Messer. Gerade noch hatte sich Susanna Hirt problemlos nach einer Kiste gebückt. Plötzlich knickte ihr rechtes Bein ein. Mit letzter Kraft stellte Susanna Hirt die Kiste ab und lehnte sich gegen die Wand. Ganz allmählich spürte sie ihr Bein wieder.

Die Ärztin stellte fest: Die damals 28-jährige Charcuterieverkäuferin hatte einen Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen. Vier Monate lang war sie krank geschrieben. Die Ursache war klar: Susanna Hirt war stark übergewichtig. Sie wog 130 Kilo, bei einer Körpergrösse von 1,73 Metern. Dieses Gewicht lastete seit Jahren auf ihren Bandscheiben. «Sie müssen Ihr Leben verändern», mahnte der Arzt im Spital. «Sonst kommen Sie um eine Bandscheibenoperation nicht herum.» Das war vor acht Jahren.

Die Operation wollte Susanna Hirt auf jeden Fall vermeiden. Schon vorher hatte sie Dutzende von Abspeckversuchen hinter sich gebracht, von A wie Ananas- bis Z wie Zucchini-Diät. Doch alle schlugen sie fehl. «Diese Heftdiäten sind reine Geldschinderei», schimpft sie heute. «Es war immer das Gleiche: Ich fing an, nahm mühsam zwei Kilo ab, hörte wieder auf und war bald vier Kilo schwerer.» Damit gehörte die Verkäuferin zu den vielen tausend Opfern des gefürchteten Jo-Jo-Effekts.

Der Jo-Jo-Effekt ist die natürliche Antwort des Körpers, wenn man ihm eine Zeit lang weniger Energie zugeführt hat. Während der Diät schaltet der Körper auf Sparflamme, gewöhnt sich daran und braucht auch danach weniger Energie. Wer wieder «normal» isst, führt dem Körper mehr überschüssige Energie zu als vor der Diät. Dieser Überschuss verwandelt sich in neues Fett.

Viele Abspeckwillige versuchen es trotzdem wieder - in dem Glauben, nur die «richtige» Diät finden zu müssen. Die meisten scheitern erneut. Und davon lebt eine ganze Industrie in der Schweiz. Etwa 200 Millionen Franken geben Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr für Schlankmacher-Produkte aus.


Ein einfaches Rezept bringt verblüffenden Erfolg

Doch manche Menschen schaffen es. Sie nehmen 20, 30, 40 Kilo ab und halten ihr neues Gewicht über viele Jahre. Eine Gruppe US-Wissenschaftler hat diese «erfolgreichen Verlierer» ausfindig gemacht und erforscht. «Wir wollten wissen, wie der langfristige Abspeckerfolg funktioniert», berichtet einer der Initiatoren, Professor James O. Hill vom Ernährungszentrum der Universität von Colorado (USA).

Die Gruppe richtete 1993 eine Internet-Datenbank ein. Eintragen kann sich jeder, der mindestens 15 Kilo verloren und das neue Gewicht mindestens ein Jahr lang gehalten hat. Inzwischen sind das 3000 Menschen in den ganzen USA. Bei ihnen entdeckten die Forscher verblüffende Gemeinsamkeiten:

- Sie frühstücken jeden Tag.

- Sie treiben täglich mindestens eine Stunde Sport und verbrauchen dabei etwa 400 Kilokalorien.

- Sie essen pro Tag nur etwa 1400 Kilokalorien. Drei Viertel davon kommt aus Kohlehydraten, nur ein Viertel aus Fett.

- Sie steigen regelmässig auf die Waage.

Ohne je von der Studie gehört zu haben, folgte auch Susanna Hirt diesem Rezept. Mit durchschlagendem Erfolg: 55 Kilo hat sie seit ihrem Bandscheibenvorfall verloren. Hirt begann langsam. Zunächst ging sie jeden Tag eine halbe bis eine Stunde schwimmen. «Dabei nahm ich zwar nicht ab, aber ich wurde beweglicher. Nach einem Jahr fühlte ich mich so wohl wie noch nie in meinem Körper.» Danach wagte sie sich ins Fitnessstudio.

Heute trainiert Susanna Hirt mindestens dreimal pro Woche während der Mittagspause. Sie stemmt Gewichte oder fährt Rad. Das ist ihr zum Bedürfnis geworden. «Wenn ich einmal drei Tage lang aussetzen muss, bekomme ich sofort schlechte Laune», sagt sie.

Parallel zum Sport stellte sie auch die Ernährung in kleinen Schritten um. «Ich fing an, täglich zu frühstücken. Aber nur Müsli, nie Brot - das habe ich ganz gestrichen. Dann versuchte ich, immer mehr Fett wegzulassen.» Heute besteht Susanna Hirts Speiseplan vor allem aus Kartoffeln, Teigwaren, Gemüse und Salat. Fleisch spielt bei der Charcuterieverkäuferin privat «nur noch eine Nebenrolle».

Kohlehydrate wandeln sich nur langsam in Fett um. Und: Man überisst sich nicht. Wissenschaftler haben gezeigt, dass fettreich Ernährte pro Tag bis zu 1000 Kilokalorien zu viel essen. Das sind am Tag 90 Gramm Fett, im Monat 2,7 Kilo.

Ist nun fettreduziertes Essen wichtiger beim Abnehmen oder ist es die Bewegung? Die amerikanischen Datenbank-Teilnehmer bieten darauf eine klare Antwort. Es braucht beides zum Erfolg.

Die Forscher widerlegen auch manche lieb gewordene Ausrede Übergewichtiger. So scheint die Rolle der Vererbung geringer zu sein als bisher angenommen. 60 Prozent der amerikanischen Abspeckstars hatten übergewichtige Eltern und Geschwister - und nahmen trotzdem ab. Gleichgültig ist auch, wie der Abspeckerfolg zu Stande kam. Etwa die Hälfte der Teilnehmer startete zu Beginn mit professionellen Diätprogrammen. Die anderen erzielten den Erfolg ganz ohne Hilfe.

Zurzeit erforscht Hill, wie seine erfolgreichen Kandidaten das Training in ihrem Berufsalltag unterbringen. Das ist auch ein zentrales Problem für Katja Burkhard. Die 35-jährige Assistentin eines Zürcher Personalberaters hat eine ähnliche Geschichte hinter sich wie Susanna Hirt. «Als Jugendliche war ich eine Frust-Esserin», erinnert sie sich. «Ich brauchte wahrscheinlich das Fett als Schutzpanzer, weil ich so verletzlich war.» Einen Grund dafür sieht sie im psychischen Druck, der von ihrer Familie ausging. «Dort legten alle sehr viel Wert auf die "schlanke Linie". Wenn ich ein paar Pfund abgenommen hatte, hiess es gleich: "Jetzt mögen wir dich wieder."»


Innert fünf Monaten von 92 Kilo auf 59 Kilo

Katja Burkhards «Schutzpanzer» schwoll auf einen beachtlichen Umfang an. Ihr Rekord: Fast 92 Kilo Gewicht bei einer Grösse von 1,62 Metern. Der Entschluss abzunehmen, kam nach einer schmerzhaften Trennung. «Jetzt konnte ich Ballast abwerfen», erinnert sie sich. Die Kombination aus fettarmem Essen und Aerobic spülte ihre Pfunde blitzartig weg. «In fünf Monaten verlor ich 33 Kilo - ohne mich zu quälen.» Damals, vor acht Jahren, war Katja Burkhard Hausfrau. Inzwischen ist sie wieder in den Beruf eingestiegen und musste den Sport reduzieren.

Doch das ist mittlerweile nicht mehr so schlimm, denn das Gewicht zu halten, fällt ihr leichter. Katja Burkhard: «Ich muss nicht mehr so streng zu mir sein. Wenn es einmal zwei Kilo mehr sind, bringe ich sie schnell wieder hinunter.»



Auf Dauer schlank: So erreichen Sie Ihr Ziel

Die wichtigsten Grundregeln

- Frühstücken Sie jeden Tag. Wer hungrig die Arbeit beginnt, isst später mehr.

- Steigen Sie ein- bis zweimal pro Tag auf die Waage. So lernt man, wann der Körper schnell abnimmt.

- Verbannen Sie Fett aus dem Speiseplan.

- Planen Sie jeden Tag mindestens eine Stunde für körperliche Bewegung ein.


Die besten Tricks

- Gehen Sie nie hungrig einkaufen.

- Trinken Sie vor dem Essen ein Glas Wasser.

- Konzentrieren Sie sich aufs Essen, vermeiden Sie Nebenbeschäftigungen wie Fernsehen. Sonst merken Sie nicht, ob Sie satt sind.

- Frust und Heisshunger auf Schokolade? Auch ein Fruchtjoghurt kann trösten!


Die besten Rezepte zum Abnehmen

Die Stiftung Warentest hat 80 Diäten geprüft. Einige davon sind sinnvoll, um die Ernährung langfristig umzustellen. Die bekanntesten: Die Diät der Frauenzeitschrift «Brigitte» und das «Weight Watchers»-Programm. Das «Test»-Spezial «Diäten» gibts bei der Stiftung Warentest, D-705 23 Stuttgart, Tel. 0049 711 72 82.

Der Internet-Dienst «Net-Doktor» hat 20 Diäten beurteilt: www.netdoktor.de/ernaehrung/diaet


Buchtipp

Susan Powter: «Ohne Diät gehts auch.» Heyne-Verlag München, Fr. 16.40.



Wie erfolgreich war Ihre Diät?

Haben Sie viele Kilos verloren - und Ihr Gewicht über längere Zeit halten können? Welche Erfahrungen haben Sie mit Diäten gemacht? Schreiben Sie uns doch Ihre Erlebnisse:

Puls-Tipp, «Diät», Postfach 277, 8024 Zürich, redaktion@pulstipp.ch

01. Mai 2002


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