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Artikel | saldo 9/2002

Internet-Partnervermittlung - Geschäftemacherei mit der Suche nach dem Liebesglück

Immer mehr Singles suchen ihren Partner übers Internet. Mit Erfolg: Bereits jeder Achte hat im Netz einen Partner gefunden. Doch nicht alle Angebote sind seriös.

Mein Wunsch: Ich möchte mit jemandem den Frühling geniessen und mich von den Gefühlen treiben lassen», schreibt eine 35-jährige Bernerin mit blauen Augen, blonden Haaren und schlanker Figur. Unter der Rubrik «Ernste Beziehung» sucht sie bei www.swissflirt.ch den Mann ihrer Träume.


Lockvogel-Inserate und teure Verbindungen

Die Chancen, dass es zu einem Treffen mit einem bindungswilligen Mann kommt, sind gut. Jeder achte Single gab in einer Umfrage sogar an, dass es auf diese Weise gefunkt hat. Die Zürcher Soziologin Evelina Bühler untersuchte in einer Studie die Online-Liebesbeziehungen und stellte fest, dass das Internet neben dem Arbeitsplatz der wahrscheinlichste Ort ist, einen Partner fürs Leben zu finden. «Die Suche im Internet hat ganz klar Vorteile», sagt Evelina Bühler. «Die Singles lernen zuerst die Gedanken und Wünsche der Internet-Bekanntschaft kennen und lassen sich nicht sofort vom Aussehen beeinflussen.»

Das Interesse an Internet-Kontaktseiten ist gross, das Angebot nimmt laufend zu: Allein in der Schweiz gibt es über 20 Anbieter, die Datings, Traumpartner-Sofortkontakte und Flirts versprechen; im gesamten deutschsprachigen Raum sind es über 100. «Ich kann so in kurzer Zeit mit Singles Kontakt aufnehmen, die mich interessieren», sagt Lara. Die 17-Jährige hat im Internet auf einer Partner-Kontaktseite ihren Freund kennen gelernt. «In der Disco haben mich die Jungs immer schnell genervt.» Das Internet hat sich rasch zum Balzrevier entwickelt - mit ganz neuen Möglichkeiten. Denn hier können sich die Singles kostenlos ihren Partner nach einem bestimmten Profil suchen. «Die Chance, dass die Beziehung hält, ist dadurch gross», sagt Soziologin Bühler.


Teure 0906er-Verbindung statt Liebesglück

Doch nicht alle Vermittler spielen mit offenen Karten. Singles gehen bei der Partnersuche immer öfter unseriösen Anbietern auf den Leim. Deren Tricks: Sie setzen einerseits Lockvogel-Inserate ins Netz, um Singles zu einer teuren 0906er-Nummer zu bringen. Zum anderen installieren sie unbemerkt Programme auf der Festplatte. Mit diesen so genannten Web-Dialern ist die Verbindung zum Telefonanbieter bis zu hundertmal teurer. Der Schaden bleibt beim Single, denn die Telefongesellschaft fordert das Geld meist trotzdem ein und verdient bis zu 20 Prozent mit.

Eine Erfahrung, die auch Roman Huber aus Untersiggenthal AG machen musste. Seine 14-jährige Tochter surfte auf einer Partnervermittlungsseite. Sie ist überzeugt, nie ein Programm für eine teure 0906er-Verbindung heruntergeladen zu haben. Trotzdem bekam Huber Ende Monat eine Telefonrechnung von über 1500 Franken für die Verbindung zu einer Nummer, die mit «Unterhaltung/ Telefonkiosk» auf der Rechnung aufgeführt war. Die ahnungslose Familie surfte wochenlang ausschliesslich über die teure Servicenummer.


Dubiose Anbieter arbeiten oft von Deutschland aus

Jurist und Internetexperte David Rosenthal aus Basel befasst sich seit Jahren mit Betrug im Internet. Er weiss, dass die meisten dieser unseriösen Kontaktanbieter von Deutschland aus operieren: «Das macht es schwierig, an die Betrüger heranzukommen, denn die Zusammenarbeit mit den Behörden aus anderen Ländern ist oft Zeit raubend und kompliziert.» Die Polizei sperrt zwar manchmal solche Websites und versucht, die Verantwortlichen zu überführen, doch in vielen Fällen haben die sich dann längst aus dem Staub gemacht.

Die unseriösen Anbieter lassen sich immer wieder Neues einfallen. Zum Beispiel die Lockvogel-Antworten auf ernst gemeinte Inserate. Single Mario Hohwald etwa erhielt auf sein Inserat eine verlockende Antwort: «Ich habe dein Inserat gelesen und würde dich gerne treffen. Ich bin schüchtern und sehr oft einsam. Wenn du wissen willst, wie ich aussehe, dann sieh dir meine Bilder an. Liebe Grüsse, Julia.» Die Internetadresse, welche die vermeintliche Interessentin danach angibt, ist nichts anderes als eine Sex-Seite. Dort versucht der Anbieter, den hoffnungsvollen Mario mit freizügigen Girls auf eine der teuren 0906er-Verbindungen zu locken, zum Tarif von Fr. 4.23 pro Minute (über 250 Franken in der Stunde) - von Julia hingegen keine Spur mehr.


Seriöse Seiten weisen Kosten klar aus

«Es wird dann gefährlich, wenn der Internetnutzer Programme herunterlädt», sagt Marco Boselli, Geschäftsführer von Partnerwinner, der grössten Schweizer Partnervermittlung im Internet. «Wer bei der Partnersuche auf eine solche Aufforderung trifft, sollte das Fenster am besten sofort schliessen.»

Doch nicht jeder, der mit einem Dialer arbeitet, ist ein Betrüger. Bei einem seriösen Anbieter ist klar ersichtlich, wie viel die Verbindung kostet. Zudem wird die Verbindung beim Verlassen des Dienstes automatisch getrennt.

Partnerwinner hat einen Kundenservice eingerichtet, der die Inserate überprüft, bevor sie ins Netz gestellt werden. Es gibt dabei jedoch einen grossen Nachteil: Am Wochenende ist diese Stelle nicht besetzt, und genau dann tauchen die Geschäftemacher im Internet regelmässig auf.

Jürg Brandenberger

Weitere Tipps zum Schutz vor Missbrauch unter www.dialerschutz.de.



Sicherheit - 0906er-Nummern sperren lassen

Damit sich Internetnutzer im Netz wieder sicher fühlen, können sie einige Vorsichtsmassnahmen treffen:

- Sicherheitsstufe des Internet Explorer erhöhen. Sie sollte auf «mittel» gesetzt werden. Dazu sollte man zuerst «Extras/Internetoptionen» und das Register «Sicherheit» anwählen, danach auf «Stufe anpassen» klicken. Diese Sicherheitsstufe kann auch auf «hoch» gesetzt werden. Der Nachteil: Websites können dann nicht mehr den vollen Funktionsumfang bieten.

- Unter «Arbeitsplatz/ DFÜ-Netzwerk» kann man die eingetragenen DFÜ-Verbindungen überprüfen und falls nötig löschen.

- Die einfachste und sicherste Methode ist allerdings das Sperren von 0906er-Nummern beim Telefonanbieter. Unter der Gratis-Nummer 0800 800 800 können zum Beispiel Swisscom-Kunden gebührenfrei ihre Verbindung zu 0906er-Nummern sperren lassen.

Auf diese Weise haben Gauner, die mit der Sehnsucht der Singles Kasse machen wollen, keine Chance mehr.



Interview - "Misstrauen ist der beste Schutz"

Sascha Borowski ist Gerichtsberichterstatter in Augsburg (D), hat sich auf Internetbetrug spezialisiert und eine Webseite eingerichtet, welche Internetnutzer vor ungewollten Web-Dialern schützen soll.

Kassensturz: Haben unseriöse Geschäftemacher Single-Kontaktseiten als Geldquelle entdeckt?

Borowski: Missbrauch bei der Partnervermittlung im Internet gibt es seit dem Beginn der Internet-Ära, in den vergangenen drei Monaten häuften sich die Fälle. Bei mir melden sich immer wieder Singles, die eine teure Telefonrechnung bekommen und nicht wissen, wofür. Das hängt damit zusammen, dass solche Programme technisch immer raffinierter werden und dadurch auch schwerer zu entdecken sind.


Worin unterscheiden sich die seriösen von den unseriösen Anbietern?

Der grosse Unterschied liegt in der Information. Wenn mir ein Anbieter klar sagt, wie viel ich für seine Leistung bezahlen muss, habe ich damit kein Problem. Bei unseriösen Anbietern wird jedoch oft von Gratis-Software, kostenlosem Zugang und einfacher Partnersuche gesprochen, nicht aber von den Kosten, die in keinem Verhältnis zur Leistung stehen.


Wie müssen sich Leute verhalten, die eine Rechnung für eine solche Datenverbindung erhalten, weil sie getäuscht wurden?

Am besten ist es, die normalen Kosten auf der Telefonrechnung zu begleichen, den strittigen Betrag jedoch nicht zu bezahlen. Dann sollte man zur Polizei gehen und Strafanzeige einreichen. Dies macht Sinn, weil sich die Telefongesellschaft sonst hinter dem Datenschutzgesetz versteckt und die Adresse ihrer Kunden - der Betreiber der 0906-Nummer - nicht preisgeben will. Auf diese Weise kommt man jedoch an die Adresse des teuren Anbieters.


Bis jetzt mussten die Geschädigten in den meisten Fällen zahlen. Warum sind die Opfer am kürzeren Hebel?

Es ist noch zu früh, um zu sagen, wie sich die Rechtsprechung in dieser Hinsicht entwickelt. Es gibt weder in Deutschland noch in der Schweiz ein Urteil, das für die künftige Richtung bestimmend ist. Hinzu kommt, dass viele der Geschädigten bisher einfach gezahlt haben, ohne sich zu wehren. Das hängt aber damit zusammen, dass wir mit diesem ganzen Problem erst am Anfang stehen, sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz.


Wie kann sich ein Internetnutzer auf einer Partnervermittlungsseite wirklich sicher fühlen?

Man sollte sicher 0906er-Nummern sperren lassen. Genauso wichtig scheint mir die Vorsicht beim Surfen: Viele unseriöse Angebote könnten mit einem gesunden Misstrauen schon viel früher entdeckt werden.

08. Mai 2002


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Internet-Partnervermittlung - Geschäftemacherei mit der Suche nach dem Liebesglück
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