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Rudolf Stettlers Diabetes wurde zu spät erkannt. Er musste sein Leben völlig umstellen und kämpft heute mit allen Mitteln gegen Folgeschäden an.
Ständig grosser Durst, schnell müde, heute würde Rudolf Stettler solche Symptome mit seinem Hausarzt besprechen. Aber für den damals 40-Jährigen, der sich keine Schwäche eingestand, war das kein Thema. Obwohl bei einer späteren Meniskusoperation erhöhter Blutzucker festgestellt wurde, nahmen weder sein Arzt noch er das Problem konsequent in Angriff. «Einen verlauerten Diabetes habe ich», bereut er heute. «Kein Einzelfall», bestätigt sein jetziger Arzt, Diabetologe Bruno Müller aus Bern. «Häufig werden weder die Symptome noch ein erhöhter Zuckerwert wirklich ernst genommen, eine fatale Haltung.» So konnte sich Rudolf Stettlers Diabetes schleichend entwickeln, bis die ersten Folgeschäden auftraten.
Gute Fusspflege kann Amputationen verhindern
«Ich spüre nichts», sagt Rudolf Stettler, wenn Podologe Peter Vondal mit einem Nylonfaden seine Fusssohlen kitzelt. Ein typisches Zeichen für geschädigte periphere Nerven. Er würde auch keine Verletzungen oder Infektionen an seinen Füssen spüren. Deshalb geht er alle drei Monate zum Fussspezialisten, um jede kleinste Verletzung sofort zu behandeln. «Gute Fusspflege», betont Peter Vondal, «kann 50 Prozent aller Diabetesbedingten Amputationen verhindern.»
Augenbeschwerden lassen Computerarbeit nicht mehr zu
Rudolf Stettler kennt fast die gesamte Bandbreite beginnender Folgeschäden aus eigener Erfahrung. Die Durchblutungsstörungen machten sich zuerst in den Beinen bemerkbar. Erst eine chirurgische Arterienerweiterung befreite ihn von unerträglichen Schmerzen. Rudolf Stettler trägt heute Stützstrümpfe und schluckt blutverdünnende Medikamente.
«Am meisten machen mir die Augen zu schaffen», bemerkt der 57-Jährige, «zuerst hatte ich Augenblutungen, das gibt ein Gefühl wie Spinnennetze vor den Augen. Ich konnte mit der Zeit die Symbole auf dem Computer nicht mehr erkennen, und die Schriftstücke aus dem Laserdrucker waren für mich unleserlich.» Frühpensionierung war die Folge.
Ein Augenarzt konfrontierte ihn mit der Möglichkeit der Erblindung, ein Schock für Rudolf Stettler. Zwei Augenoperationen konnten die Erblindung abwenden, doch seine Sehkraft ist stark eingeschränkt.
Fett- und zuckerfreie Diätkost statt Schlemmermenüs
Sein Tagesablauf ist durch Medikamentenpläne, Blutzuckermessungen und Insulinspritzen bestimmt. Auch das Essen musste er umstellen. «Früher habe ich fast unverschämt gegessen», räumt er ein. Jetzt kocht ihm seine Frau Diätkost, schmackhafte Gerichte mit Gemüse aus dem eigenen Garten: fettarm und zuckerfrei. Dank seiner eisernen Disziplin hat er die Krankheit gut im Griff. Diabetologe Bruno Müller: «Der Patient muss aktiv mitmachen und sehr viel Eigenverantwortung übernehmen. Wenn das gelingt, kann ein gut eingestellter Diabetiker eine normale Lebensqualität aufrechterhalten.» Rudolf Stettler musste seine ganze Lebensweise der Krankheit anpassen, auch seine Frau hat sich angepasst. Sie hat ihre Berufsarbeit nach Hause verlegt. «Wir bewältigen seine Krankheit im Team», betont Annalisa Stettler.
Seine Befindlichkeit sei «wie das Wetter», mal gut, mal schlecht. «Die Krankheit veränderte mich», so Stettler. «Empfindlicher bin ich geworden, ich nehme schnell etwas persönlich, fühle mich irgendwie angegriffen.»
Hildegard Bösch-Billing
Krankheitstypen - "Altersdiabetes" kommt am häufigsten vor
Bei Diabetes ist die Regulation des Kohlenhydrat- und Zuckerhaushalts durch das Insulin gestört. Das Hormon reguliert die Aufnahme des Zuckers in die Körperzellen und hält damit den Blutzuckerspiegel konstant. Funktioniert diese Regulation nicht, steigt die Zuckerkonzentration im Blut.
Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunkrankheit: Das Immunsystem zerstört die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Die Folge: zu wenig Insulin im Blut. Die Krankheit bricht oft im Kindesalter aus (Jugenddiabetes). Die Betroffenen müssen lebenslang Insulin spritzen.
Diabetes Typ 2 - bis 90 Prozent aller Fälle - hat eine andere Ursache: Die Zellen verschiedener Organe sprechen schlecht auf Insulin an. Folglich kann das Insulin den Transport des Blutzuckers in die Organe nur erschwert bewerkstelligen. Man spricht deshalb von einer Insulin-Resistenz. Die Bauchspeicheldrüse versucht, diese Resistenz auszugleichen, indem sie mehr Insulin produziert. Dies führt zu einer frühzeitigen Erschöpfung der Insulin produzierenden Zellen. Diabetes Typ 2 tritt in den meisten Fällen im mittleren bis höheren Alter auf (Altersdiabetes). Doch neuere Studien zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an Diabetes 2 erkranken.
Das sind die Folgeschäden von Diabetes
Zu viel Zucker im Blut schädigt die Gefässe und vermindert damit die Durchblutung wichtiger Organe. Mögliche Folgen:
- Herzinfarkt wegen Ablagerungen in den Herzkranzgefässen
- Minderdurchblutung der Beine und Füsse, drohende Amputation
- Schädigung der Netzhaut, schlimmstenfalls Erblindung
- Reduzierte Nierenleistung, dadurch Bluthochdruck, kann zu Nierenversagen führen
- Nerven werden geschädigt, das führt zu Taubheitsgefühlen. Wunden, vor allem an den Füssen, bleiben deshalb oft unbemerkt.
Information - Anlaufstellen und Literatur
Adressen:
- Schweizerische Diabetes-Gesellschaft, Rütistrasse 3a, 5400 Baden, Tel. 056 200 17 90
- Schweizerische Diabetes-Stiftung, Sennweidstrasse 46, 6312 Steinhausen, Tel. 041 748 76 80
Internetseiten:
- www.diabetesgesell schaft.ch
- www.diabetes-news.de/ info/index.html
- www.lifescan.de/selbsthilfe/index.html (Johnson & Johnson)
- www.diabetes-ernaeh rung. ch, Stiftung Ernährung und Diabetes, Bern
Bücher:
- «Diabetes, 600 Fragen, 600 Antworten für Typ 1 und Typ 2», E. Froesch und E. Matelli, Midena-Verlag 2001, Fr. 23.50, erhältlich im Buchhandel
- «Diabetes Typ 2 - Vom Wissen zum Handeln», C. Scheidegger, M. Oesterle, Fr. 15.- (erhältlich bei der Schweizerischen Diabetes-Stiftung)
- «Diabetes - Ich mach daraus das Beste», A. Teuscher, Stiftung für Ernährung und Diabetes, Bern 2000, Fr. 39.- (erhältlich bei der Schweizerischen Diabetes-Stiftung)
10. April 2002
