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Mit Gutscheinen und Gewinnversprechen locken dubiose Firmen zu Werbefahrten. Stundenlang werden die Gäste bearbeitet. Wer die angepriesene Ware nicht kauft, wird unsanft vor die Türe gestellt.
Sechs Uhr morgens im Innerschweizer Dorf Sattel. Von der Hauptstrasse her naht ein Reisecar. Der Chauffeur hält an, öffnet die Türe und fragt: «Werbefahrt?» Die Fahrt führt nach Oberägeri, Baar, Zug, Sins und Muri, wo weitere Personen zusteigen. Die meisten weiblich, Typ Hausfrau, Alter zwischen 50 und 70, in Jupe, Bluse und Jäckchen - mit obligater Handtasche. Auch einige Ehemänner sind mit dabei.
Die vermeintlichen Gewinner erhalten nur einen Gutschein
Mehrere der 34 Gäste sind zum ersten Mal auf einer Werbefahrt. Sie sind der verlockenden Einladung der Firma Castello gefolgt, die in einem persönlich adressierten Brief zum dritten Preis in der Höhe von 300 Schweizer Franken gratuliert. Dieser Gewinn soll heute «garantiert und bis zum letzten Rappen» überreicht werden, mit Gratis-Sekt, fantastischem Mittagessen und tollem Präsent.
Nach vier Stunden Fahrt erreicht der Car den kleinen deutschen Ort Volkertshausen. Vor dem Gasthaus «Zum Mohren» begrüsst ein junger Herr die Gäste. Im Saal wird Sekt serviert. Auf einem Tisch stehen geheimnisvoll mit Tüchern verhüllte Gegenstände.
Kurz darauf stellt sich ein knapp dreissigjähriger, gut gekleideter Mann als Eugen vor. Er macht das Publikum auch mit Frank, dem «Geschenkemeister», bekannt. Dieser soll später die Präsente verteilen. Denn einige Gäste würden die Veranstaltung voll bepackt wie Arnold Schwarzenegger verlassen, prophezeit Eugen. Wer nicht alles tragen könne, bekomme ein Gratis-Wägeli. Das Publikum bestimme, wer wie viel erhalte: «Wer mitmacht, nach vorne schaut und für mich ein kleines Lächeln übrig hat, bekommt auch was.»
Dann liest Eugen die Einladung vor. Beim Satz «Der Sponsor wird Ihnen den Voucher, Ihren Gewinn, persönlich überreichen» stoppt er und erklärt: Es handle sich hier um einen Gutschein, für den man bestimmte Leistungen gratis beziehen könne. Im Publikum entsteht Unruhe: Wer geglaubt hat, die 300 Franken in bar zu erhalten, wird enttäuscht. Eugen verrät auch, dass das Essen gratis sei, Getränke, Salat und Nachtisch aber extra kosten.
Verkaufsangebote: Vom Einkaufswagen bis zur Stutenmilch
Schliesslich kommt Eugen zum Hauptgeschäft. Er habe eine interessante Sache aus dem Hause Planeta vorzustellen: den Turbogrill 3000. Der Verkäufer erläutert den Heissluftofen in allen Einzelheiten - der Turbogrill soll sogar Geschirr waschen können. Eine Zuschauerin kann sich das Lachen nicht verkneifen. Eugen weist die Frau zurecht: «Wenn Sie das lustig finden, müssen Sie woanders hingehen.» Er mache nur seine Arbeit und erkläre das Gerät einfach so. Denn kaufen könne man den Turbogrill 3000 heute nicht. Erst an einer späteren Veranstaltung werde der 398 Franken teure Heissluftofen angeboten.
Dann stellt Eugen einen Einkaufswagen vom Europa-Versand vor. Der Clou am Kofferroller: «Wenn man müde ist, drückt man auf den roten Alarmknopf hier, und schon kann man sich hinsetzen.» Das Gerät sei superleicht und extrem belastbar. Tatsächlich klappt auf Knopfdruck ein Sitz auf. Die Leute sind beeindruckt. An Messen werde die Novität für 198 Franken verkauft, erzählt Eugen. Jetzt liege der Preis bei 168 Franken. Aber heute gebe es den Einkaufswagen nur geschenkt - kaufen könne man auch ihn nicht.
Ebenso wenig das dritte Produkt: Kasperle-Figuren. Eugen geht durch die Reihen und verschenkt da und dort lächelnd einen Clown. Nach dem Preis gefragt, antwortet er: «Aber, aber, meine Damen und Herren, einem geschenkten Gaul schaut man doch nicht ins Maul.»
Dann erzählt Eugen von einer geheimnisvollen Substanz: dem Güldenmoor Energetikum forte. Ein Fläschchen und eine Tablette pro Tag sollen Wunder wirken: entschlacken, entgiften, entwässern, Fettabbau. Über zwei Stunden schwärmt Eugen von der Kurpackung. Er scheut sich nicht, im Namen des Max-Planck-Instituts die Wirksamkeit zu garantieren. Sei es bei Allergien, Diabetes oder Gelenkschmerzen. Letztere dürften die eine oder andere Zuhörerin nach stundenlangem Dasitzen sicherlich plagen. Einer der Gäste jedenfalls ist bereits eingenickt und schnarcht leise vor sich hin.
Wer das Mittelchen kauft, erhält gratis einen Turbogrill
Um die Stimmung zu heben, verteilt Eugen Gutscheine für ein Präsent - und kommt endlich zu den Kosten für das Güldenmoor-Präparat. Eine Klinik verlange für die gleiche Behandlung 2298 Franken. «Aber vergessen Sie diese Zahl gleich wieder.» Er zückt geheimnisvolle gelbe Umschläge und fragt, wer denn von einem supertollen Angebot inklusive zweier Präsente Gebrauch machen wolle: «Wer sich das jetzt nicht reserviert, ist nachher nicht mit dabei.» Zögerlich heben ein paar Gäste die Hand. Sie dürfen das Couvert bei Eugen am Nebentisch einlösen. Dort stellt sich heraus, dass eine dreimonatige Kurpackung 1498 Franken kostet. Den Turbogrill 3000 gibt es als Geschenk dazu.
Eugen gelingt es, einige Besucher zum Abschluss eines Kaufvertrags zu bewegen. Er scheut sich nicht, eine ältere Dame so lange am Arm zu streicheln, bis diese unterschreibt. Bezahlen soll sie in drei Monatsraten. Bereits am nächsten Morgen werde ihr das Präparat nach Hause geliefert, dann seien auch die ersten 500 Franken fällig.
Derweil widmen sich die übrigen Gäste dem Mittagessen. Serviert werden verkochte Teigwaren mit Gulasch. Einem alten Mann fällt das Gebiss in den Teller. Während er seine Zähne wieder von den Nudeln befreit, wird es der Nachbarin vis-à-vis übel. Geschenkemeister Frank nutzt die Ablenkung, um unauffällig die Gutscheine für das versprochene Präsent wieder einzusammeln.
Wer stört, muss die Veranstaltung verlassen
Dann tritt Eugen erneut auf die Bühne und versucht, weitere Produkte zu verkaufen: Eukalyptuscreme, Stutenmilchlotion, Alpenkräuterextrakt und Gelenksalbe. Das Publikum ist des Zuhörens müde. Doch Eugen fordert volle Aufmerksamkeit und weist eine Frau aus dem Saal, die sich erlaubt hat, mit ihrer Nachbarin einige Worte zu wechseln. «Nehmen Sie Ihre Sachen, gehen Sie raus und lassen Sie mich meine Arbeit machen. Ich bin hergekommen, um den Leuten ein bisschen Wissen zu vermitteln.»
Unruhe macht sich breit. Jemand will wissen, was denn nun mit dem Gutschein sei. Jetzt wird Eugen schnöde. Wer das nicht verstanden habe, müsse halt noch mal zur Schule. «Und was ist mit all den versprochenen Geschenken?», ruft eine Frau. Er habe von Anfang an gesagt, dass die Sachen nicht verlost würden, rechtfertigt sich Eugen. Nur wer mitmache, werde auch belohnt: «Da kann ich doch nichts dafür, wenn Sie die Veranstaltung stören.»
Zum Schluss gibts für jeden Gast einen Gewürzstreuer
Jetzt wird das Publikum laut: «Das ist doch der totale Beschiss. Ich fühle mich übers Ohr gehauen.» Eugen versucht seinen Gästen im Tumult beizubringen, dass der 300-fränkige Gutschein für den dritten Preis gegen eine verbilligte Ungarn-Reise eingelöst werden könne. Das interessiert jedoch niemanden mehr. Rasch verabschiedet sich Eugen und erklärt, dass die Gäste am Ausgang ein Präsent erhielten.
Tatsächlich verteilt Geschenkemeister Frank einen billigen Gewürzstreuer und den Reisegutschein, einzulösen bei einer Firma Lut in Balatonlelle, Ungarn. Eine Frau will Anschrift und Telefonnummer dieser Firma. Widerwillig kritzelt Eugen eine Nummer auf das Papier. Dann fragt sie Eugen nach seinem Nachnamen. «Den hab ich am Morgen erwähnt. Wenn Sie nicht aufgepasst haben, kann ich nichts dafür», antwortet er. Die Frau ist wütend: «Das Ganze ist eine Riesenschweinerei.» Jetzt wird auch Eugen deutlich und fordert die letzten Gäste mit unmissverständlicher Handbewegung auf: «Und nun gehen Sie da hinaus, wo der Maurer das Loch gemacht hat.»
Der Reisegruppe fehlen nach dem sechsstündigen Spuk im Restaurant die Worte. Erst auf der Heimfahrt machen sie ihrem Ärger Luft. Ein Herr erklärt: «Ich habe schon oft an Werbefahrten teilgenommen, aber so was hab ich noch nie erlebt.» Eine etwa 45-jährige Frau schwört: «Das war das erste und letzte Mal. Nie wieder mache ich so was.» Der Chauffeur hat nur ein müdes Lächeln übrig: «Wissen Sie, das sagen die meisten. Und nächste Woche sitzen sie wieder im Car.»
Jeannette Büchel
Echo - Wie ist es Ihnen ergangen?
Wer hat bereits an Werbefahrten teilgenommen oder kennt die Firma Castello und hat ähnliche Erfahrungen gemacht? Bitte schildern Sie Ihre - positiven und negativen - Eindrücke in einem kurzen Schreiben an: Redaktion saldo, Werbefahrt, Postfach 723, 8024 Zürich. E-Mail: jeannette.buechel@saldo.ch
27. März 2002
