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Fernseh-Doktor Samuel Stutz: Er spricht von «Katastrophe» und «absoluter Epidemie»
Diabetes-Organisationen und gewisse Medien warnen vor einer neuen Volksseuche: dem Altersdiabetes. Damit spielen sie in die Hände der Pharmafirmen. Diese drängen mit immer neuen Mitteln auf den Markt - auf der Jagd nach Patienten.
Tobias Frey tfrey@pulstipp.ch
Die Fernseh-Kamera schwenkt auf Joe Stadelmann. Der 60-jährige Altregisseur sitzt jetzt im Scheinwerferlicht, mit schwarzer Sonnenbrille und weissem Stock. Der Diabetes hat ihn blind gemacht. Seine Gefässe sind verkalkt, die Nieren kaputt. TV-Doktor Samuel Stutz weiss, welche Worte er nun wählen muss: «Herr Stadelmann», sagt er vor laufender Kamera, «was hat der Diabetes aus Ihnen gemacht?» Stadelmann zögert kurz. Doch auf diese Frage hat auch er nur eine Antwort: «Eine Ruine.»
Stutz geizt in seiner TV-Sendung «GesundheitSprechstunde» nicht mit Dramatik und Angstmacherei, wenn es um den Altersdiabetes geht: «In der westlichen Welt bahnt sich eine absolute Epidemie an», verkündet Stutz in die Schweizer Stuben.
Risikofaktoren: Zu schwer und zu wenig Bewegung
Seinen zweiten kranken Gast, Verena Ferrari, fragt er: «Was haben Sie mit der Katastrophe gemacht?» Die «Katastrophe» von Verena Ferrari: Auch sie hatte einen stark erhöhten Blutzuckerwert. Ferrari und Stadelmann sind an Altersdiabetes erkrankt, dem Diabetes vom Typ-2. Das Insulin wirkt nicht mehr richtig - und der Blutzucker steigt an. Und ein jahrelang unbemerkter erhöhter Blutzucker kann die Gefässe zerstören, die Nieren oder auch die Augen.
Die zwei tragischen Fälle sind allerdings kein Zufall: Beide Patienten waren stark übergewichtig. Stadelmann ass gerne «Salami und Mortadella», Ferrari ist «nur im Auto gehockt». Übergewicht und Bewegungsarmut gehören zu den grössten Risikofaktoren für den Typ-2-Diabetes. Beide Betroffenen mussten nach der Diagnose ihre Lebensgewohnheiten und die Ernährung komplett umstellen - und nehmen jetzt Medikamente.
Nicht nur Samuel Stutz, auch Medikamentenhersteller und verschiedene Organisationen malen derzeit den Teufel an die Wand - zum Teil mit gigantischen Zahlen:
- Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt davor, dass sich die Zahl der Betroffenen in den nächsten 25 Jahren weltweit verdoppeln könnte.
- Von 250 000 Betroffenen in der Schweiz spricht die Diabetes-Gesellschaft, und auf eine Dunkelziffer von 100 000 kommt die Novartis in ihrem Heft Life Science.
- Die Diabetes-Stiftung sprach im letzten November gar von bis zu 400 000 Patienten. Diese Zahl erwies sich als viel zu hoch. Die Stiftung stützte sich auf Zwischenresultate einer noch unveröffentlichten Schweizer Studie - die nur auf etwa mehr als die Hälfte kam. Studienleiter Thomas Szucs von der Universität Zürich: «Die Zwischenauswertung war nur provisorisch und statistisch nicht validiert. Wir hatten noch nicht alle Analysen zusammen.»
Aufgrund solcher Zahlen will TV-Doktor Stutz nichts wissen von Angstmacherei: «Wer sich nur einen Moment lang mit Diabetes befasst, merkt sofort, dass es sich sehr wohl um eine gesellschaftliche und individuelle Katastrophe handelt», schreibt er dem Puls-Tipp.
Das inszenierte Katastrophen-Szenarium spielt vor allem in die Hände der Pharmafirmen: Sie drängen mit immer neuen Diabetes-Medikamenten auf den Markt, auf der Jagd nach neuen Kunden. Alleine in den letzten zwei Jahren waren es vier neue Mittel.
Altersdiabetes: «Häufigkeit ist seit Jahren etwa gleich»
Dabei gäbe es sanfte Wege, Diabetes wirksam zu bekämpfen. Der erfahrene Diabetologe Professor Arthur Teuscher vom Berner Diabeteszentrum Lindenhof klagt: «Die Medikamentenliste wird immer länger - mit fraglichem Nutzen. Um den Altersdiabetes mit seinen gefürchteten Langzeitfolgen zu senken, würde es vor allem Sinn machen, wenn sich nicht nur die älteren, sondern bereits jüngere Menschen mehr bewegten und gesünder ernährten.»
Teuscher bezweifelt zudem, dass der Altersdiabetes in der Schweiz eine neue Volkskrankheit sein soll: «Die Häufigkeit unter älteren Menschen ist seit Jahren etwa gleich. Die Zahl der Diabetes-Patienten nimmt vor allem zu, weil es in der Schweiz immer mehr alte Leute gibt.»
Und Puls-Tipp-Arzt Thomas Walser sagt: «Die steigende Zahl der Fälle hat auch mit verfeinerten Diagnosemethoden und häufigeren Tests zu tun. Zudem werden Patienten früher erfasst und behandelt. Sie haben deshalb eine höhere Lebenserwartung.»
Zwei Medikamentenhersteller, Novartis und Merck-Lipha, finanzieren umstrittene Blutzuckertests in Einkaufszentren. Bei diesen Aktionen können Konsumenten vor dem Einkaufen noch rasch ihren Blutzuckerspiegel messen lassen. Auch Samuel Stutz warb in früheren Sendungen für die Blutzuckertests - und stellte das neue Novartis-Medikament Starlix vor.
«Solche Tests verunsichern die Bevölkerung», warnen Kritiker (siehe Puls-Tipp 5/01). Die Tests seien nicht genug aussagekräftig. Die Fachleute empfehlen, den Blutzucker nur beim Hausarzt messen zu lassen.
Die 56-jährige Sigrid De Leo und ihre 25-jährige Tochter machten mit bei den Blutzuckermessungen. De Leo schreibt dem Puls-Tipp: «Wir hatten normale Blutzuckerwerte. Als wir die Liste der Sponsoren sahen, bekamen wir das Gefühl, dass hier Pharmafirmen nach Patienten fischen.» Mutter und Tochter achten auf ihre Ernährung. Beide sind Vegetarier.
Ihre Befürchtung war nicht unbegründet. Jetzt kommt heraus: Die Novartis fragte gezielt Teilnehmer mit einem erhöhten Blutzuckerwert an und will sie in eine Studie über Starlix einbinden. Dies berichtete vor wenigen Tagen die Basler Zeitung.
Margrit Kessler von den Schweizerischen Patientenorganisationen spricht von einer neuen Strategie bei Pharmafirmen: «Sie rekrutieren auf diese Weise Patienten auf der Strasse - und konfrontieren sie mit ihrem Medikament. Wenn die Leute später zum Arzt gehen, verlangen sie dann dasselbe Medikament wieder.»
Frühstücks-Events: Novartis befragte Teilnehmer
Novartis weist den Vorwurf, nach Patienten zu fischen, zurück - gibt aber zu, Teilnehmer angefragt zu haben: «Wir haben bei den letzten Frühstücks-Events zusammen mit der schweizerischen Diabetes-Gesellschaft eine Umfrage unter Teilnehmern durchgeführt, die im Verdacht standen, vom Diabetes Typ-2 betroffen zu sein. Die Umfrage wurde von einer behördlich anerkannten Ethikkommission gutgeheissen.»
Novartis weiter: «Die Teilnahme war freiwillig. Unsere Firma hat zudem keinen Zugriff auf die erhobenen Daten. Im Falle einer klinischen Studie würde Novartis die üblichen strikten Richtlinien anwenden.»
Paul Haas, 65, wendet sich auch an den Puls-Tipp. Haas bringt wenig Verständnis auf für solche Tests, obwohl er seit über 30 Jahren mit der Diagnose Altersdiabetiker lebt. «Ich habe die Warteschlangen gesehen. Da würde ich nie mitmachen.» Haas lässt seinen Blutzucker nur vom Arzt kontrollieren. Noch nie habe er ein Medikament schlucken müssen, obwohl ihn früher Ärzte dazu drängten.
Für Diabetiker Haas ist klar: «Viele Leute tragen zu sich und ihrem Körper zu wenig Sorge.» Haas versucht, gesund zu leben. Er isst wenig Fleisch und achtet darauf, was auf den Teller kommt. Er hat auch kein Übergewicht. Ab und zu erlaubt er sich ein Glas Wein. Das Wichtigste: Haas ist aktiv und geniesst das Leben. Er bewege sich gerne, tanze regelmässig, gehe viel spazieren, sagt er. Und: Er führe aus Lebensfreude gelegentlich sein schweres Motorrad aus. Sein Fazit: «Ich habe meinen Diabetes fest im Griff.»
Blutzucker: Wer soll ihn messen lassen?
Hochrisiko-Patienten und Menschen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes vom Typ-2 sollten sich beim Arzt den Blutzucker testen lassen.
Hochrisiko-Patienten haben
- einen erhöhten Blutdruck
- einen erhöhten Cholesterinwert
- ein erhöhtes Herzinfarktrisiko
- oder den Diabetes bereits in der Familie.
Menschen mit erhöhten Risiko sind
- übergewichtig
- über 60-jährig
- körperlich inaktiv
- oder essen zu viele tierische Fette
01. Juni 2001
