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Ich lebe seit über 30 Jahren mit einem Geräusch im Kopf. Es ist vergleichbar mit dem Pfeifen eines Dampfkochtopfs: Penetrant und störend. Ich höre es Tag und Nacht pfeifen, jahraus, jahrein. Stille und Ruhe existieren nur noch in meiner Erinnerung. Schlafen kann ich trotzdem, aber es ist nicht selbstverständlich, dass ich locker einschlafen oder durchschlafen kann. Der Tinnitus gönnt mir nie eine Erholungspause. Das macht mich zeitweise aggressiv.
Im Alltag stört mich neben dem lästigen Pfeifen, dass ich nicht mehr selektiv hören kann. Alles, was ich höre, nehme ich gleich laut wahr. Beim Gespräch in einer Gruppe muss ich mich deshalb äusserst konzentrieren, wenn ich mich einem einzelnen Gesprächspartner zuwenden will. Vor allem, wenn noch Nebengeräusche vorhanden sind. Weil ich schlechter höre, bin ich schreckhafter geworden. Ich schrecke zum Beispiel zusammen, wenn ein Velofahrer mich von hinten überholt. Es gibt auch Geräusche, die ich nicht ausstehen kann. Wenn meine Frau mit dem Staubsauger daherkommt, laufe ich jeweils weit weg!
Das Pfeifen begann nicht Knall auf Fall, sondern hat sich langsam eingeschlichen. Als junger Mann lag ich mit einer Herzbeutelentzündung sechs Monate lang im Spital und bekam viele starke Medikamente. Vermutlich haben sie mein Tinnitusleiden ausgelöst.
Zuerst war es nur ein leises Geräusch, dem ich kaum Beachtung schenkte. Doch allmählich wurde der Ton lauter und störte mich derart, dass ich mich immer mehr darauf konzentrierte. Das ist ein Teufelskreis. Die Ärzte sagten mir damals: «Dagegen können wir nichts tun. Sie müssen lernen, damit zu leben.»
Als Audio/Video-Elektroniker kann ich mein Tinnitusgeräusch elektronisch simulieren. Wenn Nichtbetroffene diese Bandaufnahme hören, fragen sie: «Wie hältst du das bloss aus?» Man kann das lernen: Ich empfinde den Tinnitus nicht als Feind, sondern degradiere ihn zum nebensächlichen Begleiter. Dass ich diesbezüglich langjährige Übung habe, ist sicher ein Vorteil.
In der ersten Sekundarklasse erlitt ich einen schlimmen Turnunfall, der eine Schädel-/Hirnverletzung zur Folge hatte. Danach hatte ich Lähmungserscheinungen und dauernd Kopfweh.
Ich verdrängte meine Schmerzen, indem ich mich mit Dingen beschäftigte, die meine Konzentration forderten. Durch Bücher, gute Gespräche, Musik, Natur und Astronomie eröffneten sich mir neue Welten. Diese Selbsttherapie habe ich mit der Zeit verinnerlicht. Das macht es mir leichter, mich nicht vom Tinnitus beherrschen zu lassen. Auch Kopfweh begleitet mich noch heute, aber es hat einen geringen Stellenwert in meinem Leben.
Es ist mir wichtig, mit anderen Menschen zu reden und ihnen zuzuhören. Das hat meine Sinne für die Sorgen und Nöte meiner Mitmenschen geschärft. Und dies wiederum relativiert mein eigenes Leiden. Wenn nötig, informiere ich meine Gesprächspartner über den Tinnitus und bitte sie, lauter zu sprechen. Ich erfahre immer wieder viel Rücksichtnahme.
Nicht mehr missen möchte ich auch die Selbsthilfegruppe in Weinfelden. Ich bin seit der Gründung vor fünf Jahren dabei. Bei unseren monatlichen Treffen informieren wir uns über neue Techniken oder Therapien und tauschen unsere Erfahrungen aus. Ansonsten sprechen wir nicht viel über den Tinnitus, wir sind ja alle Experten! Viel lieber wenden wir uns Dingen zu, die der Lebensfreude dienen.
Aufgezeichnet: Evi Biedermann
Tinnitus - Wenn es im Ohr pfeift, braust, hämmert, rauscht, brummt
Tinnitus ist ein verbreitetes Leiden. In der Schweiz vernehmen etwa eine Million Menschen vorübergehend oder dauernd Ohrgeräusche. Das kann ein Pfeifen, Rauschen oder Hämmern sein. Bei etwa 30 000 Betroffenen ist eine Therapie angezeigt.
- Tinnitus ist keine organische Krankheit. Vielmehr ist die Wahrnehmung gestört. Er kann als Folge von starkem Lärm, Medikamenten, Stoffwechselstörungen, Infektionen, eines Schleudertraumas, Stress und psychischer Belastung auftreten.
- Chronischer Tinnitus entsteht, wenn der Betroffene ein leises Ohrgeräusch immer stärker wahrnimmt. Er konzentriert sich immer stärker auf das Geräusch und empfindet es deshalb als immer lauter. Viele betroffene Menschen sind an der Grenze ihrer seelischen Belastbarkeit, können nicht mehr schlafen und nicht mehr arbeiten.
- Wichtig ist, das Ohrgeräusch frühzeitig abklären zu lassen, beim Ohrenarzt oder beim Hörgeräte-Akustiker. Tinnitus ist nicht heilbar, lässt sich jedoch therapieren. Ein neues Behandlungsmodell, die Tinnitus Retraining Therapie (TRT), hilft Betroffenen, die Wahrnehmung umzupolen und somit den Tinnitus zu kontrollieren.
- Weitere Infos: Schweizerische Tinnitus Liga STL, Postfach 220, 3860 Meiringen, Tel. 033 971 55 73, www.tinnitus-liga.ch, info@tinnitus-liga.ch
- Buchtipp: Prof. Dr. Bernhard Kellerhals/Regula Zogg: «Tinnitus-Hilfe», Karger Verlag, 97 Seiten, Fr. 32.-
01. Januar 2002
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