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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2002

Computerspiele - Schule der Gewalt

Weihnachten hat es wieder gezeigt: Kinder fahren auf Computerspiele ab. Beliebt sind nicht nur Biene Maya und Co., sondern auch blutige Gewaltorgien. «Diese Spiele sind Simulatoren, die labilen und gewaltbereiten Kindern reales Töten beibringen», warnt der US-Psychologe Dave Grossman. Eltern sind verunsichert - und fordern ein Verbot dieser brutalen Spiele.



Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch



Timo, 16, aus Neftenbach ZH ist ein begeisterter PC-Spieler. Der Teenager ist Hartes gewohnt: Zum Beispiel «Soldier of Fortune». Ausgerüstet mit Messer, Sprengstoff und Maschinengewehr zieht Timo am Computer in den Krieg, als Uno-Soldat, gegen Terroristen im Irak oder Kosovo. Zur Ausrüstung gehört auch eine Pistole, «eine 9-Millimeter», wie er präzisiert, «für den Nahkampf».



Wenn Timo loslegt, starrt der uneingeweihte Betrachter ungläubig und schockiert auf den Bildschirm. Das dreidimensionale Söldner-Spie- kommt in Bild und Ton so echt daher, dass man sich unvermittelt an der Kriegsfront wähnt.



Schwer hallen die Salven das Maschinengewehrs durchs Zimmer. «Klack» - Timo hat mit einem Tastendruck nachgeladen. Klirrend fallen Patronenhülsen zu Boden.



Schnell artet das Spiel zu einer Blutorgie aus. Timo macht den Gegner nicht nur kampfunfähig, sondern pumpt ihn noch mit Kugeln voll, wenn er bereits am Boden liegt. Der wehrlose Körper bäumt sich auf. Das gibt Punkte und Geld, mit dem sich der Spieler später bessere Waffen kauft.



Das genüssliche Abschlachten hinterlässt Spuren: Auf dem Boden breitet sich eine Blutlache aus. An der Wand kleben Eingeweide und Blutspritzer. Abgetrennte Körperteile liegen herum - alles fast wie echt.



Szenen wie diese sind in vielen Kinderzimmern alltäglich. Von Kriegsspielen angetan sind vor allem Jungs. Manche der Kids sind gerade mal zehn Jahre alt. Informatik-Lehrling Timo holte schon Raumschiffe vom Himmel, als er fünf war - da kuscheln andere noch mit dem Teddy.





Brutale Spiele zu Hause nicht tolerieren



Eltern reagieren auf die Spielerei verunsichert. Ihr Sohn P. spiele nur bei Kollegen, zu Hause habe er die Möglichkeit dazu gar nicht, sagt zum Beispiel A. D. aus Zürich. «P. ist spielsüchtig. Als Eltern darauf zu reagieren, ohne dass gleich die Türen knallen, ist sehr schwierig.» Einmal habe sie ihm ein Kriegsspiel weggenommen. «Da bekam er einen Tobsuchts-Anfall.»



D. ärgert sich über Eltern, die Gewaltspiele zu Hause tolerieren. «Viele Eltern nehmen ihre Verantwortung zu wenig wahr. Sie versuchen, PC-Spiele als sinnvolles und ergänzendes Lehrmittel darzustellen.» Vor dem Bildschirm seien die Kids beschäftigt - allein und von der Umwelt abgeschnitten. Und die Eltern hätten ihre Ruhe. D.: «Wenn Kinder nerven, hat dies seine Gründe. Heranwachsende suchen Eltern, die sich mit ihnen auseinander setzen.» Doch viele Eltern hätten keine Lust, auf ihre Kids einzugehen.



Eltern wie A. D. befürchten, dass die brutalen Spiele den Kindern psychisch schaden. Ihr Sohn verhalte sich nach dem Spielen oft aggressiv, sagt A. D. «Er geht auf seine Schwester los.» Die Ballerei schlage sich auch in seinem Vokabular nieder. P., der in der Freizeit Saxophon, Fussball und Tennis spielt, habe schon gedroht, «mit dem Messer zuzustechen».





Studie zeigt: Brutale Spiele machen Kinder aggressiv



Brutalo-Spiele können die Aggressivität gewisser Kinder fördern: Dies bestätigt eine kürzlich veröffentlichte Studie, die Psychologen der Ruhr-Universität in Bochum durchgeführt haben. Es handelt sich um die erste empirische Studie überhaupt, die diesen Zusammenhang prüft. Die Bochumer Forscher untersuchten während acht Monaten 153 Jungen und 127 Mädchen im Alter von 8 bis 14 Jahren:



- Sie liessen einen Teil der Kinder gewaltfreie Spiele und einen anderen das Kampfspiel «Virtual Fighter» spielen.



- Danach mussten sich die Kinder Fotos von leidenden Tieren und Menschen in Not ansehen.



- Über Elektroden an ihren Zeigefingern und Videokameras untersuchten die Forscher die Reaktionen der Kinder.



Das Resultat: Kinder, die das Kampfspiel gemacht hatten, brachten für die Not leidenden Menschen und Tiere weniger Mitgefühl auf als jene, die gewaltfrei gespielt hatten. «Ihre Empathie sank deutlich», halten die Forscher fest. Damit meinen sie die Fähigkeit, Mitleid zu empfinden, den «wichtigsten aggressionshemmenden Faktor beim Menschen».



Die Aggressivität solcher Kids sei aufgeladen, erklärt auch Jugendpsychologe Allan Guggenbühl. Die Kinder würden eine Spiel-Session unterschiedlich verarbeiten. Einige seien danach leer, ausgelaugt und ziellos. Andere befalle eine innere Unruhe und sie würden umtriebig.



Schweizer Gesetze kennen keine Altersbegrenzung für Brutalo-Spiele. Selbst 13-Jährige oder noch Jüngere kommen in PC-Shops problemlos an die CDs ran. Auf manchen Hüllen steht zwar «ab 18 Jahren». Doch Händler machen sich nicht strafbar, wenn sie die Spiele trotzdem an Jüngere verkaufen. «Das ist unglaublich. Der Jugendschutz muss dringend verbessert werden», fordert P.s Mutter A. D. In Deutschland greifen die Gesetze besser: Dort riskiert Busse oder Gefängnis, wer Kriegsspiele an Kinder verkauft.



In der Schweiz wäre es möglich, mit dem «Brutalo-Artikel» 135 im Strafrecht Spiele zu verbieten. Doch es fehlt an Anzeigen und Gerichtsentscheiden. Bis heute ist noch kein einziges Brutalo-Spiel verboten worden. «Politiker und Gerichte nehmen die Verantwortung gegenüber Kindern zu wenig wahr», ärgert sich A. D.



Kein Wunder: Auch immer mehr Erwachsene aus allen Schichten geben sich dem Spieltrieb hin. Beispiel: Die Zürcher Hausärzte. Auf deren Homepage im Internet finden Jugendliche Links zu «fiesen und absurden Computerspielen». Ein Klick, und da ist Harry Potter. Ziel dieses Spiels: Den Zauberlehrling mit Drogen zudröhnen, bis er stirbt. Doch es fliegen auch Köpfe weg, zum Beispiel der von Osama Bin Laden. «Blase Osamas verfaulten Kopf weg», heisst es in einem Spielbeschrieb, und zwar «sauber getrennt vom Rumpf».



Profis wie Timo gamen längst direkt im Internet und kaum noch mit gekauften Spiele-CDs. Dazu klinken sie sich in riesige Server ein, die irgendwo auf der Welt stehen. Das heisst: Häufig verabreden und treffen sich befreundete Kids nicht mehr zu Spiel-Sessions, sondern jeder sitzt zu Hause allein vor dem Bildschirm und spielt im Internet mit oder gegen seine Kollegen. Einige organisieren sich in «Clans» und ziehen zusammen in die virtuelle Schlacht - gegen andere Clans.





Kollege verprügelt und aufs Bahngleis geworfen



Im Spiel «Night Trap» hängen die Kids halbnackte Frauen an Fleischerhaken auf. Und im Kassenknüller «Mortal Combat» reisst der Spieler dem besiegten Gegner das noch schlagende Herz aus dem Körper. Gewaltexzesse finden nicht nur in Computerspielen statt, sondern immer häufiger auch in der realen Welt der Kids. Aktuelles Beispiel: In Stalden VS wurde Ende November letzten Jahres der 14-jährige Thomas von Kollegen verprügelt. Sie warfen ihn danach auf ein Bahngleis.



Manchmal geistern solche Szenen bereits lange vorher in den Köpfen der Schüler herum. Marcus (Name geändert) schreibt in einem seiner Aufsätze: «Ich lade meine Maschinengewehre und gehe jagen. Ich packe meinen Lehrer am Kragen und ziehe ihn hinter mir her. Dann stelle ich den Köder (den Lehrer, Anm. der Redaktion) in die Mitte einer Lichtung. Wenn der Saurier kommt, töte ich ihn mit einer Handgranate oder einem Maschinengewehr.» Marcus ist gerade zehn Jahre alt geworden.



Angst habe er nicht, denn Marcus habe nichts gegen ihn, sagt der betroffene Lehrer, der anonym bleiben will. «Für ihn ist das vielleicht einfach lustig oder eine Mutprobe. Er möchte herausfinden, wie ich reagiere.» Marcus sei überdies in der Klasse einer der beliebtesten. «Es ist aber schon bedenklich, dass die Fantasie der Kinder zunehmend auf eine virtuelle Welt zusammenschrumpft.»





Aggressivität unter Jugendlichen nimmt zu



Schulen bleiben von Gewalt nicht verschont. Es herrsche eine «dauerhafte aggressive Grundstimmung, die noch vor zehn Jahren nicht da war», sagt etwa der Zürcher Oberstufenlehrer Thomas Wolfer. «Die 14-Jährigen provozieren und schreien sich an.» Hektische Kriegsspiele allein will Wolfer dafür nicht verantwortlich machen. «Sie könnten aber ein Faktor sein.» Sieben der zehn Jungs in seiner Klasse spielen zu Hause regelmässig vor dem Computer.



Wie weit Brutalo-Spiele gewalttätiges Verhalten fördern, darin sind sich Experten uneinig. Psychologe Guggenbühl meint: «Ein James-Bond-Film hat auf Kinder eine ähnliche Wirkung.» Gewalt fördernd wirkten die Brutalo-Szenen vor allem bei «labilen Jugendlichen, die ein problematisches Umfeld haben und bereits gewaltbereit sind». Den meisten Kids gehe es aber nicht primär ums Töten, sondern um Geschicklichkeit und Punkte sammeln. Guggenbühl: «Es sind die Erwachsenen, die fürchten, dass sie Fiktion und Realität durcheinander bringen.» Timo kann sich diese Verwechslung nicht vorstellen. «Das sind doch zwei Welten», sagt er locker.



Der US-Militärpsychologe Dave Grossman aber behauptet: Kriegsspiele machen bestimmte Kinder zu Killern. Der 45-jährige Offizier der US-Armee hat seine Militärkarriere beendet, um den Akt des Tötens wissenschaftlich zu ergründen. In seinem Buch «Stop Teaching Our Kids To Kill» macht er PC-Spiele für Massaker an amerikanischen Grundschulen verantwortlich, etwa für jenes an der Columbine High School in Littleton, Colorado. Dort starben 12 Jugendliche, erschossen von zwei ihrer Kollegen.



Brutalo-Spiele seien «Tötungssimulatoren», ähnlich wie sie im Militär verwendet würden, sagt Grossman. US-Militärs würden darauf trainiert, zu töten. «Sie üben diesen Akt ein. Teenager und Kinder setzen wir denselben Mechanismen aus.» Laut Grossman wird «der biologisch machtvolle Widerstand gegen den Akt des Tötens» gebrochen, wenn Kids am Bildschirm im Akkord Menschen umbringen. «Sie werden nicht zwangsläufig kriminell. Aber sie akzeptieren Gewalt leichter als andere - das ist der Anfang.»



Grossman, der als Offizier den Militärs das Schiessen beigebracht hat, stellt bei Kids eine erstaunlich gute Zielgenauigkeit fest. Diese hatte auch der 14-jährige Michael Carneal, der 1997 in seiner Schule im amerikanischen Paducah, Kentucky, auf andere Schüler schoss. «Der Junge hatte zuvor noch nie eine Pistole in der Hand gehabt. Er traf fünf in den Kopf, drei in den Oberkörper», sagt Grossman und folgert lapidar: «Acht Schüsse, acht Treffer.» Michael Carneal habe diese Treffsicherheit durch Gewaltspiele wie «Doom» oder «Quake» trainiert. «In diesen Spielen gibt es für Kopfschüsse Prämien.»



In «Quake» lassen sich laut Grossman verhasste Lehrer einscannen, um sie danach zu erschiessen. Spiele dieser Sorte gehören in der Schweiz in einzelnen Schulen zum Alltag. So auch an der Technischen Berufsschule Zürich. Dort spielen die 15-jährigen Schüler «Quake» in der Pause, manchmal mehrere Klassen zusammen - auf dem schuleigenen Computernetzwerk. Und mit Wissen des zuständigen Lehrers. Ein Blick in die neuste Version zeigt: Von Gewehrsalven getroffene Körper zerstäuben in einem blutigen Nieselregen. Dave Grossman schätzt «Quake» als gefährlich ein. «Es senkt die Hemmschwelle des Menschen, einen Artgenossen zu töten. Oft ist das einzige, was dann noch fehlt, die Waffe.»



800 Millionen Franken wollen die Kantone in den nächsten fünf Jahren für das Projekt «Schulen ans Netz» aufwenden. Um Missbrauch zu verhindern, braucht es klare Richtlinien. Denn die PC-Spiele werden immer echter. Dies ist der grösste Ehrgeiz der Software-Entwickler. «In spätestens zehn Jahren erreichen sie die Qualität eines Spielfilms», sagt ein Insider der Software-Industrie.







Spiel und Realität: Mit Kindern über Gewalt reden



Wenden Sie sich als Eltern den PC-Spielen zu, statt sie einfach zu verbieten, rät Jugendpsychologe Allan Guggenbühl.



- Verbote machen die Spiele nur interessanter. Oder die Kids spielen bei Kollegen.



- Setzen Sie den Kindern Schranken, wie lange sie pro Tag - auch auswärts - spielen dürfen.



- Lassen Sie sich die Spiele von den Kindern vorführen und erklären. Guggenbühl: «So spüren Sie mögliche problematische Tendenzen auf.»



- Sprechen Sie mit Ihren Kindern über gewalttätige Szenen. Zeigen Sie Zusammenhänge mit realer Gewalt auf, zum Beispiel anhand der Tagesschau im Fernsehen.



- Haben Sie den Mut, altmodisch aufzutreten und den Kindern zu raten, Bücher zu lesen oder draussen zu spielen. Guggenbühl: «Die Kids finden das zwar daneben, sie sehen die Wahrheit im Kern aber trotzdem.»



- Regen Sie den Lehrer an, das Thema Brutalo-Spiele in der Klasse zu behandeln.

01. Januar 2002


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