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Artikel | Gesundheits-Tipp 2/2002

Die Leiden der Marie M.

Bis zu zehn Medikamente täglich musste die damals 83-jährige Marie Metzler im Pflegeheim Lindenbühl in Trogen AR nehmen. Sie begann zu zittern und wurde apathisch. Erst als die Kinder sie aus dem Heim nahmen, ging es ihr wieder besser. Die Heimleitung will «korrekt» gehandelt haben.

Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch

Marie Metzler war ein Bewegungsmensch. Sie liebte lange Spaziergänge und konnte sich auch mit achtzig Jahren über Jüngere beklagen, die ihr nicht folgen konnten. Das Alter holte ihren Körper nicht ein. Statt dessen nahm es sich ihren Geist.

Die passionierte Köchin begann, Rezepte zu vergessen. Sie stellte einen Braten in den Backofen und ging zum Coiffeur. «Als sie zurückkam, war die Küche schwarz», erinnert sich Sohn Othmar Metzler. Schliesslich mussten die vier Kinder der Wahrheit ins Auge sehen. Ihre 83-jährige Mutter konnte nicht mehr allein leben. Sie hatte Alzheimer.

Das Pflegeheim Lindenbühl in Trogen AR schien der ideale Auffangort. Mit vierzig Plätzen relativ klein, direkt am Berg gelegen - ideal für die wanderlustige alte Dame. Doch Marie Metzler verwandelte sich im Heim innert weniger Wochen. «Immer wenn ich kam, fand ich sie in sich versunken und teilnahmslos in einem Stuhl sitzend», erinnert sich Tochter Cécile Metzler. Ruth Adler, die zweite Tochter, besuchte die Mutter besonders oft.

«Eines Tages bemerkte ich, dass ihre Hände heftig zitterten», erzählt sie. «Sie konnte das nicht mehr kontrollieren.» Nachts machte die Mutter kein Auge mehr zu und am Tag litt sie Qualen wegen ihres Darms. Ihre Verdauung liess sie im Stich.

«Wir dachten lange, der Verfall sei eine Folge der Krankheit», sagt Ruth Adler. Bis die erste Rechnung kam: Fast 1000 Franken sollten die Kinder plötzlich dem Heimarzt für Medikamente bezahlen. «Wir fielen aus allen Wolken», sagt Sohn Othmar Metzler. «Vor ihrem Heimeintritt hatte die Mutter nie Medikamente genommen. «Jetzt plötzlich standen neun oder zehn auf der Rechnung.»

Die Kinder begannen nachzuforschen und stiessen auf mancherlei Eigenartiges. Unter hohem Blutdruck hatte ihre Mutter nie gelitten. Jetzt musste sie ein blutdrucksenkendes Mittel nehmen. Über eine Herzkrankheit wussten die Kinder auch nichts. Doch auf den Rechnungen war Corvaton aufgelistet, ein Mittel gegen Herzanfälle. Schliesslich entdeckten die Kinder gleich drei schwere Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Neuroleptika. Das sind Medikamente für Schizophrenie-Patienten.


Trotz der Beruhigungsmittel schlief sie immer schlechter

«Wir lasen auf den Beipackzetteln die Nebenwirkungen - und erkannten die Symptome unserer Mutter wieder», sagt Cécile Metzler. Die Mittel Truxal und Nozinan sorgen sehr häufig für Verstopfung. Hinter den unkontrolliert zitternden Händen ihrer Mutter vermuteten die Kinder jetzt das so genannte Parkinson-Syndrom, eine Nebenwirkung der Neuroleptika Nozinan und Clopixol.

«Meine Mutter musste die Medikamente in hohen Dosen nehmen», beklagte sich Cécile Metzler. «Doch unruhige Alzheimer-Patienten sollten gerade Clopixol höchstens in sehr geringen Dosen einnehmen. Dies haben unsere Nachforschungen ergeben.» Marie Metzler aber bekam nicht nur Clopixol, sondern gleichzeitig oft noch ein zweites Beruhigungsmittel. Das ist belastend für ein Leichtgewicht von 50 Kilogramm.

Besonders paradox: Trotz der vielen schweren Beruhigungsmittel fand sie nachts immer seltener Schlaf. Phasen völliger Apathie wechselten mit grosser Unruhe - obwohl die Neuroleptika gerade die Unruhe vertreiben sollten.

Die Kinder baten um ein Gespräch mit dem Heimleiter-Ehepaar Heidi und Edgar Gmünder und dem behandelnden Heimarzt Hanspeter Sonderegger. «Wir waren überzeugt, dass unsere Mutter diese Medikamente nicht braucht», sagt Sohn Othmar. «Die Nebenwirkungen raubten ihr jede Lebensqualität.» Tochter Ruth Adler erinnert sich: «Der Arzt sagte schliesslich zu, die Medikamente abzusetzen. Doch nach kurzer Zeit begann er wieder damit.»

Die Kinder nahmen Marie Metzler schliesslich aus dem Heim Lindenbühl heraus.

Experten bestätigen das ungute Gefühl der Kinder: «Das ist leider bei alten Menschen oft ein Teufelskreis», sagt Rainer Gladisch, Leiter des Instituts für Geriatrie an der Universität Mannheim in Deutschland. Nach seinen Erfahrungen versteckt sich hinter einem Krankheitssymptom häufig die Nebenwirkung eines anderen Medikaments.

So nehmen viele alte Menschen regelmässig Schlafmittel. Davon werden sie depressiv. Dann nehmen sie Antidepressiva. Von den Antidepressiva werden sie unruhig. Dann bekommen sie Beruhigungsmittel. «All diese Medikamente wirken sich wiederum auf den Kreislauf aus», erklärt er. «Sie führen dazu, dass der Sauerstoff im Gehirn knapp wird. Dieser Sauerstoffmangel im Gehirn führt dann wieder zu verstärkter Unruhe.» Dann werde die Dosis des Beruhigungsmittels erhöht. «Irgendwann», so Gladisch, «verliert der Patient das Bewusstsein.»

Unter Experten sind diese Probleme längst bekannt. Albert Wettstein vom stadtärztlichen Dienst Zürich rät deshalb, bei neu auftretenden Beschwerden immer zuerst an die Möglichkeit von Nebenwirkungen zu denken. Ausserdem sollte man nur mit «grösster Zurückhaltung» mehr als fünf Medikamente auf einmal verschreiben.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Zwei Drittel aller verkauften Medikamente schlucken die über 50-Jährigen. Deutsche Wissenschaftler fanden heraus, dass mehr als die Hälfte der über 70-Jährigen täglich fünf und mehr Medikamente einnimmt. Jeder siebte Patient in diesem Alter erhielt mindestens ein Medikament, das er, so die Wissenschaftler, gar nicht hätte erhalten dürfen. Für die Schweiz gibt es keine detaillierten Untersuchungen.

Wenn viele Medikamente auch viel helfen würden, dann wäre dieses Geld gut angelegt. Aber speziell alte Menschen, die Grossverbraucher unter den Apotheken-Kunden, sind durch Nebenwirkungen besonders gefährdet.

- Nierenprobleme: Oft funktionieren ihre Nieren nicht mehr gut. Dabei sind gerade die Nieren wichtig, um Medikamente aus dem Körper auszuscheiden. Die Folge: Die Medikamente «stauen sich» im Körper. Es kommt zu versteckten Überdosierungen.

- Blutdruck-Schwankungen: Vor allem bei Mitteln gegen Bluthochdruck führt diese schleichende Überdosierung dazu, dass der Blutdruck plötzlich abfällt. Im Liegen ist er noch normal, im Stehen zu niedrig. Deshalb können alte Menschen ohne erkennbaren Anlass zusammenbrechen und ohnmächtig werden. Der Effekt verstärkt sich noch, weil viele alte Menschen zu wenig trinken. Der Flüssigkeitsmangel senkt ebenfalls den Blutdruck.

- Sturzgefahr: Unter Einfluss vieler Medikamente ist die Sturzgefahr gross. Der Blutdruck fällt ab, der Mensch reagiert langsamer. Beim Sturz verletzen sich alte Menschen oft schwer. Von einem Bruch des Oberschenkelhalses erholen sich beispielsweise nur 40 Prozent der Verletzten vollständig. 30 Prozent werden zu Pflegefällen und weitere 30 Prozent sterben.

- Parkinson-Syndrom: Einige Medikamente wirken aufs Gehirn. Sie können dazu führen, dass der Mensch unkontrollierbar zittert (Parkinson-Syndrom) oder auf die Umwelt einen akut verwirrten Eindruck macht.

Gerade die zuletzt erwähnten Beschwerden gelten aber oft als normale Alterserscheinungen («das Grosi ist halt verwirrt»). Sie treten besonders häufig bei Psychopharmaka auf, einer Medikamentengruppe, die in Alters- und Pflegeheimen stark verbreitet ist.

Der deutsche Psychiater Siegfried Weyerer fand heraus, dass in Mannheim fast 60 Prozent aller Heimbewohner ein oder mehrere Medikamente dieser Gruppe nehmen. Oft wollen die Ärzte damit psychische Begleiterscheinungen einer körperlichen Krankheit bekämpfen. Manchmal sind es aber auch Heimleitungen, die darauf drängen, solche Medikamente abzugeben. Denn unruhige Bewohner sind im oft hektischen Pflegealltag unbequem. «Der Heimarzt gerät dann unter Druck, diese Medikamente auch zu verschreiben», sagt Erhard Taverna, Kantonsarzt beider Appenzell.

Auch die Kinder von Marie Metzler äusserten diesen Vorwurf. Ausserdem berichten sie übereinstimmend, dass nie jemand im Heim Lindenbühl mit der Mutter spazieren ging. Statt dessen wurde sie während der Mittagspause in ihrem Zimmer eingeschlossen, obwohl dort weder das Fenster zu öffnen noch eine Notglocke vorhanden war. «Im Notfall hätte unsere Mutter sich nicht bemerkbar machen können», sagt Cécile Metzler.

Das Heimleiter-Ehepaar Heidi und Edgar Gmünder will sich zu den konkreten Vorwürfen nicht äussern. Es schreibt dem Puls-Tipp lediglich, es habe sich «korrekt verhalten». Auch Heimarzt Hanspeter Sonderegger will zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen: «Ich sehe keinen Anlass, mich zu dem Fall zu äussern.»

Erhard Taverna, Kantonsarzt beider Appenzell, hat allerdings «Fragezeichen». «Die Angehörigen haben zu Recht interveniert», sagt er. Die Kinder schalteten den Kantonsarzt ein, nachdem aus ihrer Sicht ein Gespräch mit den Heimleitern und dem behandelnden Heimarzt nicht mehr möglich war. Auch der Schweizer Geriater Cornel Sieber, Direktor des einzigen Lehrstuhls für Gerontologie in Deutschland an der Universität Erlangen-Nürnberg, sagt: «Alzheimer-Kranke vertragen Neuroleptika sehr schlecht.»


Eine Patientenverfügung kann Schutz bieten

Der Zürcher Geriatrie-Experte Albert Wettstein hat dafür gesorgt, dass die so genannten klassischen Neuroleptika aus Zürcher Pflegeheimen verbannt wurden. «Es gibt neuere Medikamente, die diese schweren Nebenwirkungen nicht haben», sagt er. «Doch auch sie sind nur in kleinen Dosen ungefährlich. Und sie sind viel teurer.» Auch für Wettstein ist es «wahrscheinlich zutreffend», dass Marie Metzler an den Nebenwirkungen der Medikamente litt, die Heimarzt Sonderegger ihr im Pflegeheim Lindenbühl verschrieb.

Noch etwas stiess den Kindern auf: Heimarzt Hanspeter Sonderegger informierte sie nicht mehr, wie er Marie Metzler behandelte. Allerdings: Das hätte er auch nicht machen müssen, denn Marie Metzler hatte keine Patientenverfügung unterschrieben. Margrit Kessler von der Patientenorganisation SPO sagt: «Ohne die Verfügung behandelt der Arzt die Patientin nach seinen ethischen Vorstellungen.»

Mit der Patientenverfügung überträgt ein Mensch die Entscheidung, wie lange und mit welchen Medikamenten er oder sie behandelt werden will, auf die Angehörigen. Einen mühsameren Weg mussten deshalb die Metzlers gehen. Cécile Metzler liess sich von einem Gericht als Vormund einsetzen - für ihre eigene Mutter.

Doch das Schicksal der kranken Frau nahm noch eine glückliche Wendung - dank ihrer Kinder. Sie fanden im Alterspflegeheim Seerose in Egnach TG einen neuen Platz für die Mutter. Dort setzte Heimarzt Rolf Streckeisen mit Ausnahme des Aspirins sofort alle Medikamente ab.

«Viele Symptome liessen nach», berichtet er. Was Marie Metzler blieb, war der Drang, sich zu bewegen. «Aber in der Seerose konnte sie das tun», erzählt Sohn Othmar. «Stundenlang lief sie im Garten herum. Das Pflegepersonal ist manchmal sogar mit dem Essen hinter ihr hergerannt, weil sie sich nicht einmal zu den Mahlzeiten hinsetzen wollte.»

«Wenn ein alter Mensch eingeschlossen wird, verschlechtert sich oft allein dadurch der Gesundheitszustand», sagt Streckeisen. «Wir brauchen in der Seerose viel weniger Psychopharmaka, weil die Menschen sich frei bewegen können.»

Auch Tochter Cécile erlebte die Mutter wie verwandelt: «Sie zitterte nicht mehr, schlief nachts durch und hatte wieder klare Momente - bis zum Schluss.» Im Juni letzten Jahres starb sie. Noch heute denkt Cécile Metzler «mit Schaudern» an die Zeit im Trogener Pflegeheim zurück: «Wir sahen sie leiden und waren so hilflos. Aber wir haben als Geschwister zusammengehalten. Sonst hätten wir es nicht geschafft.»



Aufruf - Schreiben Sie uns!

Haben auch Sie Angehörige, die sehr viele Medikamente nehmen müssen? Auch in Heimen? Haben Sie selbst Erfahrung damit?

Schreiben Sie uns! Die Einsendungen werden vertraulich behandelt.

Redaktion Puls-Tipp, Stichwort «Pillencocktail», Postfach 277, 8024 Zürich.



Zu viele Pillen im Pflegeheim: Das können Sie tun

- Sprechen Sie mit der Heimleitung und/oder dem Arzt. Fragen Sie nach einem Heimbeirat.

- Schalten Sie bei grossen Problemen die kantonale Heimaufsicht und/oder den Kantonsarzt ein.

- Angehörige von Alzheimer-Patienten können sich mit Fragen zur Behandlung an die psychogeriatrischen Dienste wenden, die in den grösseren Kantonen eingerichtet worden sind. Erkundigen Sie sich bei Ihrem Kantonsspital.

- Erkundigen Sie sich nach Heimen, die Haustiere zulassen oder zu therapeutischen Zwecken Tiere halten. Viele Pflegeheim-Bewohner profitieren vom Kontakt mit Tieren. Dies kann Pillen ersetzen.

- Ruth Adler hat nach den Erfahrungen ihrer Mutter Marie Metzler im Pflegeheim Lindenbühl im appenzellischen Trogen die erste Selbsthilfegruppe der Schweiz für pflegende Angehörige gegründet. Sie sucht noch Mitstreiterinnen und Mitstreiter: Tel. 071 755 63 51.

- Weitere Ansprechpartner für Angehörige: Neuer Panther Club, Alice Liber, Tel. und Fax 01 926 35 03

- SPO, Tel. siehe unten

- Besorgen Sie sich eine Patientenverfügung. Viele Organisationen bieten vorformulierte Dokumente an. Die wichtigsten sind: Schweizerische Patienten-Organisation (SPO), Tel. 01 252 54 22, www.spo.ch (Fr. 7.-)

- Dachverband schweizerischer Patientenstellen (SPS), Tel. 01 361 92 56 (Fr. 4.-)

Das Buch zum Thema: Kurt Pfändler: «Die Rechte der Patienten», KI Konsumenteninfo AG, Fr. 23.-.

Weitere Anlaufstellen für Patientenverfügungen sowie ein Muster finden Sie unter www.pulstipp.ch. Sie können es aber auch gegen 70 Rappen Rückporto (B-Post) bei der Redaktion anfordern.

01. Februar 2002


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