|
(0) |
Felix Huber, Leiter der MediX-Praxis, berät Heidi Bucher
Eine Mittelohrentzündung ist sehr schmerzhaft. Doch soll ein Kind deswegen gleich Antibiotika nehmen? Der Zürcher Hausarzt und Leiter der MediX-Gruppenpraxis Felix Huber rät dazu nur in schweren Fällen.
Heidi Bucher: Aron hat seit gestern starke Ohrenschmerzen. Diese Nacht hat er fast nicht geschlafen. Heute Morgen habe ich ihm die Temperatur gemessen. Sie beträgt 38,7 Grad.
Felix Huber: Hat er auch Schnupfen oder Halsschmerzen?
Bucher: Vor ein paar Tagen fing es an mit Halsschmerzen. Dann bekam Aron einen starken Schnupfen und ein bisschen Durchfall. Er hat vermutlich wieder eine Mittelohrentzündung.
Huber (untersucht Aron): Ich sehe gerötete und leicht vorgewölbte Trommelfelle. Aron hat auf beiden Seiten eine Entzündung des Mittelohres.
Bucher: Muss er jetzt schon wieder Antibiotika nehmen? Schon letztes Jahr mussten wir ihm wegen einer Mittelohrentzündung Antibiotika geben.
Huber: Eine Mittelohrentzündung ist bei Kindern sehr häufig. Bis zu 30 Prozent der Kinder haben pro Jahr eine Entzündung. Immer geht der Mittelohrentzündung eine Virus-Infektion der oberen Luftwege voraus, zum Beispiel ein Schnupfen. Diese Infektion verschliesst den inneren Gehörgang, es kommt zum so genannten Tubenkatarrh. Das Mittelohr kann dadurch nicht mehr belüftet werden. Sekret staut sich an und als Folge davon kommt es zu einer bakteriellen Entzündung.
Bucher: Was kann man denn dagegen tun ausser Antibiotika schlucken?
Huber: Auch ohne Antibiotika heilt eine Mittelohrentzündung in 80 Prozent der Fälle innerhalb von drei Tagen ab. Von einer Behandlung mit Antibiotika profitieren nur wenige Kinder.
Bucher: Das heisst also, Aron braucht keine Antibiotika zu nehmen?
Huber: Nein, das ist nicht unbedingt notwendig. Es kommt auf Arons Beschwerden an. Wichtig ist, dass der Nasen-Rachen-Raum abschwellt. So kann sich der innere Gehörgang wieder öffnen. Deshalb ist vor allem eine Behandlung gegen die Schwellung und gegen die Schmerzen wichtig. Dann kann die Selbstheilung einsetzen. Dies erreicht man mit Fieber- oder Schmerzzäpfchen und eventuell Salzwasser oder abschwellenden Nasentropfen. Meistens genügen diese Massnahmen.
Bucher: Wann setzt man denn Antibiotika ein?
Huber: Es gibt Fälle, in denen es sinnvoll ist, Antibiotika einzusetzen, zum Beispiel wenn das Trommelfell einen Defekt hat. Zudem sind sie sinnvoll bei Kindern unter zwei Jahren, deren Allgemeinzustand deutlich reduziert ist. Man sollte sie auch dann nehmen, wenn das Kind bereits vorher einen Hörschaden hatte.
Bucher: Was ist, wenn wir wieder eine so schreckliche Nacht miterleben müssen?
Huber: Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein Antibiotikum für den Notfall mitgeben. Das können Sie dann einsetzen, wenn Aron allzu sehr leiden muss. Falls Sie es nicht gebrauchen, können Sie es zurückbringen.
Bucher: Welche Nachteile kann es geben, wenn wir keine Antibiotika einsetzen?
Huber: Ohne Antibiotika dauern die Ohrenschmerzen statt durchschnittlich 2,5 Tage einen Tag länger, also 3,5 Tage. Komplikationen wie ein Hörverlust oder eine Entzündung des Schädelknochens oder der Hirnhäute sind sehr selten. Sie rechtfertigen nicht, dass man Antibiotika bei allen Kindern anwendet.
Hingegen sollten Kinder, die nach dem dritten Tag immer noch starke Schmerzen und hohes Fieber haben, eher ein Antibiotikum erhalten.
Bucher: Welche Nebenwirkungen können Antibiotika haben?
Huber: Jedes fünfte Kind muss aufgrund von Antibiotika häufig erbrechen oder es kriegt Durchfall und Ausschläge. Bei Kindern, die keine Antibiotika nehmen, treten diese Symptome nur halb so häufig auf.
Bucher: Kann es Komplikationen geben?
Huber: Ganz selten kommt es zu einer Knocheninfektion hinter dem Ohr. Dies zeigt sich durch ein abstehendes Ohr. In diesem Fall muss man unbedingt erneut zum Arzt.
Bucher: Müssen wir zu einer Nachkontrolle kommen?
Huber: Oft empfehlen Kinderärzte eine Nachkontrolle, um auszuschliessen, dass sich Sekret im Mittelohr angesammelt hat. Bei vier von zehn Kindern kommt es nach einem Monat und bei immer noch einem von zehn Kindern nach drei Monaten zu einer derartigen Sekretansammlung.
Bucher: Ist das gefährlich?
Huber: Anders als früher angenommen, wirkt sich diese nicht ungünstig aus auf die Sprachentwicklung. Das Einsetzen von Paukenröhrchen zur «Drainage» hat ebenfalls keinen Vorteil gegenüber einer zurückhaltenden Therapie, bei der man einfach einmal abwartet. Kurz: Eine Nachkontrolle ist nicht notwendig. Wenn Sie unsicher sind, können wir aber jederzeit die Ohren nochmals kontrollieren.
Bucher: Wir versuchen die Entzündung mit den Nasentropfen und den Fieberzäpfchen zu bekämpfen. Es würde uns aber beruhigen, wenn wir das Antibiotikum mitnehmen könnten - für den Fall, dass es Aron diese Nacht oder in den nächsten Tagen weiterhin so schlecht geht.
Huber: Das finde ich vernünftig.
Die aufgeklärte Patientin - Stellen Sie die richtigen Fragen
- Über Vor- und Nachteile einer Behandlung oder Operation muss Sie der Arzt nach dem neusten Stand der Wissenschaft informieren.
- Er muss Ihnen auch sagen, was kurzfristig, aber auch langfristig passiert, wenn Sie sich nicht oder anders behandeln lassen.
- Sie können dazu beitragen, wenn Sie dem Arzt die richtigen Fragen stellen.
- Das hier abgedruckte Gespräch ist ein Beispiel, wie ein Arzt aufklären und wie eine Patientin Fragen stellen soll.
Nutzenforschung - Antibiotika sind bei Mittelohrentzündung selten notwendig
Antibiotika bekämpfen die Mittelohrentzündung. Doch in 80 Prozent der Fälle geht es auch ohne.
Die Mittelohrentzündung ist eine der weitestverbreiteten Kinderkrankheiten. Sie ist der häufigste Grund, dass Ärzte Kindern Antibiotika verschreiben. Doch in den meisten Fällen sind Antibiotika unnötig:
- 70 bis 80 Prozent der Mittelohrentzündungen heilen ohne Antibiotika genauso gut.
- Bei den meisten Ohrenschmerzen handelt es sich lediglich um einen Tubenkatarrh. Man kann ihn ohne Antibiotika problemlos behandeln.
- Auch Antibiotika lindern die Ohrenschmerzen meist erst am dritten Tag. In dieser Zeit verschwinden die Schmerzen normalerweise auch ohne Antibiotika.
- Von einer Behandlung mit Antibiotika profitiert je nach Studie nur 1 von 7 oder gar nur 1 von 17 Kindern. Das heisst, es müssen je nach Studie 7 bis 17 Kinder mit Antibiotika behandelt werden, damit 1 Kind davon profitiert. Die anderen 6 beziehungsweise 16 Kinder haben keinen zusätzlichen Nutzen.
Mit dem Schlucken von Antibiotika soll man möglichst lange zuwarten. Durch den übermässigen Einsatz werden einige Erreger der Mittelohrentzündung resistent gegen bestimmte Antibiotika, zum Beispiel gegen Penicillin.
Eine Mittelohrentzündung lässt sich mit Fieber- oder Schmerzzäpfchen (Paracetamol) behandeln sowie mit Salzwasser- oder abschwellenden Nasentropfen.
Nasen-Ballönchen können Kindern mit häufigen Mittelohrentzündungen helfen oder wenn ein Erguss zurückbleibt. Man hält das Ballönchen an eine Nasenöffnung und drückt die andere leicht zu. Das Kind versucht nun, das Ballönchen durch das andere Nasenloch aufzublasen. Diese Behandlung ist vergleichbar mit dem Druckausgleich bei der Flugzeuglandung.
Mehr zum Thema Mittelohrentzündung finden Sie auf www.medix-aerzte.ch in der Guideline «Otitis media».
01. Februar 2002
