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Häufig falsch diagnostiziert: Jede vierte Frau leidet an der wuchernden Gebärmutter schleimhaut
Blutungen, Darmprobleme und Schmerzen beim Sex - ein Viertel aller Frauen leidet an Endometriose. Das Fatale: Die meisten Hausärzte erkennen die Krankheit zu spät. Und viele Frauen wissen gar nicht, dass sie krank sind.
Regula Schneider rschneider@pulstipp.ch
Von einer Minute zur anderen muss sich Ursula Hübscher hinlegen. In ihrem Unterleib wüten die Schmerzen. Sie breiten sich im Beckenraum aus und strahlen in die Beine. «Es fühlt sich an, als würde ein Vulkan in mir ausbrechen», erzählt die 42-jährige Kleinkinderzieherin aus Schaffhausen.
Ursula Hübscher leidet an Endometriose: Ihre Gebärmutterschleimhaut wuchert ausserhalb der Gebärmutter. Und zwar an der Blase, an beiden Eierstöcken, den Eileitern, an der hinteren und vorderen Beckenwand und am Darm. Sie muss eine weitere Bauchspiegelung machen lassen. Drei hat sie bereits hinter sich, jeweils im Abstand von zwei Jahren.
Während der Bauchspiegelung lasert der Gynäkologe die Endometrioseherde weg. Bei einem stark befallenen Eierstock ist dies nicht mehr möglich. Der Arzt muss ihn entfernen. Es ist Ursula Hübschers viertes Organ, das der Endometriose zum Opfer fällt. Vor fünf Jahren war es die Gebärmutter. Danach der Blinddarm und die Eileiter.
Jede Frau im gebärfähigen Alter kann die Krankheit bekommen. Bei manchen tritt sie nur einmal auf. Doch bei vielen Frauen bilden sich immer neue Endometrioseherde. In diesen Fällen kommt die Krankheit erst bei der Abänderung zum Stillstand. Endometriose ist nicht bösartig, ihre Symptome sind jedoch äusserst belastend: Menstruationsschmerzen, Blutungen, Darmstörungen, Blinddarmentzündungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Magenbeschwerden, Reizblase, Fieberschwankungen sowie häufige Infektionen.
Die wild wuchernde Schleimhaut in der Bauchhöhle baut sich periodisch auf, wird zum Zeitpunkt der Monatsregel abgestossen und beginnt zu bluten. Diese blutende Schleimhaut staut sich jedoch im Unterleib und bildet Zysten. Der Körper reagiert darauf mit schmerzhaften Entzündungen, die vernarben können. Das Narbengewebe verwächst mit dem Bauchfell und den benachbarten Organen. Eine schwere Endometriose kann ein Organ zerstören.
Bis zur Diagnose dauert es im Durchschnitt zehn Jahre
Endometriose kann beschwerdefrei verlaufen. Dieses Glück hat Ursula Hübscher nicht: Erst nach einer Lasertherapie fühlt sie sich für längere Zeit wohl. Doch wenn das Gewebe erneut wuchert, stellen sich die Schmerzen wieder ein. Die Kleinkinderzieherin und Spielgruppenleiterin wird ihr Teilzeit-Arbeitspensum weiter reduzieren müssen: «Wegen der Schmerzattacken falle ich oft aus», erzählt sie, «ausserdem bin ich schnell erschöpft und brauche viel Schlaf.» Die zweifache Mutter benötigt eine Haushalthilfe. Sie habe auch Probleme mit dem Immunsystem und sei anfällig auf Erkältungen.
Endometriose bedeutet für viele Frauen eine Odyssee von Arzt zu Arzt: Bis zur richtigen Diagnose dauert es im Durchschnitt zehn Jahre. «Ich erlebe viele Frauen, die Fehldiagnosen und lange Irrwege hinter sich haben», bestätigt Markus Eberhard, Gynäkologe und Spezialist für Endometriose am Kantonsspital Schaffhausen. «Die Endometriose löst Symptome aus, die nicht offensichtlich auf die Krankheit hindeuten. Dazu kommt, dass der Arzt die Krankheit meistens nur durch eine Bauchspiegelung feststellen kann.»
Es dürfe keine zehn Jahre dauern, bis ein Arzt eine Bauchspiegelung anordnet, sagt Marc Müller, Präsident des Kollegiums für Hausarztmedizin. Der Arzt fordert: «Endometriose ist eine Krankheit, an die auch Allgemeinpraktiker denken müssen.»
Für die Betroffenen bedeutet die verzögerte Diagnose Leiden, Unsicherheit und Frustration. «Manche Ärzte halten die Schmerzen für normale Menstruationsprobleme», sagt Linka Fingerhuth von der Selbsthilfegruppe Endometriose Zürich. «Sie nehmen die Schmerzen nicht ernst.»
«Mein Hausarzt verschrieb mir Aufbaupräparate. Er riet mir, etwas gegen meine psychische Überlastung zu tun», sagt die Endometriose-Patientin Andrea Kern aus Biel*: «Dabei zerrissen mich die Schmerzen fast, ich fiel jeden Monat drei Tage lang aus.» Zudem litt die 38-Jährige unter Hautausschlägen und Verdauungsstörungen. Andrea Kern sprach auch ihren Gynäkologen auf ihre Beschwerden an: «Er sagte, Menstruationsschmerzen seien normal, ich solle mir keine Sorgen machen.»
Mit der Zeit traute sie sich nicht mehr, über ihre Probleme zu sprechen. «Ich zog mich immer mehr zurück und verlor alle Lebensfreude.» Ein häufiges Schicksal von Endometriosepatientinnen: «Viele stehen jahrelang unter grossem psychischen Druck, weil sie sich scheuen, über ihre Probleme und Schmerzen zu sprechen», bestätigt Linka Fingerhuth.
Viele Betroffene haben Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. «Sie stellen deshalb ihre Weiblichkeit in Frage», sagt Linka Fingerhuth. Darüber hinaus kann Endometriose ein Grund für Unfruchtbarkeit sein. Verwachsungen an den Eierstöcken oder verklebte Eileiter erschweren die Befruchtung einer Eizelle oder den Transport eines Embryos. Wenn die Krankheit beschwerdefrei verläuft, wird sie oftmals erst dann entdeckt, wenn eine Frau nicht schwanger werden kann. «70 bis 80 Prozent der Frauen sorgen sich, ob sie ein Kind empfangen können», sagt Linka Fingerhuth. Die Chance, dass eine Frau trotz schwerer Endometriose ein Kind bekommen kann, liegt ungefähr bei 50 Prozent.
Bei Endometriose die ideale Therapie zu finden ist nicht einfach. «Es kommt darauf an, ob der Kinderwunsch oder ein Leben ohne Beschwerden im Vordergrund stehen», sagt der Spezialist Markus Eberhard. Noch immer ist eine Operation nötig, um die Organe so gut wie möglich von der Krankheit zu befreien. In Spezialkliniken ist der Eingriff meist per Bauchspiegelung machbar.
Eine chronische Endometriose erfordert eine umfassende Therapie. Nach mehreren Operationen und Verwachsungen im Darm können Verdauungsprobleme auftreten. Eine Ernährungsberatung hilft, damit umzugehen. Auch eine psychologische Begleitung ist sinnvoll: «Eine Frau, die unter chronischen Schmerzen leidet, verändert sich», sagt Markus Eberhard, «ihre Stimmungslage ist häufig depressiv.» Selbsthilfegruppen bieten einen geeigneten Rahmen zum Austausch. Aber auch Körper- und Sexualtherapien können einer betroffenen Frau helfen, mit der Krankheit leben zu lernen.
Die Komplementärmediziner kennen ebenfalls eine Reihe hilfreicher Methoden. Als Schmerztherapien bieten sich Akupunktur, Yoga, Shiatsu, Homöopathie, Entspannungstechniken und Massagen an. Die traditionelle chinesische Medizin kann sogar helfen, eine weitere Bauchspiegelung hinauszuzögern: «Nach meiner letzten Therapie mit chinesischen Kräutern verschwanden die Schmerzen», sagt Ursula Hübscher, die auch mit Nachtkerzenöl und Mönchspeffer gute Erfahrungen macht.
Sie achtet darauf, sich möglichst viel zu bewegen: «Ein gutes Körpergefühl ist wichtig.» Mittlerweile hat sie gelernt, die Krankheit zu akzeptieren und vorwärts zu schauen.
* Name geändert
So vermeiden Sie eine jahrelange Suche nach der richtigen Diagnose:
Verschweigen Sie Ihrem Arzt nicht, wenn Sie unter intensiven Regelschmerzen, schweren oder unregelmässigen Blutungen leiden oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr haben.
Scheuen Sie sich nicht, eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen, wenn Sie sich nicht ernst genommen oder schlecht beraten fühlen.
Informieren Sie sich über die Krankheit.
- Adressen im Internet: www.endozone.org, www.endometriose-vereinigung.de, www.tnet.at
- Selbsthilfegruppe: Endometriose Zürich, Kontakttelefon: 01 383 19 01 oder 01 362 15 38
- Buchtipps: Jörg Keckstein: «Endometriose - die verkannte Frauenkrankheit», Diametric-Verlag, Fr. 28.-. Martin Sillem: «Wirksame Hilfe bei Endometriose», Trias-Verlag, Fr. 16.-.
Aufruf - Schreiben Sie uns!
Leiden auch Sie unter einer chronischen Endometriose? Welche Therapien helfen Ihnen, die Beschwerden zu lindern? Schreiben Sie über Ihre Erfahrungen an:
Puls-Tipp, «Endometriose», Postfach 277, 8024 Zürich, redaktion@pulstipp.ch
01. Februar 2002
