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Artikel | Gesundheits-Tipp 3/2002

Magersucht - Hungern - der verzweifelte Hilfe schrei

Viele Mädchen und Frauen verweigern das Essen wegen familiärer Spannungen, Stress oder Gewalt

Die 23-jährige Martina legte sich absurde Regeln auf: fast nichts essen, keine warmen Mahlzeiten. Wenn sie die Regeln brach, bestrafte sie sich mit einer heissen Dusche. Martina leidet an einer lebensbedrohenden Krankheit, die Körper und Seele erfasst. An Magersucht.

Christine Frey redaktion@pulstipp.ch

Seit fast zehn Jahren kreisen die Gedanken von Martina praktisch nur um eines: ums Essen. Doch nicht etwa, weil sie immer essen möchte. Im Gegenteil, weil die 23-Jährige nichts isst. Fast nichts.

Sie hat Magersucht oder Anorexie. Ihren absoluten Tiefpunkt hat sie letzten Sommer erreicht: Bei einer Körpergrösse von 165 Zentimetern wog sie nur noch 32 Kilogramm. Tagelang lag sie mit der Bettflasche auf dem Bauch im Bett und fürchtete sich vor dem Einschlafen - aus Angst, nicht mehr aufzuwachen. So schwach fühlte sie sich. Inzwischen geht es ihr wieder besser. Seit vier Monaten lässt sie sich stationär behandeln an der Psychiatrischen Poliklinik in Zürich.

Begriffe wie Magersucht und Anorexie sagten Martina damals, als alles begann, noch nichts. Sie war 14, in der Familie gab es Spannungen, Martina fühlte sich einsam. Sie suchte nach einem Weg, damit die andern sie beachteten. «Abnehmen schien mir ideal, weil jeder sieht, wenn man dünner wird», berichtet sie heute.


«Betroffene wollen angesprochen werden»

Doch die Strategie schlug fehl. Die erhoffte Zuneigung der Eltern blieb aus. Martina hungerte weiter. Sie kaufte sich eine Waage. Täglich kontrollierte sie 30- bis 40-mal ihr Gewicht. Sie begann sich abzusondern: «In meinem Leben gab es nur noch mich, das Essen und die Waage.» Anfangs, erzählt sie, hätte sie nur langsam abgenommen. Mit 16 Jahren war sie dann so dünn, dass es eigentlich jeder hätte bemerken müssen. Doch niemand sprach sie darauf an.

Aber Schweigen ist falsch. «Magersucht ist ein Hilfeschrei. Betroffene wollen angesprochen werden», sagt Gabriella Milos, Oberärztin an der Psychiatrischen Poliklinik in Zürich. Denn die Anorexie ist lebensbedrohend. Milos: «6 bis 18 Prozent der Magersüchtigen sterben.» Ein grosser Teil der Überlebenden erlebe immer wieder Krisensituationen. Nur etwa ein Drittel bis die Hälfte sei irgendwann wieder ganz gesund. Magersüchtige schaden zudem durch ihre Mangelernährung massiv ihrem Körper: Osteoporose, Schäden an den Zähnen, Haarausfall, Schüttelfröste oder Schwächeanfälle sind nicht selten. Auch setzt die Menstruation bei starkem Untergewicht aus.


Immer häufiger erkranken auch erwachsene Frauen

Am meisten betroffen sind Mädchen in der Pubertät. Doch zunehmend erkranken auch Frauen im Erwachsenenalter. Auslöser sind häufig psychische Belastungen, Gewalterfahrungen, der gesellschaftliche Druck, schlank zu sein, oder schwierige Familiensituationen. Zudem vermuten Fachleute eine Veranlagung.

«Die Hintergründe einer Magersucht sind komplex und individuell verschieden», berichtet Gabriella Milos. Frauen mit Anorexie sind oft einfühlsam und können sich andern gegenüber schlecht abgrenzen und Nein sagen. Als Ersatz sagen sie Nein zum Essen. Ausserdem sind sie in der Regel Perfektionistinnen, sehr streng mit sich selbst und willensstark.

Einen starken Willen brauchen Magersüchtige tatsächlich. Denn Hungern ist gar nicht einfach. «Hunger hatte ich schon. Aber ich konnte Nein sagen», erzählt Martina. Um sich zu beweisen, dass sie widerstehen kann, kochte sie zudem für ihre jüngere Schwester. «Für sie habe ich nur das beste Essen gemacht, mit viel Butter, Rahm und Öl.» Selbst gönnte sie sich nie auch nur den kleinsten Bissen. Für Martina ein Sieg.

Martina legte sich strenge und zum Teil absurde Regeln auf. So erlaubte sie sich nicht, vor 9 Uhr morgens Kaffee zu trinken. «Solche Regeln gaben mir ein Gefühl von Sicherheit.» Eine andere Regel lautete: Du darfst nichts Warmes essen. Nicht mal warmes Gemüse. Und in der schlimmsten Zeit habe sie sich überhaupt nur noch Trinkbares erlaubt. «Jede feste Nahrung war tabu.»


Magersüchtige nehmen sich oft nur verzerrt wahr

Sie begann sich auch mit harten Regeln zu bestrafen: «Ich musste täglich zwei bis drei Stunden zügig gehen. Konnte ich das nicht erfüllen, schnitt ich mich oder verbrannte mich mit der Zigarette.» Oder aber sie zwang sich, brühheiss zu duschen. Die heisse Dusche sollte den seelischen Schmerz überdecken, erklärt die junge Frau heute. «Ich sagte mir immer: Du verdienst nichts Gutes. Woher dieser Gedanke kam, weiss ich nicht.»

Magersüchtige nehmen sich oft nur verzerrt wahr: «Selbst bei massivem Untergewicht, haben sie noch das Gefühl, dick zu sein», sagt Gabriella Milos. Es dauert deshalb auch oft sehr lange, bis Betroffene realisieren, wie schlecht es ihnen wirklich geht. Milos: «Je länger es dauert, umso schwieriger ist der Ausstieg.»

Deshalb sei es wichtig, dass Betroffene und Angehörige die Krankheit früh erkennen.

Nur mit einer gezielten und konsequenten Therapie kann man dem Teufelskreis entrinnen. In der Psychiatrischen Poliklinik in Zürich gehört regelmässiges Essen dazu: drei Hauptmahlzeiten und zwei bis drei Zwischenmahlzeiten täglich. Zudem haben die Patientinnen ein Zielgewicht zu erreichen und zu halten. Jede Woche sollten sie 700 Gramm zunehmen, zweimal die Woche müssen sie auf die Waage. Therapeutische Gespräche helfen der Patientin, die Hintergründe ihrer Magersucht zu erkennen und zu verstehen.

Wenig hilft es, so betont Milos, wenn man Magersüchtige zum Essen zwingen will. Zwangsernährung wenden die Ärzte nur bei Lebensgefahr an.

Martinas aktuelles Gewicht ist 45 Kilo, für ihr Zielgewicht muss sie noch 5 Kilo zulegen. Doch dieses Ziel ist für Martina schwierig zu erreichen. «Ich möchte immer nur das Minimum zunehmen. Einmal nahm ich innerhalb einer Woche 2 Kilo zu. Da geriet ich in Panik», schildert Martina. Sie hat Angst, das Gewicht könnte unkontrolliert in die Höhe schiessen.


«Ich träume davon, ein Glace essen zu gehen»

Auch das tägliche Essprogramm fordert sie heraus. «Alleine würde ich das sicher nicht jeden Tag schaffen.» Aber am Tisch mit den anderen Patientinnen getraue sie sich nicht, ihren Teller nicht leer zu essen. Trotzdem weiss sie auch, wofür sie kämpft: «Nochmals zehn Jahre mit der Magersucht leben will ich nicht. Man quält sich und hat keine Lebensfreude.»

Jetzt habe sie zum ersten Mal das sichere Gefühl, dass sie die Magersucht überwinden werde. Das heisst: lernen, wieder normal zu essen. Lernen, ein gesundes Gewicht zu erreichen, und dieses auch akzeptieren und halten. Und schliesslich auch wieder Dinge essen zu können, die sie seit Jahren nicht mehr gegessen hat. Zum Beispiel Glace. Martina: «Ich träume davon, wieder einmal mit Freunden ein Glace essen zu gehen.»



Fragebogen - Diese Anzeichen deuten auf eine Magersucht hin

Machen Sie sich Sorgen, ob Ihre Tochter oder sonst jemand aus Ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis magersüchtig ist? Für Magersucht gibt es typische Anzeichen. Stellen Sie sich folgende Fragen. Was beobachten Sie?

- Hat die Betroffene markant abgenommen?

- Ist sie häufig müde?

- Friert sie viel?

- Hat ihre Menstruation ausgesetzt (oder bei pubertierenden Mädchen: Verspätet sich das Einsetzen der ersten Regelblutung?)

- Ist sie exzessiv körperlich aktiv?

- Fehlt sie häufig in der Schule oder bei der Arbeit?

- Zieht sie sich zurück und bricht soziale Kontakte ab?

- Hat sie Depressionen?

- Haben sich ihre Essgewohnheiten verändert?

- Will sie nicht mehr gemeinsam mit der Familie oder generell in Gesellschaft essen?

- Täuscht sie vor, gegessen zu haben, ohne dass das wahr ist?

- Redet sie viel übers Essen oder kocht für andere, ohne selbst zu essen?

- Gibt sie stets vor, keinen Hunger zu haben, wenn ihr etwas angeboten wird?

- Weigert sie sich, gewogen zu werden?

- Braucht sie unerklärlich viel Abführmittel?

Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten, umso wahrscheinlicher ist eine Magersucht. Zögern Sie nicht, die betreffende Person darauf anzusprechen. Denken Sie daran: Je früher Magersucht erkannt wird, umso grösser sind die Chancen, dass die Patientin den Weg aus dieser Krankheit wieder herausfindet. Nennen Sie der Betroffenen auch Therapie- und Beratungsstellen, wo sie professionelle Hilfe finden kann.



Magersucht: Hier gibt es Hilfe

1. Organisationen:

- Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES, Postfach 353, 8053 Zürich, Tel. 01 422 85 25

- Zentrum für Menschen mit Essstörungen, Lutherstrasse 2, 8004 Zürich, Tel. 01 291 17 17

- Lightline Beratungsstelle bei Essstörungen, Südstrasse 74, 8008 Zürich, Tel. 01 383 28 18

- Association Boulimie Anorexie ABA, Av. Villamont 19, 1005 Lausanne, Tel. 021 329 04 39


2. Spezialisierte Sprechstunden:

- Sprechstunde für Essstörungen, Universitätsspital Psychiatrische Poliklinik, Culmannstrasse 8, 8091 Zürich, Tel. 01 255 52 80

- Sprechstunden für Essstörungen, Universitätsspital Psychiatrische Poliklinik, Murtenstrasse 21, 3010 Bern, Tel. 031 632 88 11

- Spezialsprechstunde für Essstörungen, Integrierte Psychiatrie Winterthur, Psychotherapiestation «Villa», Eichwaldstrasse 21, Postfach 144, 8408 Winterthur, Tel. 052 266 28 98

- Unité de psychiatrie de liaison, comportement et communication, Hôpital Cantonal de Genève, rue Micheli-du-Crest 24, 1205 Genève, Tel. 022 382 48 70


3. Anlaufstellen in Ihrem Kanton:

- Jugend- und Familienberatungsstellen

- Jugendsekretariate, Jugendämter

- Schulpsychologische Dienste

- Externe Psychiatrische Dienste

- Sozialdienste

- Suchtpräventionsstellen

01. März 2002


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