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Das Bundesamt für Gesundheit und Stop Aids werben mit Gemüse-Plakaten für die Expo.02: Ein Experiment, das schwer zu kapieren ist.
Wenn Sie enthaltsam oder in sexueller Treue leben und ausserdem nicht mehr zu jenem «jungen Gemüse» zu rechnen sind, das gelernt hat, mit knappsten, schnellen Informationen auszukommen, gehören Sie nicht zum Zielpublikum der neuen Stop-Aids-Kampagne des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Aber gerade deshalb bleiben Sie in diesen Tagen vielleicht kopfschüttelnd vor einem Plakat stehen, auf welchem ausser einer Aubergine fast nichts zu sehen ist. «Was soll das?», fragen Sie sich und gehen weiter.
Wenn Ihr Augenmerk dann auf ein Plakat mit dem gleichen Absender - das seit Jahren bekannte Stop-Aids-Logo - fällt, auf welchem zwei grasgrüne Limetten so ins Bild gesetzt sind, dass sie an den straffen Busen einer erregten Frau erinnern, fällt bei Ihnen dann der Groschen, und Sie denken an Sex, bloss, um jetzt erst recht ins Grübeln zu kommen.
Was bitte soll der Aufkleber der Expo.02, der Sie auffordert, «Le premier regard», eine Ausstellung auf der Arteplage Yverdon-les-Bains zu besuchen? Die Plakate lassen Sie in Ihrer Ratlosigkeit allein, kein Text, keine Schlagzeile, auch nicht das abgewandelte biblische Liebesgebot, mit welchem das BAG seine Stop-Aids-Werbung wenigstens im Internet präsentiert: «Schütze deinen Nächsten wie dich selbst.»
Ist das die Ankündigung der Expo.02, die in Zusammenarbeit mit dem BAG und seiner Stop-Aids-Agentur cR DDB in Yverdon ein Trainingsprogramm für blitzschnelles Begreifen beziehungsweise gegen eine lange Leitung vorbereitet?
Oder handelt es sich um eine jener so genannten Teaser-Kampagnen, die zunächst ein Rätsel aufgeben und nach einer Woche augenzwinkernd die Lösung präsentieren?
In Ermangelung eindeutiger Antworten halten wir uns zunächst an das, was wir sehen - Gemüse, Früchte, Getreide, eine Muschel. Aber auch hier kommen wir aus dem Werweissen nicht heraus. Liegt die rote Peperoni als schöner weiblicher Rücken vor uns? Wird die Muschel dem selbsttätigen Mann mit einem Hang zur Selbstquälerei als Hilfsmittel propagiert, während der bleiche Fenchel mahnend in Erinnerung ruft, dass auch schmalhüftige Hungerleiderinnen mit dünnen Beinchen ein Recht auf Sex haben? Dann wäre wohl die Aubergine mit der für das erigierte Organ unnatürlichen Krümmung nach oben als Wink mit dem Zaunpfahl gegen sexuelle Gewalt zu verstehen und der Maiskolben mit bartigem Auswuchs als Abschreckung vor Seuchen, die sich der ungeschützte Mann zuziehen kann? Die Limetten schliesslich lassen in ihrer sonderbaren Perspektive zweifeln, ob der Säugling im Mann oder die gefällige Selbstbetrachtung der Frau von oben herab das Thema sein soll.
Da mag man sich wenigstens mit der Vermutung trösten, dass es für die Werbekreativen ja ganz reizvoll gewesen sein muss, pflanzliche Fruchtformen mit fotografischen Mitteln auf anthroposexuelle Analogien zu untersuchen. Das Experiment wäre indes als misslungen zu taxieren - auch optische Vergleiche hinken, wenn sie zu weit getrieben werden.
Aber wie gesagt, uns geht das alles gar nichts an, wir sind wahrscheinlich zwar die Mehrheit, aber nicht das Zielpublikum, für das Werbegeld verschwendet wird. Wer gemeint ist, eine Minderheit junger Leute von heute, ebenso flink im Kapieren wie unstet in der Liebe, macht wahrscheinlich die Gleichung sofort, ohne einen zweiten Blick auf die Plakate werfen zu müssen: Sex und Stop Aids gehören - immer noch - zusammen.
Wenn die Kampagne dies in Erinnerung rufen will, kann man sie gelten lassen. Und die massiven Streuverluste auf Staatskosten wären als Extrawerbung für die Expo.02 abzubuchen.
27. Februar 2002
