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Ein wenig Stress kann beflügeln. Doch zu viel davon kann auf die Dauer krank machen. Deshalb: Lassen Sie es gar nicht erst so weit kommen! K-Spezial sagt, wie Sie Stress am Arbeitsplatz vermeiden.
«Ich sehe in unserer Klinik täglich Leute, denen der Chef regelmässig einen 16-Stunden-Tag zumutet. Viele versuchen zuerst mit Kaffee, Zigaretten oder Tabletten über die Runden zu kommen. Doch irgendwann sind sie total ausgebrannt oder kommen nach einem Herzinfarkt zu uns.»
Heinz Hubbauer weiss, wovon er spricht. Er ist Leitender Arzt an der Rehaklinik Gais AR, jenem Ort in der Deutschschweiz, wo die meisten Stressopfer versuchen, wieder auf den Damm zu kommen.
Im Büro mutieren wir zu Steinzeitmenschen
Stress gilt heute als Krankmacher Nummer eins. Bereits jede fünfte über 35-jährige Person in der Schweiz hat einen zu hohen Blutdruck, ebenso viele entwickeln im Lauf ihres Lebens eine Angst-Erkrankung - beides häufig Folgen von lang anhaltendem Stress.
Das Wort Stress selbst ist noch jung. Sein «Erfinder», der Stressforscher Hans Selye, fand in den Dreissigerjahren heraus, dass Tiere und Menschen auf belastende Situationen auch körperlich reagieren: Der Körper schüttet die Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin aus. Die Muskeln spannen sich, der Blutdruck steigt, das Denken kreist nur noch um den «Feind»: Wir sind, genau wie damals die Höhlenbewohner, zur Flucht bereit. Im Zeitalter von Handy und Internet eine ziemlich nutzlose Reaktion.
Shareholder-Denken ist mitverantwortlich
Doch längst nicht jede Person versteht unter Stress dasselbe. Während die einen bereits beim kleinsten Ärger über Stress klagen, blühen andere erst richtig auf, wenn sie etwas gestresst sind. Stress im krank machenden Sinn jedoch, hält die Suva fest, «ist ein Zustand unangenehmer Dauer-Erregung und Anspannung, der durch eine Aufgabe oder Anforderung hervorgerufen wird, von der ich nicht weiss, ob ich sie tatsächlich bewältigen kann».
Der Psychosomatiker Heinz Hubbauer sieht die Stressursachen vor allem im heutigen Shareholder-Denken, das vom Einzelnen immer mehr Leistung in immer kürzerer Zeit verlangt. Gefordert sei in erster Linie das Management, denn überforderte Mitarbeiter kosten die Unternehmen auch unnötig Geld.
Doch was kann man gegen Dauerstress tun? «Die Ursachen angehen», empfehlen alle befragten Arbeitspsychologen und Mediziner. Ruedi Rüegsegger, Arbeitspsychologe bei der Suva, empfiehlt, zuerst die Stressfaktoren zu analysieren:
- zu viel oder zu komplizierte Arbeit
- unklare Aufträge oder Erwartungen
- unklare Verantwortungsbereiche
- Konkurrenzdruck
- häufige Störungen und Unterbrechungen
- Konflikte mit Arbeitskollegen oder Vorgesetzten
Kommen noch private Belastungen dazu, kann das Fass überlaufen.
«Zeit-Inseln»: Freiraum für Unvorhergesehenes
Ganz wichtig für die Stressbewältigung ist ein gutes Zeitmanagement. Hubbauer rät, so genannte «Zeit-Inseln» zu schaffen: «Verplanen Sie Ihre Zeit nicht zu 100 Prozent, lassen Sie Lücken für Unvorhergesehenes und überlegen Sie, welche Arbeiten wirklich wichtig sind und welche Sie delegieren können.»
Oft bringt es schon viel, wenn man sich vor Arbeitsbeginn nochmals zurücklehnt und überlegt: Wie lautet der Auftrag genau? Was gehört dazu, was nicht? Und wenn etwas nicht klar ist: zurückfragen.
Statt Faust im Sack: Konflikte ansprechen
«Häufig gibt es ein Kommunikationsproblem», sagt Ruedi Rüegsegger. Vielleicht reagiere der Chef gar nicht so unvernünftig, wenn man ihn auf ein Problem anspreche. Allerdings, warnt der Arbeitspsychologe, komme es sehr darauf an, wie man sein Anliegen formuliere. «Wenn sich der Gesprächspartner angegriffen fühlt, wird das Problem nicht gelöst, sondern eher noch zementiert.»
- Ich-Botschaften statt Du-Botschaften: «Ich kann mich einfach nicht konzentrieren, wenn ich die Texte alle fünf Minuten ändern muss.» Und nicht: «Sie stressen mich mit Ihren ständigen Änderungswünschen!»
- Konflikte ansprechen: Bevor Sie verurteilen, fragen Sie zurück! Zu viel am Verhalten der anderen zu interpretieren, ist gefährlich. Suva-Vertreter Rüegsegger rät: Statt die Faust im Sack zu machen, Konflikte anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Wichtiger Ausgleich zum Arbeitsalltag
Und wenn jemand Mühe hat, die Arbeit richtig zu planen? Ein Kurs über Arbeitstechnik kann hier helfen. Lösungen ergeben sich aber nicht per Knopfdruck - man muss sie zuerst erarbeiten.
Wichtig ist auch ein Ausgleich zum Beruf. «Viele Leute nehmen sich neben der Arbeit keine Zeit mehr für anderes», weiss Hanspeter Gubelmann, Psychologe FSP und Sportlehrer. «Grüne Inseln pflegen», nennt er diese Auszeit. Bewegung an frischer Luft gehört unbedingt dazu, ins Kino gehen, aber auch Freundschaften pflegen - einfach Dinge, die Freude machen und Abstand schaffen zum Büroalltag.
Nur: Gute Vorsätze allein genügen nicht. «Nehmen Sie sich wenige Massnahmen vor, versehen Sie diese aber mit einem verbindlichen Termin und überprüfen Sie, ob Sie ihn einhalten», rät Ruedi Rüegsegger. Und wenn das Anti-Stress-Programm nicht sofort läuft wie gewünscht: Geduld haben und die Widerstände analysieren. Auch wenn nur eine von drei Massnahmen erfolgreich umgesetzt werde, sei das schon ermutigend. Schliesslich ist die Stress-situation auch nicht von heute auf morgen entstanden.
Paula Lanfranconi
Das hilft Ihnen, Arbeits-Stress zu bewältigen
Erste Hilfe bei Stress-Zuständen
Stellen Sie beide Füsse fest auf den Boden und atmen Sie tief durch. Überlegen Sie, ob Sie jemand entlasten könnte. Und: Was passiert eigentlich, wenn Sie die Arbeit nicht schaffen? Wäre das wirklich so schlimm? Überlegen Sie, ob Sie - sachlich begründet - «nein» sagen können.
Hanspeter Gubelmann, Psychologe FSP und Sportlehrer, empfiehlt eine einfache Entspannungsübung nach Jacobson:
Setzen oder legen Sie sich bequem hin. Schliessen Sie die Augen. Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem. Lassen Sie ihn einfach aus- und einströmen. Lenken Sie dann Ihre Aufmerksamkeit auf den rechten Arm; spannen Sie ihn leicht an, dann etwas mehr und noch mehr (total etwa 7 Sekunden) und entspannen Sie ihn dann. Geniessen Sie dieses Gefühl 10, 20 Sekunden lang. Spannen Sie dann nacheinander den linken Arm, Schultern, Nacken und Hals, Gesicht, Brust und oberen Rücken, Bauch, rechtes und linkes Bein an.
Arbeitstechnik und Zeitmanagement
Oberstes Gebot ist: Gehen Sie die Stressursachen gezielt an. Oft bringt eine bessere Arbeitstechnik schon viel. Kurse in Arbeitstechnik gibt es vielerorts - ein paar Angebote:
- Stressbewältigung durch gute Arbeitstechnik.
Unterlagen und Daten für Kurse in der ganzen Deutschschweiz erhalten Sie bei: Bildungsinstitut des Christlichnationalen Gewerkschaftsbundes CNG, Hopfenweg 21, 3007 Bern, Telefon: 031 370 21 11 Internet: www.cng-csc.ch E-Mail: info@cng-csc.ch
- Time Management: Für besseren Umgang mit der Zeit. Unterlagen und Daten: ETH tools, ETHZentrum, Sonneggstrasse 28, 8092 Zürich, Telefon: 01 632 39 46 Internet:www.ethtools.ethz.ch E-Mail: tools@rektorat.ethz.ch
- Erfolgreiches Zeitmanagement. Unterlagen und Daten: Volkshochschule Bern, Kornhausplatz 7,3000 Bern 7, Telefon: 031 320 30 30 Internet: www.vhsbe.ch E-Mail: info@vhsbe.ch
Mit mentalem Training vorbeugen
Das Kursangebot für Entspannungstechniken ist riesig. Neben viel körperlicher Bewegung haben sich auch mentale Methoden bewährt - vorausgesetzt, sie werden seriös vermittelt und ständig geübt.
Autogenes Training: Durch Selbstsuggestion lernt man stufenweise auch normalerweise nicht beeinflussbare Körperfunktionen wie die Herzschlagfolge zu verändern und sich so von Spannungszuständen zu befreien.
Helfen kann auch ein Mix aus Körper- und Atemübungen sowie Meditation, wie sie zum Beispiel die Migros-Klubschulen unter dem Titel «Abschalten, Ruhe finden, meditieren» und «Entspannung, Meditation und Mentaltraining» anbieten.
Vorsicht vor Abzockern!
Damit Sie unter den vielen Anbietern von Mentaltrainings nicht an Unseriöse und Abzocker geraten, prüfen Sie die Angebote genau.
- Hören Sie sich zuerst unter Freunden nach bewährten Kursen um.
- Vergleichen Sie die verschiedenen Anbieter. Gehen Sie «schnuppern».
- Erkundigen Sie sich bei den andern Teilnehmern.
Suchen Sie das Gespräch mit dem Veranstalter:
- Fragt er nach Ihrem Ziel?
- Macht er unrealistische Versprechen?
- Geht er auf Ihre Wünsche ein oder müssen alle das Gleiche machen?
- Wie viele Teilnehmende hat es in einem Kurs?
- Wie lang dauert er?
- Was kostet er?
- Ist der Kursleiter auch psychologisch ausgebildet?
01. Januar 2001
