|
(0) |
Rindfleisch-Aktionen überall. Doch hinter den Kulissen gehen zwei Drittel jedes Tieres in den Sondermüllofen, auf Kosten der Steuerzahler.
Das Entrecote auf dem Teller ist nur die Spitze des Schweizer Rindfleischberges. Von den 500 Kilo Lebendgewicht eines Masttieres landen nur 175 Kilo in der Küche. Weitere 70 Kilo finden als Nebenprodukte wie Haustierfutter und Häute noch eine Verwendung. Der grosse Rest von 250 Kilo ist Sondermüll. «Das ist eigentlich pervers», sagt Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS).
Der Hintergrund: Angesichts der BSE-Gefahr erliess der Bundesrat im Dezember 2000 eine Verordnung über die Entsorgung tierischer Abfälle. Danach müssen ab 2001 Fleischabfälle verbrannt werden. Deshalb werden dieses Jahr 200 000 Tonnen Fett und Tiermehl in den Öfen der Zementindustrie verfeuert. Das kostet dieses Jahr 40 Millionen Franken.
Diese Entsorgungskosten tragen nicht etwa die Fleischproduzenten. Zwar stützt sich die Verordnung auf das Umweltschutzgesetz. Und dort gilt für die Entsorgungskosten in der Regel das Verursacherprinzip. Weshalb hier diese Ausnahme? «Das ist Landwirtschaftspolitik», wehrt Hanspeter Fahrni vom Umwelt-Bundesamt ab.
Die Verbrennungskosten berappen grösstenteils die Steuerzahler. Denn der Bund übernimmt davon bis zu 75 Prozent. Bis ins Jahr 2006, wenn BSE ausgerottet sein soll, wird mit insgesamt 112 Millionen Franken für die Verfeuerung gerechnet.
Forschern gelang es, aus Tiermehl Rohöl zu gewinnen
Dem Metzgermeisterverband (VSM) und den Bauern ist das zu wenig. VSM-Direktor Balz Horber fordert: «Die Kosten der Verbrennung soll der Bund unbefristet übernehmen.»
«Auf immer und ewig kann man nicht Millionen verfeuern», kritisiert die Kleinbauernvereinigung (VKMB) die Position der Metzgermeister. Und Hans-Georg Kessler von der Konsumenten-Arbeitsgruppe Kag doppelt nach: «Es ist eine Verschwendung. Wenn man nach Tiergattungen trennen würde, wäre eine Verwendung als Hühner- oder Schweinefutter langfristig möglich.»
Die Auseinandersetzung über die Verbrennungskosten wird nicht so schnell zu Ende sein. Jürg Schletti, Direktor der Proviande, der Dachorganisation der Fleischwirtschaft, ist skeptisch: «In den nächsten 10 bis 20 Jahren wird kaum Tiermehl verfüttert. Der BSE-Schock sitzt tief.»
Vielleicht entdeckt die Schweiz dank BSE einen neuen Rohstoff? An der deutschen Fachhochschule Giessen-Friedberg gelang es kürzlich, aus Tiermehl Aktivkohle und Rohöl zu gewinnen. Beim Bundesamt für Veterinärwesen wusste man nichts davon. «Wir schliessen das nicht aus», meint Sprecher Hans Wyss.
Mike Weibel
Fleischverbrauch: 1 Kilogramm pro Kopf und Woche
Rund 52 Kilo Fleisch verzehrt jeder Schweizer durchschnittlich im Jahr, Säuglinge und Vegetarier mitgerechnet. Macht ein Kilo pro Woche pro Kopf. Die Hälfte des Fleischabsatzes geht in den Detailhandel, die andere in die Gastronomie.
Gemäss Angaben der Fleischorganisation Proviande blieb der Konsum dieses Jahr im Vergleich zu 2000 konstant. Der Rindfleischabsatz sank zwar um 5 Prozent, stattdessen wurde mehr Schweine- und Geflügelfleisch verkauft. Doch längerfristig nimmt der Fleischkonsum ab. Vor zehn Jahren hat noch jeder 13,7 Kilo Rindfleisch und fast 30 Kilo Schweinefleisch gegessen. Heute sind es nur noch knapp 10 Kilo Rind und 26 Kilo Schwein.
Bis zum Oktober 2000 erzielten die Viehmäster gute Preise. Im November 2000 brach als Folge neuer BSE-Fälle die Rindfleischnachfrage ein. «Die Tiere blieben im Stall und setzten Gewicht an, pro Tag ein Kilo», sagt Heiri Bucher vom Bauernverband.
Zur Entlastung des Marktes liess der Bund bereits Ende 2000 1061 Tonnen Rindfleisch einlagern. Im laufenden Jahr kaufte er für insgesamt 23,5 Millionen Steuerfranken einen Rindfleischberg von 1800 Tonnen zusammen, den er als Nahrungsmittelhilfe nach Südostasien verschiffte. Mit weiteren 1,5 Millionen Franken füllte er die Kühlhäuser mit 328 Tonnen Kalbfleisch.
Wegen der schwierigen Situation der Viehbauern beschlossen die Bauern und Fleischvermarkter eine Reihe von Aktionen: Mit Tiefpreisaktionen soll die Nachfrage angekurbelt werden, die Wirte werden ermuntert, Rindfleisch «wieder auf die Karte zu nehmen». Die Bauern schliesslich wollen den Markt mit «Wurstkalbschlachtungen» entlasten und lassen die Kälber schon mit 80 Kilo verwursten.
05. Dezember 2001
