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Artikel | Gesundheits-Tipp 9/2001

«David sollte seine Kindheit jetzt nachholen können»

Iris (39) und Bruno (41) Bellorti über David (16), der eine Geschwulst im Ohr hatte

David Bellorti rammt seinen Kopf gegen die Wand, um die Schmerzen abzuschütteln. Doch die Schmerzen gehen nicht weg. Sie bestimmen das Leben der Familie Bellorti seit 13 Jahren.

Ursula Angst-Vonwiller redaktion@pulstipp.ch

Iris: Es macht mich heute noch stinkwütend, wenn ich daran denke, was David als Kind alles verpasst hat.

Bruno: Bereits als Kleinkind fiel er auf, weil er merkwürdig redete, lispelte, Wörter falsch betonte, oft nicht schlucken konnte und deshalb sein Essen wieder ausspuckte.

Iris: Im Kindergarten ging es mit dem Kopfweh los. David sonderte sich oft von den anderen Kindern ab, weil sie ihm zu laut waren.

Bruno: Er kam jeweils todmüde nach Hause. Im Kindergarten hatte David auch richtige Aussetzer.

Iris: Der Arzt glaubte uns nicht, dass ein so kleines Kind solches Kopfweh haben soll.

Bruno: Dabei war es einfach grauenhaft. Der Kopf tat David so weh, dass er ihn in die Wand rammte, um die Schmerzen zu lindern.

Iris: Wegen seiner Probleme mit dem Sprechen kam David in die Einschulungsklasse. Keiner vermutete, dass diese Schwierigkeiten mit dem Kopfweh zusammenhängen könnten.

Bruno: Bereits in der ersten Klasse litt David einmal pro Woche an einem Kopfwehanfall.

Iris: Er fehlte viel im Unterricht und konnte nie an einem Schulausflug teilnehmen.

Bruno: Einmal kam ich von der Arbeit nach Hause, als David wie am Spiess schrie. Die ganze Nachbarschaft lief zusammen, um zu sehen, ob Hilfe nötig wäre.

Iris: Unsere älteste Tochter war völlig ausser sich. Sogar dir gelang es kaum mehr, David zu beruhigen.

Bruno: Ich verlangte ein sofortiges Gespräch mit unserem Arzt. Seine Diagnose lautete: «David ist ein Kinds-Migräniker, mit den Jahren wächst sich das aus.»

Iris: Der Arzt schlug eine medikamentöse Therapie vor. Von Montag bis Freitag sollte David Tabletten schlucken, um das Kopfweh zu unterdrücken. Am schulfreien Wochenende sollte er es dann ausbrechen lassen.

Bruno: Ich wehrte mich vehement gegen diese Lösung, die lediglich zum Ziel hatte, dass David in der Schule funktionieren und seine Leistungen erbringen konnte. Doch meinen Vorschlag, ihn in den Computer-Tomographen zu schicken, akzeptierte der Arzt wiederum nicht. Das bringe gar nichts.

Iris: Die Tabletten-Therapie haben wir dann doch ausprobiert. Später stellte eine Spezialistin für Akupunktur seine Störung am Ohr fest. Doch niemand nahm sie ernst.

Bruno: Der nächste Anfall brachte einen dreitägigen Zusammenbruch.

Iris: David konnte weder essen noch trinken oder sich orientieren. Beim Arzt bist du schliesslich so ausgerastet, dass du ihn gegen das Schienbein tratest und schriest, er solle endlich etwas unternehmen.

Bruno: Ich war total am Ende meiner Kräfte und hatte riesige Angst. Eine Hirnstrommessung brachte nichts und die Diagnose lautete wieder: «Kinds-Migräne.» Da war David etwa zwölf Jahre alt. Er litt weiterhin ein- bis zweimal wöchentlich unter Kopfwehanfällen, die manchmal zwei bis drei Tage dauerten. Oft musstest du ihn suchen gehen, weil er auf dem Schulweg die Orientierung verloren hatte. Unser Familienleben drehte sich nur noch darum, ob unser Sohn gerade Kopfweh hatte oder nicht.

Iris: Und dann beobachteten wir David zufällig einmal am Telefon. Das war kurz nach Weihnachten 1997. Er wechselte den Hörer ganz deutlich vom linken ans rechte Ohr, um etwas zu hören.

Bruno: Das war neu für uns. Wir fuhren mit ihm zum Notfallarzt.

Iris: Der Arzt schaute ins Ohr hinein und erschrak. Er stellte fest, dass die Flüssigkeit hinter dem Trommelfell trüb war, und tippte auf einen Tumor.

Bruno: Sofort meldete er uns im Spital zu einer Computer-Tomographie an. Die Ärzte fanden einen Tumor, ein so genanntes Cholesteatom in der Eustachischen Röhre. Dann ging alles sehr schnell. Wir bekamen einen baldigen Operationstermin.

Iris: Die erste Operation hatte der Arzt abbrechen müssen, weil das Ohr zu stark vereitert war. Kurze Zeit später erfolgte eine zweite achtstündige Operation. Mittlerweile war es Juni 1998 und David war 14 Jahre alt. Diesmal entfernte der Chirurg das Cholesteatom, einen in der Regel gutartigen Tumor. Das Kopfweh ging sofort stark zurück.

Bruno: Doch das Geschwür wuchs nach und die Kopfschmerzen kehrten zurück. Diesmal überwies man uns an die Ohrenklinik des Universitätsspitals in Zürich.

Iris: Letzes Jahr erfolgte die nächste grosse Operation. Vom Innenohr war nur noch der Steigbügel zu retten, alles andere war zerstört. David hörte nichts mehr auf dem linken Ohr und hatte ein gestörtes Gleichgewicht.

Bruno: Danach begannen die Ärzte mit dem Aufbau eines neuen Ohres. Ausser dem Steigbügel sind heute alle Teile des Innenohrs künstlich: Sie bestehen aus Metall, Knochen oder Porzellan. Und das Trommelfell ist aus einem Stück des Muskels hinter dem Ohr.

Iris: Natürlich hatte David Angst vor diesem grossen Eingriff, denn die Gesichts- und Geschmacksnerven liegen in unmittelbarer Nähe des Operationsfeldes.

Bruno: Als die Operation schliesslich gut verlaufen war, heulten wir vor lauter Erleichterung.

Iris: Wenn nur jemand das Geschwür schon viel früher entdeckt hätte. David erlebte in seiner Kindheit so viele Einschränkungen. Nie konnten wir mit ihm auf den Spielplatz oder ins Schwimmbad gehen, nie in die Ferien fahren.

Bruno: Niemand hatte uns geglaubt, dass David wirklich so stark litt.

Iris: Wir lassen David jetzt bewusst grossen Freiraum. Er hat so viel Versäumtes nachzuholen. Auch in der Schule hat er Schwierigkeiten, vor allem im sprachlichen Unterricht. Bruno:Deshalb mischen sich die Lehrer immer wieder ein und finden, wir liessen ihm zu viel Freiheit. Dabei geht David sehr vernünftig mit seiner Zeit um.

Iris:Er geniesst es einfach, dass er sich jetzt wohl fühlt. Unterdessen hat David sein Hörvermögen zu rund 90 Prozent zurückgewonnen.

Bruno: Zur Zeit klagt David über ein dumpfes Gefühl im Ohr. Das kommt wahrscheinlich daher, dass sich der Schmutz nicht selber hinausarbeiten kann, weil das Ohr künstlich ist. Das Reinigen gehört dann zum «grossen Service» beim nächsten Untersuch.

Iris: Die schlimmen Jahre werden wir nicht so schnell vergessen können. Ich kann nur hoffen, dass andere Familien früher auf die richtige Fährte kommen als wir!



Gutartige Tumore im Mittelohr - Möglichst schnell operieren

Die Eustachische Röhre verbindet das Mittelohr mit dem Nasenrachenraum. Sie dient dazu, das Mittelohr zu belüften.

- Cholesteatome sind chronische Entzündungen, bei denen Hautgewebe ins Mittelohr wächst. Typische Symptome des Cholesteatoms sind übelriechender Ohrfluss und zunehmende Schwerhörigkeit. Als Spätfolgen sind neben zunehmend schlechterem Hören auch Schwindel, Lähmungen im Gesicht und Abszesse im Hirn möglich. Cholesteatome müssen operativ entfernt werden, damit sie sich nicht Richtung Innenohr und Gehirn ausbreiten.


Kontaktstellen für Information und Beratung:

- Schwerhörigenverein der Schweiz BSSV Schaffhauserstrasse 7, 8006 Zürich, Tel. 01 363 12 00 Fax 01 363 13 03, E-Mail: bssv@bluewin.ch, Homepage: www.bssv.ch

- Ombudsstelle für Hörprobleme Postfach, Weiherstrasse 8, 5035 Unterentfelden Tel. 062 723 61 87, jeweils mittwochs, von 8 bis18 Uhr E-Mail: ombudsstelle.hoerprobleme@bluewin.ch



Kindermenü aus dem Plastiknapf

Piep piep, dank Mikrowelle ist das Gericht schnell fertig. Die 4-jährige Anna ist allerdings auch schnell fertig. «Ich mag nicht mehr.» Sie hat immerhin einen halben Löffel von der hellen Substanz versucht und dann noch einen halben von der rötlichen. - «Soo gross!» heisst das Fertiggericht. Es ist neu erhältlich bei der Migros und laut Aufschrift «Bunter Gemüsereis & Bio-Hähnchen-Nuggets» von Hipp, für Kinder ab 15 Monaten. Mit diesem so genannten Zwei-Kammer-Schalenmenü will der deutsche Babykost-Hersteller jetzt den Schweizer Markt erobern. Das Ziel: «die Mütter möglichst lange in den entsprechenden Abteilungen des Handels zu halten», wie eine deutsche Fachzeitung schrieb.

Selbst Kindergartenkinder sollen die Spezialmenüs aus dem Plastiknapf noch essen. Dafür tritt Firmenchef Claus Hipp in Anzeigen und Broschüren ein. Dort warnt er vor unkontrolliertem Selbermachen: Bei selbst zubereiteter Nahrung gibt es seiner Ansicht nach «keinerlei Garantie», dass die Zutaten unbelastet seien. Eine Begründung dazu bleibt er schuldig - und warum das bei seinen Produkten nicht der Fall sein soll.

Essen soll jedoch nicht nur unbelastet sein, sondern auch gut. Viele Erzeugnisse für Kinder enthalten Zusatzstoffe, Geschmacksverstärker oder industriell hergestellte Aromen, wie auch jene von Hipp. Fachleute raten generell von Spezialmenüs für Kleinkinder ab. Die Bestandteile seien häufig weder fürs Auge noch geschmacklich zu unterscheiden, moniert das Dortmunder Institut für Kinderernährung. Dabei müssen Kinder schmecken lernen, damit der kleine Körper die Nährstoffe, die er braucht, anfordern kann. Über den Appetit signalisiert der Körper dem Gehirn, welche Stoffe ihm gerade fehlen. Wenn alles eine einzige Pampe ist, wird es schwierig, die Bestandteile herauszuschmecken. Und der Körper gewöhnt sich an den Geschmack der Konserven. Das hat Anna, die kleine Feinschmeckerin, längst gemerkt. Ihr sind währschafte Kartoffeln viel lieber als Bio-Nuggets aus dem Plastiknapf.

01. September 2001


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