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Artikel | Gesundheits-Tipp 9/2001

Mit Hormonen sollen Pfunde schmelzen

Umstrittene Fett-weg-Kur: Ärzte setzen auf Hormone von Schwangeren

HCG soll Fettpolster wegschmelzen. Ärzte spritzen das Schwangerschafts-Hormon gegen Übergewicht. Die Methode ist im Trend - bei Fachleuten aber umstritten.

Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch

Xenical und andere Fett-weg-Methoden bringen nicht den gewünschen Erfolg. Das Übergewicht bleibt. Aufwind haben deshalb exotische Methoden, überschüssige Pfunde abzuspecken - besonders die HCG-Hormonkur. Ärzte verabreichen dabei Spritzen mit dem Hormon HCG, das in der Plazenta von Schwangeren entsteht. Doch das Hormon allein genügt nicht, um abzunehmen. «Ich hielt mich zusätzlich an einen genauen Diätplan», sagt Chris Hadden, 45, aus Zürich. «Kein Fett, kein Zucker, 500 Kilokalorien am Tag - mehr durfte ich nicht essen», sagt Hadden.

Das habe gewirkt. Der ehemalige Squash-Trainer verlor «in kurzer Zeit 10 Kilo». Heute wiegt er noch 87 Kilo. «Die meisten Patienten sind mit der Kur und dem Resultat sehr zufrieden», sagt Roland Schaffer, leitender Arzt des Zentrums für Moderne Medizin in Zürich.


Nicht alle Fettpolster verschwinden mit HCG

Neben Schaffers Zentrum bietet auch Trudy Vogt, ehemalige Leiterin der Bellevue Klinik in Zürich, die Methode an. Die heute 80-jährige Vogt behandelte damit in 30 Jahren gegen 18000 Übergewichtige. HCG soll genau das auflösen, was viele ärgert: Fettpolster an Hüften, Bauch und Beinen. Laut Vogt schmelzen selbst Fettpolster, die gegen herkömmliche Diäten resistent sind. Die entscheidende Weichenstellung erfolge im Gehirn: HCG sorge dort dafür, «dass sich der Stoffwechsel einschaltet und der Körper dieses Fett konsumiert».

Schaffer relativiert dies: Man nehme zwar ab, diätresistente Polster jedoch würden auch mit HCG nicht verschwinden. Dies sei nur möglich, wenn man zusätzlich Fett absauge. HCG unterstütze die Hautrückbildung und minimiere das Risiko überschüssiger und schlaffer Haut. Überdies bekämpfe das Schwangerschafts- Hormon depressive Stimmungen, die Diät-Patienten gewöhnlich heimsuchen. Schaffer: «Die Diät ist hart. Trotzdem zittern und frieren die Patienten nicht, wie das sonst üblich ist.» Er habe sich «wohl und kräftig» gefühlt, bestätigt Chris Hadden.


Studie sagt: «HCG ist zum Abnehmen ungeeignet»

Dies tönt so, als seien Schönheits-Chirurgen im Kampf gegen Übergewicht in neue Dimensionen vorgestossen. Weit gefehlt. Die HCG-Kur ist alt. Entdeckt hat sie vor 50 Jahren der englische Physiker und Arzt A. Simeons. Als er 1954 die Kur in der Fachzeitschrift «Lancet» positiv beschrieb, brach weltweit eine Kontroverse über die Wirksamkeit aus. Resultat der meisten Studien: HCG wirkt beim Abnehmen nicht.

Zu diesem Schluss kommt auch die vorläufig letzte Untersuchung der holländischen Gesundheitsbehörden aus dem Jahr 1995. Die Holländer kommen zum Schluss, dass die Kur «unsauber» ist und «eine ungeeignete Therapie zur Gewichtsreduktion». Auch Stoffwechsel-Spezialist Fritz Horber von der Zürcher Hirslanden-Klinik bemängelt, dass «wissenschaftliche Beweise fehlen». Als «höchst fragwürdig» bezeichnet die Methode Schönheits-Chirurg Cedric George von der Zürcher Klinik Pyramide.

«Diese Ärzte verfügen über keine Erfahrung mit HCG. Sie verlassen sich auf Computerstudien ohne Praxisbezug», entgegnet die Ärztin Trudy Vogt. Die HCG-Kur sei zu Unrecht in Verruf geraten, «wegen eines Fehl-Entscheids der US-Gesundheitsbehörde FDA, deren Gutachter die Kur nicht kannten». Diese zwang 1974 HCG-Hersteller, im Beipackzettel ihrer Medikamente den Vermerk anzubringen: HCG hilft nicht beim Abnehmen. Laut Vogt hat sich die Behörde damals auf Studien verlassen, die wissenschaftlich «völlig unhaltbar» seien. So seien die Einhaltung der Diät und das Gewicht «nur ungenügend» kontrolliert worden. Die FDA jedoch hält bis heute an ihrem Entscheid fest.

Ärztin Vogt macht auch gewinnträchtige Medikamente dafür verantwortlich, dass sich HCG nicht durchgesetzt hat. «Pillen, die das Gewicht kontrollieren sollen, versprechen grössere Gewinne, weil man sie lebenslänglich schlucken muss», ärgert sich Vogt. Die 12-wöchige HCG-Kur sei arbeitsaufwändiger und für Ärzte deshalb unattraktiv.

Eine Kur bei Vogt kostet rund 2600 Franken. Darin enthalten sind vier bis sechs Wochen lang täglich eine Hormonspritze und eine sechswöchige Nachbehandlung, in der die Übergewichtigen den Jo-Jo-Effekt bekämpfen lernen. Zum Vergleich: Xenical kostet jährlich rund 1600 Franken, wobei man die Pille jahrelang schlucken muss.

Laut Fettabsaug-Spezialist Schaffer gibt es eine ganze Anzahl von «Hausärzten und Gynäkologen», die HCG verordnen. «Sie tun dies eher diskret», sagt Schaffer, «weil sie wahrscheinlich fürchten, Probleme wegen der unsicheren Datenlage zu bekommen.»

Trudy Vogt hat selbst eine Untersuchung gemacht. Das 1987 im Branchenblatt «Aesthetic Plastic Surgery» veröffentlichte Resultat: Übergewichtige verlieren unter HCG und normaler Ernährung täglich zwischen 250 und 600 Gramm Körpergewicht. In 40 Tagen nehmen Männer rund 13 und Frauen rund 11 Kilo ab.

Vogt behauptet, dass sich dieses Resultat bei 18000 ihrer Patienten bestätigt habe. Doch was hat vor allem geholfen: HCG oder die Diät? Vogt hat für die Untersuchung keine Übergewichtigen aufgeboten, die kein HCG erhielten. Sie verlässt sich vor allem auf Erfahrungswerte. Arzt Roland Schaffer macht daraus kein Geheimnis: «Wie HCG wirkt, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Aber es funktioniert, und das ist die Hauptsache», sagt er.


Kritiker warnen: Hormone können Tumore fördern

Doch die Kur hat auch Nebenwirkungen: Haare können ausfallen. Und HCG kann den Zyklus der Periode beeinflussen. Kritiker warnen vor dem leichtfertigen Einsatz von Hormonen, die im Körper vielfältig wirken. «HCG kann das Wachstum bestehender Tumore fördern und Thrombosen auslösen», sagt Professor Ulrich Keller vom Kantonsspital Basel.

Sie habe in 30 Jahren kaum von Patienten mit Beschwerden gehört, sagt dagegen Trudy Vogt. Ausserdem würden Ärzte HCG seit Jahrzehnten gegen Unfruchtbarkeit spritzen. «Und das in viel höheren Dosen.» Wenn Ärzte den Eisprung künstlich auslösen, spritzen sie einer Frau aufs Mal 10000 Einheiten des Hormons - das 80fache einer täglichen Dosis, die Vogt bei Übergewicht verabreicht.

Chris Hadden braucht heute keine Hormone mehr. «Ich achte auf meine Ernährung und esse weniger - dafür mit mehr Freude.»

01. September 2001


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