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Ein Bieler Zahnarzt glaubte es lange selber nicht. Skeptisch verfolgte er die Krankheitsgeschichte von 160 seiner Patienten. Doch jetzt ist für ihn klar: Das Amalgam war schuld an vielen hartnäckigen chronischen Krankheiten.
Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch
Schon mit neun Jahren verlor Ursula Müller ihr langes, blondes Haar. Es fiel büschelweise aus. Dann folgten bohrende Kopfschmerzen. Manchmal brach das Kind in der Schule ohnmächtig zusammen. Als sie zwölf war, stellten Ärzte Rheuma und Arthritis fest. Oft war es ihr übel. Sie konnte kaum noch essen. Fast jede Erkältung endete in einer Sinusitis, einer chronischen Entzündung der Nasennebenhöhlen. Auch von psychischen Problemem blieb sie nicht verschont. Bis weit ins Erwachsenenalter hinein plagten Ursula Müller schwere Depressionen. «Kein Arzt konnte mir helfen», erinnert sie sich. «Sie behandelten jede Krankheit für sich. Nie kam jemand auf den Gedanken, all meine Beschwerden könnten eine gemeinsame Ursache haben.»
Ursula Müller wurde Patientin Nummer vier in der Studie des Bieler Zahnarztes Paul Engel. Sie ist eine von mehr als 160 Patienten, denen er in den letzten acht Jahren alle Amalgam-Füllungen entfernt hat. Akribisch verfolgte er über Jahre hinweg den Gesundheitszustand dieser Patienten. Und siehe da: Ein Jahr nach dem Entfernen des Amalgams bezeichneten vier Fünftel ihren Gesundheitszustand als «viel besser» oder «besser». Das Ergebnis zeigt eindeutig: Das Entfernen von Amalgam kann eine ganze Palette körperlicher und psychischer Beschwerden heilen - und zwar dauerhaft.
Konkrete Krankengeschichten zwangen Engel zum Umdenken
Auch Ursula Müller ist heute gesund. Vor acht Jahren stellte ihr Arzt die Diagnose «Amalgam-Vergiftung» und schrieb sie teilweise arbeitsunfähig. Und heute? Ursula Müller arbeitet wieder Vollzeit als Primarlehrerin. «Das Quecksilber aus dem Amalgam bin ich los», sagt sie stolz. Und auch die Beschwerden, die sie mehr als zwanzig Jahre lang plagten, sind fort wie ein böser Traum.
Zahnarzt Engel hat seine detailliert aufgezeichneten Krankengeschichten in der Zeitschrift der Zahnärztegesellschaft SSO veröffentlicht. Jahrzehntelang glaubte er wie die meisten seiner Fachkollegen, die Bedenken gegen Amalgam seien «Hysterie». Doch die konkreten Krankheitsgeschichten, die er in den letzten Jahren verfolgte, änderten seine Meinung radikal. Heute ist er überzeugt: «Quecksilberhaltiges Amalgam gehört nicht in den Mund. Es kann den Körper langsam, aber chronisch vergiften.»
Dieser klinische Befund deckt sich mit Forschungs-Resultaten, welche wissenschaftliche Fachzeitschriften in den letzten Jahren veröffentlicht haben:
- Tierversuche beweisen, dass das Quecksilber sehr schnell in sensible Organe wandern kann. Kanadische Forscher legten bei Schafen und Affen Amalgam-Füllungen. Bereits einen Monat später fanden sie Quecksilber-Depots in Magen, Darm, Nieren und im Zahnfleisch der Tiere. Die Nierenfunktion Amalgambelasteter Schafe reduzierte sich um 50 Prozent.
- Beim Menschen sammelt sich das Quecksilber im Laufe der Zeit in Gehirn, Zentralnervensystem und Nieren an. Dies belegen Untersuchungen an Leichen. Je mehr Amalgam ein Verstorbener im Mund hatte, desto mehr Quecksilber findet sich in diesen Organen.
- Die Gehirne verstorbener Alzheimer-Patienten sind erheblich stärker mit Quecksilber belastet als die Gehirne anderer Menschen. Zwei Basler Wissenschaftler, Hannes Stähelin und Gianfranco Olivieri, haben zudem im Labor nachgewiesen, dass Quecksilber beim Entstehen der Alzheimer-Krankheit eine Rolle spielt. Gleiches wird bei anderen Nervenkrankheiten wie Parkinson und Multipler Sklerose befürchtet.
- Quecksilber schädigt bereits ungeborene Kinder und Babys. Je mehr Amalgam die Mütter im Mund haben, desto stärker sind Plazenta und Brustmilch mit Quecksilber belastet.
Wenn Quecksilber, das aus Amalgam-Füllungen verdampft, tatsächlich so gefährlich ist, weshalb erkranken dann nicht wesentlich mehr Menschen? Dieser Frage ist der deutsche Toxikologe Gustav Drasch nachgegangen - auf den Philippinen. Im Auftrag der Uno untersuchte Drasch Arbeiter im Goldbergbau. Diese Menschen kommen täglich mit Quecksilber in Berührung. «Niemand kann sie als Amalgam-Spinner abtun», erklärt Drasch.
Die Krankheitssymptome bei den Bergarbeitern waren unterschiedlich. Manche der Goldgräber konnten sich kaum auf den Beinen halten, andere gingen normal ihrer Arbeit nach.
«Es gibt bei Quecksilber offensichtlich keine Grenzwerte», folgert Drasch. «Manche Menschen halten sogar hohe Konzentrationen in Blut und Urin spielend aus, während andere schon bei der geringsten Belastung schwer krank werden.»
So erging es dem Schüler Tin Curtins aus Grenchen SO. Eine einzige Amalgam-Füllung warf ihn völlig aus der Bahn. Der vorher kerngesunde Junge bekam schwere Migräne-Anfälle. «Ich musste von der Schule heimgehen und mich hinlegen», erinnert er sich. Das geschah bis zu drei Mal in der Woche. Eine Naturheilärztin behandelte den Jungen. Sie sagte, Tin habe eindeutig Symptome einer Quecksilberunverträglichkeit. Sie empfahl, die Füllung zu entfernen.
Nachdem Zahnarzt Engel die Füllung herausgenommen hatte, verstärkte sich Tins Migräne aber nochmals, anstatt zu verschwinden. Der Zahnarzt tröstete den verzweifelten Jungen: «Das sieht man oft. Das Herausnehmen der Füllung erhöht zunächst die Quecksilber-Belastung, auch wenn der Zahnarzt vorsichtig arbeitet.» Tin solle die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben. Tatsächlich: Heute, ein Jahr nach der Behandlung, ist der Teenager völlig beschwerdefrei.
Schweizer Zahnmediziner melden Zweifel an - trotz dieser Erfolge. So bemängelt Professor Adrian Lussi, Amalgam-Experte an der Universität Bern, die Wissenschaftlichkeit der Studie. Zahnarzt Engel habe keine Kontrollgruppe gebildet. «Als Kontrollgruppe könnten Menschen dienen, die Amalgamfüllungen und Beschwerden haben, aber keine Behandlung wollen», erklärt er. «Ein Vergleich der beiden Gruppen zeigt dann, ob es tatsächlich der Ersatz der Amalgamfüllungen ist, der das Befinden der Patienten bessert.»
Professor Jakob Wirz von der Universität Basel ist überzeugt, dass an den Beschwerden, über die Engels Patienten klagen, die Psyche und die Umwelt schuld seien. «Amalgam dient hier als Sündenbock», kritisiert er. «Dabei ist es der am besten untersuchte Werkstoff der Zahnmedizin.»
Eine Vergleichsstudie wäre längst überfällig
«Ich bin Zahnarzt, kein Wissenschaftler», stellt Engel klar. «Ich veröffentlichte meine Beobachtungen, mehr nicht. Alles Weitere ist Sache der Professoren.» Engel wundert sich allerdings, warum noch nie ein Schweizer Lehrstuhl für Zahnmedizin eine derartige Vergleichsstudie mit Amalgam-Patienten durchgeführt hat. Auch Adrian Lussi weiss nämlich: «Amalgam gibt Quecksilber ab. Das ist zweifelsfrei bewiesen.» Dass das Quecksilber im Körper grösseren Schaden anrichtet, haben Wissenschaftler an zahnärztlichen Universitätsinstituten in der Schweiz stets abgestritten. Und es seien höchstens wenige Leute betroffen.
Auch Patient Georges Krattinger hat nie geglaubt, dass ausgerechnet er zu den Amalgamsensiblen Menschen gehören könnte. «Vor 15 Jahren sah ich eine Fernsehsendung über Amalgam», erinnert er sich. «Ich habe darüber gelacht.» Deshalb kam es ihm auch nie in den Sinn, für seine chronische Migräne seine Amalgam-Füllungen verantwortlich zu machen.
Im Laufe der Zeit tauschte Zahnarzt Engel bei seinem Patienten Krattinger mehrere Amalgam-Füllungen gegen Composites aus, ohne ihm zu sagen, dass Amalgam etwas mit seinen Beschwerden zu tun haben könnte. Krattinger meinte sogar zunächst, der Zahnarzt habe ihm die defekten Amalgam-Füllungen einfach mit neuen Amalgam-Füllungen ersetzt. Später erkundigte sich Engel nach der Gesundheit seines Patienten. Siehe da: Krattinger berichtete, dass seine Migräne-Anfälle stark abgenommen hätten, und stellte verblüfft fest, dass der Zeitraum des Austausches übereinstimmte mit der Zeit, als seine Migräne sich besserte.
Jetzt wollte Krattinger wissen, ob auch seine heute 66-jährige Frau Jeannette an einer chronischen Quecksilber-Vergiftung litt. Seit ihrem 30. Altersjahr hatte sie Herzrhythmus- und Kreislaufstörungen. Später kamen noch Schwindelanfälle hinzu. So liess auch Jeannette Krattinger die Füllungen entfernen. Tatsächlich: Ihr Gesundheitszustand besserte sich ebenfalls, zwar langsam, aber deutlich. Heute sind vor allem ihre Schwindelanfälle und Herzrythmusstörungen «stark zurückgegangen». Jeannette Krattinger: «Eine Amalgam-Füllung kommt mir nicht mehr in den Mund.» Auch ihr Mann entschloss sich zur Radikalkur. Engel entfernte seine restlichen Amalgam-Füllungen. Seither kann sich Georges Krattinger an keinen Migräne-Anfall mehr erinnern.
«Längst nicht immer ist das Amalgam an solchen Beschwerden schuld», meint Zahnarzt Engel, «aber wahrscheinlich häufiger, als man denkt.»
In der Januar-Ausgabe bringt der Puls-Tipp einen ausführlichen Bericht über die besten Methoden, giftiges Quecksilber aus dem Körper auszuleiten.
Kontaktadressen
- Beratung für Amalgam-Opfer: Verein Amalgam-Geschädigter Tel. 052 222 88 80 (Di 13-16 Uhr). www.amalgam-info.ch
Die Beratung kostet für Mitglieder Fr. 20.- pro angefangene Viertelstunde, für Nichtmitglieder Fr. 25.-. Arzt- und Zahnarztadressen kosten Fr. 8.- pro Adresse (Fr. 10.- für drei Adressen).
- Schweizerische Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin Kostenlose Liste der ganzheitlich tätigen Zahnärzte, die meistens auch Amalgam ersetzen und Ausleitungen machen: Postfach 969, 3000 Bern 7 Fax 031 311 59 26 www.sgzm.ch
Quecksilber im Mund? - Testen Sie Ihren Speichel!
Testen Sie, wie viel Quecksilber aus Ihren Amalgam-Füllungen in die Mundhöhle austritt. Unter anderem hängt dies vom Zustand der Füllungen ab.
Beim Kauen zeigt sich, wie stark Amalgam-Füllungen Quecksilber freisetzen. Bei Amalgam-Trägern steigt die Quecksilber-Konzentration von durchschnittlich 11 Mikrogramm pro Liter Speichel auf 29 Mikrogramm. Dies ergab eine deutsche Untersuchung. Zum Vergleich: Die Schweizer Trinkwasser-Verordnung erlaubt nur 1 Mikrogramm Quecksilber pro Liter Trinkwasser.
Verschiedene Krankheitssymptome wie zum Beispiel Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche oder ungewollte Kinderlosigkeit können ihre Ursache in hohen Schwermetall-Belastungen haben. Aufgrund des Test-Ergebnisses sowie eines Fragebogens analysieren Experten der Wema Umweltforschung GmbH, ob sich bei Ihnen Anzeichen einer chronischen Quecksilber-Vergiftung zeigen. Und so gehen Sie vor:
- Nach Einsenden des Coupons erhalten Sie ein Test-Set mit zwei Röhrchen, einem Kaugummi, einem ausführlichen Fragebogen über mögliche Symptome und einen Einzahlungsschein. Diesen Quecksilber-Speicheltest bietet der Puls-Tipp allen Leserinnen und Lesern zum Spezialpreis von 35 Franken an (in der Apotheke kostet ein ähnlicher Test 89 Franken).
- Eine Speichelprobe in ein Röhrchen deponieren. Anschliessend zehn Minuten lang den Kaugummi kauen und während des Kauens den gesamten Speichel in ein zweites Röhrchen deponieren. Den Test einschicken. Die Wema Umweltforschung GmbH in Reutlingen analysiert dann die beiden Speichelproben.
01. November 2001
