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Pro Infirmis verstösst beim Spendensammeln gegen die Richtlinien der Zewo
In Schweizer Städten drängen Studenten Passanten zu Spenden für die Pro Infirmis. Einige gehen dabei aggressiv vor. Kein Wunder: Sie arbeiten auf Erfolgsbasis.
Marco Diener mdiener@ktipp.ch
Helen Müller aus Feldbach ZH schlenderte durch die Luzerner Innenstadt, als sie von einer jungen Frau angesprochen wurde. Die Frau bat Helen Müller um eine Spende für die Behinderten-Organisation Pro Infirmis. Und sie forderte die Passantin auf, zu diesem Zweck ein Formular für ein Lastschriftverfahren (LSV) zu unterschreiben.
Wer das Formular unterschreibt, ermächtigt die Pro Infirmis, vom Bank- oder Postkonto des Spenders periodisch einen bestimmten Betrag abzuheben.
Sammler erhalten Bonus nur für Erstspende per LSV
Helen Müller wollte einen solchen Entscheid nicht auf der Strasse fällen. «Ich bat darum, das Formular mit nach Hause nehmen zu dürfen. Doch die Spendensammlerin sagte, das gehe nicht», berichtet Helen Müller. Nach einigem Hin und Her erhielt sie das Formular trotzdem; die Sammlerin gab ihr ihre Privatadresse an, damit Helen Müller das Formular bei ihr einreiche.
Dass die Spendensammler auf sofortige Unterschrift drängen, hat seinen Grund. Sie sind nicht Angestellte der Pro Infirmis und sie arbeiten auch nicht ehrenamtlich für die Behindertenorganisation. Es sind Maturanden, Studenten und andere junge Leute, die von der Firma Corris aus Zürich angestellt sind, die wiederum von der Pro Infirmis mit der Sammlung betraut ist. Die jungen Leute sind am Erfolg beteiligt.
Im Schnitt verdienen die Spendensammler laut Corris 4500 Franken; 80 Prozent sind Fixum, 20 Prozent Erfolgsbeteiligung. Genauer: Pro Spender, der ein LSV-Formular unterschreibt und die erste Zahlung effektiv überweisen lässt, erhalten die Sammler einen Bonus.
Für die Pro Infirmis ist die Sammelaktion eine teure Angelegenheit. Mark Zumbühl, Spenden-Verantwortlicher bei der Pro Infirmis, ist aber überzeugt, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Sammlung gut ist. Nach vier Jahren werde jeder investierte Franken einen Netto-Ertrag von vier Franken eingebracht haben.
Doch warum lässt die Pro Infirmis die Spender LSV-Formulare ausfüllen? «Jeder Spender will, dass seine Spende gut und verantwortungsbewusst eingesetzt wird. Dies ist nur möglich, wenn das Spendenaufkommen im Voraus abschätzbar und damit auch budgetierbar ist», sagt Zumbühl. Und das sei nur mit dem Lastschriftverfahren der Fall.
Zudem sei das LSV «konsumentenfreundlich, denn innerhalb von 42 Tagen kann man von jeder einzelnen Spende zurücktreten». Auf dem Formular, das dem K-Tipp vorliegt, ist allerdings nur von 30 Tagen die Rede.
Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz SKS, findet das trotzdem alles andere als konsumentenfreundlich. «Das ist eine sehr aggressive Art, an Spender zu kommen», sagt sie, «viele Leute haben Mühe, auf der Strasse ?Nein? zu sagen, und dann zahlen sie jahrelang, falls sie die LSV-Ermächtigung nicht aufkündigen.»
Mark Zumbühl von der Pro Infirmis bestreitet den Vorwurf, die Spendensammler seien aggressiv. Die K-Tipp-Schilderung sei «ein Einzelfall». Klar ist indessen: Von der Erfolgsbeteiligung profitieren die Sammler nur, wenn die Passanten ein LSV unterschreiben. Geben sie nur Einzahlungsscheine ab, erhalten sie keinen Bonus.
Gegen die Richtlinien, aber von der Zewo gebilligt
Mit ihrer Sammlung verstösst die Pro Infirmis gegen die Richtlinien der Zentralstelle für Wohlfahrtsunternehmen (Zewo). Dort steht nämlich, dass bei Spenden mittels LSV «auf öffentlichem Grund kein rechtsverbindlicher Abschluss getätigt werden» dürfe. Und: «Es dürfen lediglich Unterlagen zur späteren Abwicklung eines LSV abgegeben werden.»
Jacqueline Augsburger von der Zewo sieht aber trotzdem keinen Verstoss. Sie ist zwar im Grundsatz der Meinung, es handle sich bei einem LSV um einen rechtsverbindlichen Abschluss. Aber sie sagt auch: «Da die Unterzeichnenden auf dem Formular auf ihr Widerrufsrecht hingewiesen werden, ist der Schutz der Spender gewährleistet.» Pro Infirmis und Corris müssen sich noch in einem anderen Punkt Kritik gefallen lassen. Laut Zewo-Richtlinien sollten sich die Sammler nämlich vorstellen, indem sie sagen, dass sie von einer kommerziellen Firma angestellt sind. «Die Sammlerin, die mich angesprochen hat, hat das nicht getan», erinnert sich Helen Müller.
Pro-Infirmis-Mann Zumbühl dazu: «Auf die entsprechende Frage sagen die Sammler sehr wohl, dass sie, von Corris angestellt, im Auftrag von Pro Infirmis sammeln.»
Übrigens: Die Pro Infirmis ist nicht die einzige Organisation, die auf diese Weise Spenden eintreibt. Greenpeace sammelt seit 1997 so. «Mit Erfolg», wie Mediensprecher Andy Kunz sagt. Von jenen, die 1997 ein LSV unterschrieben hätten, sprängen jedes Jahr nur etwa 16 Prozent ab. Das sei, verglichen mit anderen Sammelmethoden, «ein sehr gutes Resultat».
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05. September 2001
