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Terroranschläge, Tunnelbrand und Swissair-Krise bringen der Bahn neue Kunden. Allerdings: Die SBB sind darauf ziemlich schlecht vorbereitet.
Seit dem letzten Fahrplanwechsel fährt zwischen München und Zürich ein hochmoderner Intercity Express (ICE). Ein Wunderwerk der Technik, angetrieben mit Diesel, denn die Strecke durchs Allgäu ist noch immer nicht durchgehend elektrifiziert. In 4 Stunden 15 Minuten bewältigt der elegante Zug die 320 Kilometer.
Die Bahnverantwortlichen sind stolz und reiben sich die Hände. Die älteren Bahnfahrer hingegen reiben sich die Augen. Wo bleibt der Fahrzeitgewinn? Tatsächlich: 1971 fuhr der Trans Europa Express (TEE) Bavaria die Strecke neun Minuten schneller.
Auch Paris war vor 30 Jahren schneller von Zürich aus zu erreichen als heute mit dem viel gelobten Train Grand Vitesse (TGV). Der TEE hielt damals zwischen den beiden Städten dreimal, der TGV hält heute neunmal - unter anderem in Aarau und Olten, Städten mit nicht einmal 20 000 Einwohnern.
Schweiz zahlt für die Nutzung ausländischer Züge
Die Schweizer Bahn war in den 60er- und 70er-Jahren bestens in das europäische Schienennetz integriert. Doch auf einmal war das vorbei. Die umliegenden Staaten schlugen Sonderwege ein. Frankreich baute Schnell-Trassees, auf denen nur der TGV fahren kann. Ebenso Italien für den Eurostar und Deutschland für den ICE.
Zwar fahren TGV und ICE in die Schweiz, aber dies hat seinen Preis. Beide Züge mussten für viel Geld umgebaut werden. Und die SBB zahlen für die Nutzung des ausländischen Rollmaterials - allein für den ICE rund 40 Franken pro Kilometer. Für die Strecke Basel-Zürich sind das etwa 3000 Franken. Allein um diese Zusatzkosten zu decken, müssen - bei einem Angebot von rund 580 Plätzen - über 180 Passagiere im Zug sitzen.
Das Ausland hat wenig Interesse, seine Züge in die Schweiz fahren zu lassen. Der Grund: Das Rollmaterial ist im umliegenden Europa knapp. Und dieser Mangel wird sich weiter verschärfen. Im Dezember 2002 geht die Neubaustrecke Frankfurt-Köln in Betrieb. Dort können Züge mit 300 Stundenkilometern fahren - allerdings nur ICE der neusten Generation. Schon jetzt sickerte durch, dass die Deutsche Bundesbahn (DB) zu wenig von diesen Zügen bestellt hat. Die Chance, dass Zürich in einem Jahr über die Schnellbahn-Trassees näher an Amsterdam rückt, ist daher gering.
Die holländische Bahn steht vor dem gleichen Dilemma wie die Schweiz, hat jedoch gehandelt. Sie orderte rechtzeitig mehrere Formationen des deutschen ICE 3. So können ihre Passagiere von der neuen Hochgeschwindigkeitslinie Richtung Süden profitieren.
Neue Neigezüge kommen zehn Jahre zu spät
Für die SBB kommt ein solcher Kauf nicht in Frage - zu teuer. Bis in vier Jahren will die Schweizer Bahn zusammen mit den Österreichern und den Holländern 116 Neigezüge bauen, die grenzüberschreitend fahren. «Das ist lobenswert, kommt aber zehn Jahre zu spät», sagt Edwin Dutler, Vizepräsident der Pro Bahn Schweiz, einer Interessenvertretung der Bahnfahrer. «Die SBB hätten rechtzeitig daran denken müssen, die internationalen Hochgeschwindigkeitszüge in der Schweiz miteinander zu verknüpfen.»
Das Verpasste wollen die SBB jetzt nachholen. Der internationale Bahnverkehr, lange Stiefkind bei den Bundesbahnen, soll stärker wachsen als der nationale und regionale Verkehr. Hans-Peter Leu, ab 1. November Leiter für internationalen Verkehr, zum gesteckten Ziel: «Im Rahmen von bis zu drei Stunden Bahnfahrt wollen wir schneller sein als das Flugzeug.»
Grosse Zeitverluste bei der Zollabfertigung
Bei den Paradestrecken wie zum Beispiel Basel-Frankfurt oder Zürich-Stuttgart ist das kein Problem. Die deutschen Zollbeamten kont- rollieren im fahrenden Zug, sodass der Fahrgast an der Grenze keine Zeit verliert.
Anders sieht es bei der Bahnfahrt in Richtung Süden aus. Volle 18 Minuten steht der Eurocity fahrplanmässig in Chiasso. Und in Genf müssen alle Reisenden zu Fuss durch den Zoll. Dann erst geht die Fahrt weiter.
Thomas Vogel
Vergleich - Stuttgart und Mailand - welches Verkehrsmittel lohnt sich?
Kassensturz fuhr in zwei Städte mit der Bahn und wählte für die Rückreise das Flugzeug.
Preise: Eine Bahnfahrt mit dem Cisalpino von Zürich nach Mailand kostet 88 Franken, Crossair verlangt für den einfachen Flug 561 Franken (jeweils billigste Kategorie, voller Preis). Der ICE von Zürich nach Stuttgart: 70 Franken, mit Crossair 328 Franken.
Komfort: Der Cisalpino verfügt über einen Speisewagen. In der ersten Klasse gibt es kostenlos Zeitungen. Dort befinden sich an jedem Platz Steckdosen für Laptop-Anschluss. Der ICE ist ein durchgestylter Zug mit edlem Holz und Halogenleuchten. Leider nur ein Bordbistro mit Stehplätzen. Extraabteile für Geschäftsreisende. TV-Bordprogramm mit Spielfilmen.
Die Crossair-Maschinen sind schlecht ausgelastet und bieten daher viel Platz. Kaltes Getränk und Brötchen für die Passagiere. Wegen reduziertem Flugverkehr sind die Maschinen pünktlich.
Zeitaufwand: Nach Mailand mit dem Zug 3 Stunden 45 Minuten. Crossair startet vom Flughafen Malpensa. Eine Stunde für die Fahrt (im Berufsverkehr eventuell doppelt so lang) von der Mailänder Innenstadt, eine gute Stunde fürs Einchecken (viel Polizei, Kontrollen). Insgesamt knapp vier Stunden von Innenstadt zu Innenstadt.
Nach Stuttgart mit der Bahn 2 Stunden 45 Minuten. Mit dem Flugzeug von City zu City drei Stunden.
Geschäftsreisen - "Unser Personal reist in der Regel mit der Bahn"
Kassensturz fragte fünf grosse Schweizer Unternehmen, mit welchem Verkehrsmittel ihre Manager auf Geschäftsreisen gehen:
- Swisscom: «Ins nahe Ausland wie Paris, Mailand, München oder Stuttgart reist unser Personal in der Regel mit der Bahn.»
- Migros: «Grundsätzlich sollen für Geschäftsreisen ins Ausland öffentliche Verkehrsmittel benutzt werden. Eine Ausnahme gibt es nur, wenn das Reiseziel schlecht erreicht werden kann.»
- UBS: «Es gibt keine Richtlinien, bis zu welcher Distanz das Personal den Zug nehmen muss.»
- ABB: «Bei Destinationen, die innerhalb von fünf Stunden mit dem Zug erreichbar sind, nutzen unsere Mitarbeiter die Bahn.»
- Novartis: «Frankfurt ist eine wichtige Destination, wo die Bahn dank guter Anbindung Basels an den ICE dem Flugzeug zeitmässig und preislich überlegen ist. Bei anderen Zielen ist eine Geschäftsreise mit der Bahn fast nicht möglich.»
12. November 2001
