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Artikel | saldo 17/2001

Blutkrebs - Hoffnung dank neuem Medikament

Ein neues Medikament bekämpft die chronisch myeloische Leukämie. Wie es langfristig wirkt, ist noch offen. Gute Behandlungserfolge zeigt bisher nur die Transplantation von Knochenmarkzellen.

Vor vier Jahren lief bei Marco Nese (38) noch alles gut. Als Marketingleiter einer grösseren Firma war er zwar stark gefordert, doch die Arbeit machte ihm Spass. Dann zeigte bei einem routinemässigen Arztbesuch das Blutbild plötzlich zu viele weisse Blutkörperchen: Marco Nese war an chronisch myeloischer Leukämie (CML) erkrankt. «Zunächst war ich gelassen und glaubte an rasche Hilfe», erinnert sich Marco Nese.

Aber die weltweite Suche nach einem Knochenmarkspender war erfolglos. Ihm blieb nur die damalige Standardbehandlung mit dem Medikament Interferon alpha.


Dank dem neuen Mittel weniger Nebenwirkungen

Nese litt jedoch unter einer Reihe starker Nebenwirkungen wie Dauererschöpfung und nicht zuletzt auch schweren Depressionen. Deshalb schlug ihm der Basler Hämatologe Dr. Alois Gratwohl vor, im Rahmen einer Studie das neue Medikament Glivec zu testen. Seit April dieses Jahres nimmt Marco Nese nun täglich Glivec ein und fühlt sich viel besser. Trotzdem haben ihn Krankheit und Medikamente gezeichnet. Marco Nese: «So viel wie früher werde ich wohl nie mehr leisten können.»

Auch für den 32-jährigen Ingenieur Matthias Burkhardt kam die Diagnose Leukämie CML wie aus heiterem Himmel: «Die Diagnose traf mich unvorbereitet, denn ich fühlte mich gesund.» Doch er hatte Glück: In einer internationalen Suche konnte eine Spenderin gefunden werden, und die folgende Knochenmarktransplantation verlief gut. «Bei jüngeren Patienten mit CML», so Alois Gratwohl, «bevorzuge ich nach wie vor eine Stammzelltransplantation. Die Überlebenschancen nach fünf Jahren betragen rund 60 Prozent.»


Die Symptome sind zu wenig alarmierend

Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund 700 Menschen an Leukämie. Vielen Betroffenen ergeht es wie Marco Nese und Matthias Burkhardt. Sie merken nicht, dass eine lebensbedrohliche Krankheit ausgebrochen ist. «Symptome wie Müdigkeit, Blässe, Nasenbluten und Infektionen», so Hämatologe Gratwohl, «sind entweder zu allgemein oder treten erst auf, wenn die gesamte Blutbildung bereits stark geschädigt ist.»

Die Blutzellen bilden sich aus Knochenmark-Stammzellen. Normalerweise treten sie in ausgereiftem Zustand in die Blutbahn über. Bei Leukämie-Erkrankungen überfluten unreife weisse Blutzellen die Blutbahn. Die Mechanismen der CML sind gut erforscht: Ein schädliches Enzym löst die ungebremste Vermehrung schadhafter weisser Blutkörperchen aus. Die Wirkstoffe von Glivec blockieren gezielt dieses schädliche Enzym und schalten damit die Krebszellen aus, ohne die gesunden Zellen zu schädigen.

Herkömmliche Krebstherapien wie Bestrahlung und Chemotherapie greifen immer auch gesunde Zellen an und haben daher zum Teil massive Nebenwirkungen. In massgeschneiderten Medikamenten wie Glivec, so ist Hämatologe Alois Gratwohl überzeugt, liegt die Krebstherapie der Zukunft. «Im Moment», schränkt er aber ein, «muss man noch klar unterscheiden zwischen Zukunftsperspektiven und konkreten Möglichkeiten.» Die Langzeitwirkung von Glivec muss abgewartet werden. Noch ist offen, ob das neue Medikament langfristig bessere Erfolge erzielt als die bisher beste Therapie gegen CML: die Transplantation von Knochenmark-Stammzellen.


Das Finden von Spendern: Ein grosses Problem

Einen optimalen Spender für die Transplantation zu finden, ist allerdings schwierig. Die besten Chancen für eine Gewebeübereinstimmung bestehen mit 25 Prozent bei Geschwistern. Matthias Burkhardt hat zwei Schwestern und einen Bruder, aber keiner von ihnen kam für eine Spende in Frage.

Vor fünfzehn Monaten konnte er sich dank der Hilfe einer Spenderin einer Knochenmark-Stammzellen-Transplantation unterziehen: Sein gesamtes Knochenmark wurde durch Bestrahlung und Chemotherapie abgetötet und mit gesunden Stammzellen der Spenderin ersetzt. Danach verbrachte Matthias Burkhardt mehrere Monate im Isolationszimmer. Jedes Leben war aus dem Zimmer verbannt: «Besonders hart war der fehlende direkte Kontakt. Personal und Besucher trugen stets Mundschutz und Gummihandschuhe.»

Sein Durchhalten hat sich aber gelohnt. Sein Körper baute neues Knochenmark auf, und die Blutwerte sind inzwischen annähernd normal - der Krebs ist verschwunden.

Martina Lichtsteiner



Information - Adressen und Links

- Schweizerische Vereinigung der Knochenmarktransplantierten, Ruth Schilter, Badstrasse 17, 6045 Meggen LU, Telefon 041 377 47 47, Fax 041377 48 48

- Stiftung Schweizer Register für Knochenmarkspender, Werkstrasse 18, 3084 Wabern BE, Telefon 031 960 76 36, Fax 031 960 76 59, E-Mail: info@ swissregistry.ch, Internet: http://www.knochenmark register. Ch

- www.medicine-worldwide.de/krankheiten/krebs/leukaemie.html

- www.netdoktor.de/krankheiten/fakta/leukae mie_chron_myeloisch.htm

- www.leukaemie-kmt.de/Leukaemie/index.html

- www.dkms.de/asp/home/ho_blood.asp)

- www.krebsinfo.de/ki/empfehlung/leu/homepage.html

- www.documed.ch (Produkteinformationen von Glivec-Hersteller Novartis)



Literatur

- «Leukämie bei Erwachsenen. Wie weiter?», Ratgeber für Betroffene und Angehörige, zu beziehen für ca. 8 Franken bei der Schweizerischen Krebsliga, Effingerstrasse 40, Postfach 8219, 3001 Bern, Tel. 031 389 91 00, Fax 031 389 91 60, E-Mail: info @swisscancer.ch, Internet: www.swisscancer.ch

- «Leben mit Leukämie», Michael Begemann und Monika Begemann-Deppe, Verlag Trias-Thieme 2000, Fr. 40.30

24. Oktober 2001


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