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Die Grippeimpfung Nasalflu steht im Verdacht, Gesichtslähmungen auszulösen - die Patientenorganisationen wollen den Hersteller auf Schadenersatz verklagen.
Hansruedi Germann ist kerngesund. Als sich der Schichtführer einer Kehrichtverbrennungsanlage aber letztes Jahr mit dem neuen Nasenspray Nasalflu gegen Grippe impfen liess, fingen die Probleme an: Lähmung der rechten Gesichtshälfte, Orientierungsschwierigkeiten, Gleichgewichtsstörungen und kurze Blackouts. Der Arzt verordnete mit Verdacht auf Gehirntumor eine Computertomographie. Ohne Ergebnis. Aus den Medien erfuhr Germann dann, dass bei 50 weiteren mit Nasalflu geimpften Personen Gesichtslähmungen aufgetreten waren.
Produktefehler muss nachgewiesen werden
«Das lass ich denen nicht durchgehen», entschied der Ostschweizer. Zusammen mit der Schweizerischen Patientenstelle strebt der 49-Jährige eine Schadenersatzklage gegen die Nasalflu-Herstellerfirma Berna Biotech an. Rund 1000 Franken musste Germann für Arztkosten aus dem eigenen Sack bezahlen. Noch mehr belasteten ihn seine monatelangen Beschwerden.
«Grundsätzlich hat jeder Patient das Recht auf Schadenersatz und Genugtuung», erklärt der Zürcher Rechtsanwalt Robert Geisseler, der zusammen mit der Schweizerischen Patientenorganisation gegen Berna vorgehen will. Allerdings können die Hersteller nach dem Heilmittelgesetz noch immer nicht direkt für die Nebenwirkungen ihrer Medikamente verantwortlich gemacht werden. So kann Geisseler die Berna höchstens über die Produktehaftpflicht, die für alle Konsumgüter gilt, zur Verantwortung ziehen. Dabei muss die Fehlerhaftigkeit des Produktes nachgewiesen werden sowie der Zusammenhang zwischen dem Medikament und den aufgetretenen Beschwerden.
Berna Biotech, die Nasalflu letzten Winter als Neuheit auf den Markt brachte, bestreitet jedoch jeden Zusammenhang zwischen ihrem Impfstoff und den aufgetretenen Lähmungserscheinungen. «Die von uns erstellten Studien haben bei mehr als 2000 Testpersonen nie auf eine Gesichtslähmung hingedeutet», beteuert Berna-Pressesprecher Patrik Richard. Trotzdem hat der Impfstoffhersteller weitere grösser angelegte Studien in Auftrag gegeben. Und Nasalflu für diesen Winter nicht auf den Markt gebracht.
Der Arzt und «Pharma-Kritik»-Herausgeber Etzel Gysling hält einen Zusammenhang zwischen Lähmung und Impfstoff für möglich: «Im Moment sind das noch Vermutungen. Die haben aber meist einen wahren Hintergrund.» Seine Kritik: «2000 Versuchspersonen scheinen mir relativ wenig zu sein, um einen Impfstoff zu testen, mit dem später Hunderttausende geimpft werden.» Denn die publizierten Studien der Berna hätten gezeigt, dass bei der Hälfte der Probanden Nebenwirkungen wie Nasenlaufen, Kopfweh oder Durchfall aufgetreten seien.
Zu teuer und zu früh auf dem Markt eingeführt
Hat Berna ihr Nasalflu, das dreimal teurer als die problemlose Spritze ist, zu früh auf den Markt geworfen? Gysling bejaht diese Frage. In den USA wird derzeit ebenfalls ein Nasenspray zur Grippeimpfung entwickelt. Er ist noch nicht bewilligt. Nasalflu schaffte die Zulassungshürden beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) problemlos. Pikantes Detail: Urs Schaad, Chefarzt am Universitäts-Kinderspital beider Basel, sitzt in der Schweizerischen Kommission für Impffragen, die das BAG berät - und im Verwaltungsrat der Berna.
Berna und BAG sehen darin kein Problem: «Diese Kommission hat keinen Einfluss auf das Bewilligungsverfahren. Sie kann höchstens sagen, welchen Impfstoff sie für eine Impfkampagne verwenden möchte», erklärt Franz Reigel, Leiter der Abteilung Biologika beim BAG. «Bei der Bewilligung hat Nasalflu alle unsere Anforderungen erfüllt.»
Bewilligung trotz gefährlichem Inhaltsstoff
Allerdings hat die Trägersubstanz von Nasalflu das BAG schon bei der Bewilligung hellhörig werden lassen. Diese Substanz transportiert beim Nasenspray den eigentlichen Impfstoff durch die Nasenschleimhäute ins Blut, damit sich dort die Grippe-Antikörper bilden können. Bei Nasalflu ist diese Trägersubstanz ausgerechnet ein gefährliches Toxin (Adjuvans HLT). «Toxine sind sehr giftige Stoffwechselprodukte, die schon in kleinsten Mengen zu Krankheiten führen können», erklärt Valeria Dora, Vizepräsidentin des kantonalen Apothekerverbands Zürich.
Neue Studien werden Klarheit bringen
Gemäss einigen Fachleuten steht das Toxin in Verdacht, die lästigen Nebenwirkungen zu verursachen. Dies würde zumindest erklären, warum bei der Spritze mit dem gleichen Impfstoff keine Lähmungen auftreten. Etzel Gysling: «Ob das Toxin die Gesichtslähmungen verursacht, werden erst die neuen Studien zeigen. Ich halte es jedoch für möglich.»
Melanie Herr
12. Oktober 2001
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