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Schweiz Tourismus zeichnet Ferienorte für Familien aus. Doch längst nicht alle Restaurants mit dem Label «Familien willkommen» sind kinderfreundlich.
Restaurantbesuche mit ihren Kindern sind vielen Eltern ein Gräuel. Trotzdem ist es verlockend, in den Ferien einmal nicht selber kochen zu müssen. Und in den Ferienorten mit dem Qualitätssiegel «Familien willkommen» sollten eigentlich kinderfreundliche Restaurants erwartet werden dürfen. Immerhin verspricht der Schweizer Tourismus-Verband wörtlich: «?Familien willkommen? steht für ausgebaute und besonders familienfreundliche Angebote. Die ausgezeichneten Ferienorte müssen ein Credo unterschreiben, in dem es unter anderem heisst: ?Die Familien müssen spüren, dass sie bei uns willkommen sind. Die Familienfreundlichkeit steht im Zentrum unserer Anstrengungen, und wir sind bestrebt, das Angebot ständig zu verbessern und auszubauen.?»
saldo wollte wissen, wie kinderfreundlich Restaurants in Gütesiegel-Ferienorten tatsächlich sind. Die Probe aufs Exempel machte eine fünfköpfige Testfamilie mit drei Kindern im Alter von 10 Monaten, 4 und 5 Jahren. Sie besuchte diverse Restaurants in den drei mit dem Gütesiegel ausgezeichneten Ferienorten Lenk, Zinal und Hasliberg. Darauf wurde geachtet:
- Begrüsst das Servicepersonal die Familie freundlich? Sind Babys dabei, wird ohne Aufforderung ein sauberer, intakter Kindersitz erwartet.
- Stehen den Kindern Farbstifte, ausmalbare Tischsets oder sonstiges Spielzeug zur Verfügung, um Wartezeiten zu überbrücken?
- Steht den Kindern im Freien ein sicherer, gut unterhaltener Spielplatz zur Verfügung?
- Behandelt das Servicepersonal die Kinder so freundlich wie ihre Eltern?
- Wird auf kindliche Sonderwünsche flexibel eingegangen? Kindersirup sollte gratis sein.
- Eine spezielle Kinderkarte ist nicht unbedingt nötig. Der Hinweis «alle Gerichte auch als halbe Portionen erhältlich» wäre vielen Familien lieber. Bei einer speziellen Kinderkarte sollte mindestens ein gesünderes Gericht als Schnipo oder Chicken Nuggets zur Auswahl stehen.
- Sind die Gerichte sowohl für Erwachsene als auch für Kinder von guter Qualität?
- Wärmt das Servierpersonal das Gläschen des Babys und weist es gerne einen Platz zum Wickeln des Säuglings an - sofern es keinen Wickeltisch auf der Toilette gibt?
Nur drei getestete Restaurants mit tadellosem Service
Tatsächlich finden Familien in allen drei getesteten Ferienorten Restaurants, die fast sämtliche Kriterien erfüllen. Spitzenreiter ist das «Pöstli» in Hasliberg, wo vom tadellosen, zuvorkommenden Service über die ausgezeichnete Küche bis zu den ausmalbaren Tischsets alles vorhanden ist, um Familien zufrieden zu stellen. Das Babyglas wurde ohne Aufforderung erwärmt und angerichtet. Ähnliches gilt für den «Bären» in Hasliberg und das «Résidence» in Lenk. «Le Besso» in Zinal hatte zwar weder Farbstifte noch ein Spielzimmer, aber die äusserst nette, flexible Bedienung und die ausgezeichnete Küche machten das fehlende Inventar bei weitem wett.
Der grössere Teil der Restaurants ist dagegen durchaus verbesserungswürdig. Sowohl im Restaurant «Weber» in Hasliberg als auch im Restaurant «Simmenfälle» musste der Kindersitz selbst geholt werden. Vielerorts hatte man das Gefühl, zwar geduldet, aber nicht wirklich erwünscht zu sein. Eine vorgedruckte Kindermenükarte und ein Babysitz allein machen ein Restaurant nämlich noch nicht kinderfreundlich. Es wäre wünschenswert, wenn die mittelmässigen Restaurants etwas mehr in Inventar (Farbstifte, Papier) und Ausbildung des Personals investieren würden.
Im «Wasserwendi» in Hasliberg findet man immer Familien aus dem nahe gelegenen Reka-Dorf. Trotzdem suchte man dort Kinderspielsachen oder Malzeug vergebens. Der Empfang war eher gelangweilt und kühl. Die Küche - mit sichtbar nicht frischen Pizzazutaten und ungeputzten Champignons für die belegbaren Pizzaböden - sollte besser werden.
Das «Europe» in Lenk schien auf den ersten Blick von der vorhandenen Infrastruktur her sehr kinderfreundlich. Auf dem bereitgestellten Kindersitzchen befanden sich allerdings noch diverse Essensreste früherer kleiner Gäste! Und die Butternudeln erwiesen sich als verkocht und wässrig.
Defekter Kindersitz erst nach Flickaktion brauchbar
Die beiden Kindersitze im «A la Pointe de Zinal» waren dermassen defekt, dass ein Baby hätte herausfallen können. Erst nach zweimaligem Nachfragen brachte die Bedienung endlich ein Stück Küchenschnur, damit der Sitz notdürftig geflickt werden konnte.
Familienorte der Schweiz? Daniela Gren, Pressesprecherin von Schweiz Tourismus, relativiert das Ergebnis der Stichprobe, kennt aber das grundsätzliche Problem: «Möglicherweise hat die Testfamilie im einen oder anderen Restaurant einen schlechten Tag erwischt. Aber wir sind uns bewusst, dass das Angebot verbessert werden muss.» Daran hätten auch die guten Restaurants ein Interesse. Denn: «Sonst leidet der Ruf des gesamten Ferienortes.»
Jolanda Grosser-Gasparoli
Tipps
- Nehmen Sie selber Malsachen oder ein Spielzeug mit. So sind die Kleinen beschäftigt.
- Besuchen Sie die Restaurants nicht zu den Stosszeiten. Sonst ist der Misserfolg programmiert.
- Herumrennen dürfen die Kleinen auf dem Spielplatz. Zwischen den Tischen und Beinen der Kellner ist es nicht angebracht. Es liegt nicht zuletzt an den Familien, ob ein Restaurant auch in Zukunft Kinder gerne bewirtet oder nicht.
- Bringen Sie Wünsche und konstruktive Kritik an (z. B. sauberer Kindersitz, Salat zum Kindermenü). Wenn Sie sich heimlich aufregen, kann sich das Restaurant nicht verbessern.
- Buchtipp: Kunterbunte Familienferien in der Schweiz, Werd-Verlag, Zürich 2001, Fr. 39.90. Internetseiten: www.swiss tourfed.ch und www.My Switzerland.com.
20. Juni 2001
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