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In der Produktion von Fleischwaren nimmt Bell national einen Spitzenplatz ein. Das kann man in Sachen Arbeitsbedingungen nicht behaupten.
Daniel Kuhn (Name geändert) kann ein Lied singen. Sein Arbeitstag bei der Bell AG in Basel beginnt jeweils früh am Morgen, wann er aufhört, weiss er aber nie. Überstunden gehören für ihn zum Alltag, in der Freizeit etwas abzumachen, liegt praktisch nicht mehr drin. Letzten Herbst wollte er wieder einmal Überstunden abbauen, doch das ging nicht, weil zu viel Arbeit und zu wenig Leute vorhanden waren. Deshalb erhielt er die Zeit ausbezahlt - seither haben sich bei ihm bereits wieder 210 Überstunden kumuliert.
Überstunden sind an der Tagesordnung
Daniel Kuhn ist kein Einzelfall. In einigen Abteilungen sind Überstunden an der Tagesordnung - was rechtlich nicht haltbar ist, denn diese dürfen nur ausnahmsweise angeordnet werden. Ein ausländischer Mitarbeiter beispielsweise wollte in seiner Freizeit seine Deutschkenntnisse verbessern, konnte den Kurs aber fast nie besuchen, da der Arbeitstag immer länger dauerte als vorgesehen.
Arthur Rossetti, Geschäftsführer des Metzgereipersonal-Verbandes, weiss um das Problem: «Die Freizeit ist nicht planbar: Die Arbeitspläne werden zwar zwei Wochen im Voraus gemacht, aber daran halten kann man sich nicht.»
Flexibilität nur von Seiten der Arbeitnehmer
Kürzlich war es wieder einmal besonders arg: Weil bei Coop eine Aktion bevorstand und schönes Wetter herrschte, fiel in der Verpackung dreimal mehr Arbeit an als sonst. Da kam es vor, dass Mitarbeiter 15 Stunden am Tag arbeiteten. Zu widersetzen traut sich in solchen Situationen praktisch niemand - aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.
Wenn es dann um die Kompensation der Überstunden geht, sieht die Situation nicht viel besser aus. Eine Absprache mit den Arbeitnehmern fehlt weitgehend: «Manchmal erfahre ich am Abend, dass ich morgen nicht kommen muss», sagt ein Mitarbeiter. Andere erfahren es nicht einmal tags zuvor, sondern werden, wenn weniger Arbeit anfällt, einfach ein paar Stunden früher nach Hause geschickt. Ab und zu kommt es auch vor, dass jemand am Morgen zur Arbeit erscheint und fünf Minuten später wieder heimgeschickt wird. Das ist gesetzlich gar nicht erlaubt. Und erzürnt die Arbeitnehmer: «Flexibilität wird nur immer auf der einen Seite verlangt», bringt es einer auf den Punkt.
Gang auf die Toilette nur in Pausen
Auch in andern Bereichen wird den Arbeitnehmern das Leben nicht leicht gemacht. Arzttermine etwa sind nach der Arbeit wahrzunehmen - was bei der kaum planbaren Freizeit schwierig wird. Auch mit dem Gang aufs WC nimmt es Bell genau: In einigen Abteilungen darf «das Geschäft» nur innerhalb der festgesetzten Pausen erledigt werden. Um dem Nachdruck zu verleihen, wird auch mal damit gedroht, dass im Falle der Zuwiderhandlung 20 Minuten von der Arbeitszeit abgezogen würden. Die Drohung scheint ihr Ziel jedenfalls nicht zu verfehlen: «Die Leute haben Angst - niemand hat probiert, ob tatsächlich Zeit abgezogen wird», sagt ein Betroffener.
«Saisonale Schwankungen ausgleichen»
Die Bell AG in Basel sieht die Dinge anders. Johannes Meister, Leiter der Personalabteilung, hebt die grossen saisonalen Schwankungen des Metzgergewerbes hervor und betont, dass zum Ausgleich der Spitzen rund 100 Aushilfen sowie Mitarbeiter anderer Abteilungen beigezogen würden. Hat Bell also nicht einfach zu wenig Leute angestellt, wenn trotzdem so viele Überstunden nötig sind? Meister: «Einzelne Bereiche sind sicher nicht auf Höchstbelastung ausgelegt.»
Dass die Freizeit unplanbar wird, mag Meister indes «nicht ganz bestätigen». Zur Kompensation hält er fest, dass Mitarbeiter zwar ab und zu früher heimgeschickt würden, aber erst, wenn sie sowieso schon sechs, sieben Stunden gearbeitet hätten. Arzttermine müssten zwar möglichst in die Randzeiten gelegt werden, doch werde die Regelung «nicht konsequent» angewandt. Ähnlich sei es mit dem Gang auf die Toilette: Die Mitarbeiter seien gehalten, dafür möglichst die Pausen zu verwenden, wenn aber zwischendurch jemand dringend müsse, dann dürfe er das. Meister: «In die Hosen machen musste noch niemand.»
Bernadette Scherer
06. Juni 2001
