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Die SBB ziehen ihr Personal von immer mehr Regionalstationen ab. Das hat gravierende Konsequenzen f?r Behinderte im Rollstuhl.
Noch vor einem Jahr hat Paul Wiesmann jeweils Regionalbahnh?fe angerufen, bevor er auf Reisen ging. «Dann hat mich das Stationspersonal hilfsbereit ein- oder ausgeladen. Oft musste improvisiert werden», sagt der zerebral gel?hmte Z?rcher. Heute ist das nicht mehr m?glich – an unz?hligen Bahnh?fen kann er mit seinem motorbetriebenen Rollstuhl weder ein- noch aussteigen: «Niemand ist mehr dort, um Behinderten zu helfen.» Bereits an 307 der total 726 Bahnh?fe haben die SBB ihr Personal abgezogen.
Doch die Behinderten sind auf Hilfe angewiesen: Nur in den wenigsten F?llen gelangen sie ohne Hilfe ebenerdig in die Z?ge. Deshalb m?ssen sie sich seit dem Fahrplanwechsel Ende Mai 2000 im SBB-Callcenter in Brig (Tel. 0800 007 102) voranmelden – eine bis zwei Stunden vor Abfahrt. Dann helfen neu 50 Mobilit?tshelfer den Rollstuhlfahrern. Ein guter, aber stark eingeschr?nkter Service an nur 160 ausgew?hlten Stationen: ?berall dort, wo eine mechanische Hebeb?hne steht. Im Klartext: Hilfsbed?rftige Rollstuhlfahrer k?nnen in der Schweiz nur noch jeden f?nften Bahnhof ben?tzen.
saldo begleitet Paul Wiesmann einen Tag lang in Schnellz?gen und Bummlern durch sechs Kantone. Nebel umh?llt die Perrons, der 57-j?hrige Fr?hrentner ist in eine dicke Daunenjacke geh?llt. Er rollt zum gelben Metallger?st mit Rollstuhlzeichen, dem Mobilit?tslift.
Transport im ungeheizten Gep?ckwagen
In zehn Minuten wird die S-Bahn einfahren; mit ihr ein Mobilit?tshelfer aus Z?rich. Zwischen Perron und Einstieg liegen in Effretikon rund 50 Zentimeter – eine un?berwindbare H?rde. Mit raschen Kurbelbewegungen hebt der SBB-Arbeiter die Plattform einen Meter: Wiesmann kann ins Zugsinnere rollen.
«N?chster Halt: Winterthur.» F?nf Minuten verbleiben, um die enge Bahnhofshalle zu durchqueren und das Elektromobil wieder in den Zug einzuladen. Der Mobilit?tshelfer schiebt sich zwischen Pendlern hindurch, Schweissperlen auf der Stirn. Beim Perron angelangt, st?sst er den Lift herbei und kurbelt Wiesmann beh?nde bis zum Einstieg – geschafft. Die S26 nach Rapperswil kann p?nktlich abfahren.
«Jemand ohne motorbetriebenen Rollstuhl h?tte den Zug verpasst», ist sich Paul Wiesmann sicher. Er sitzt im ungeheizten Gep?ckwagen – die Wagent?ren herk?mmlicher Z?ge sind breit genug f?r Rollst?hle, aber zu schmal f?r sein Elektromobil. Daran hat er sich gew?hnt und schon viele Reisen zwischen Expresspost, Reisekoffern und Minibar verbracht. Wichtig sei, weiterhin mobil zu sein.
Das ist nicht ?berall so: Der Zug f?hrt durchs T?sstal, vorbei an Bahnh?fen ohne Personal, etwa Saland oder Steg. In Wald ?ffnet der Stationsbeamte den Gep?ckwagen. Erstaunt verneint er Wiesmanns Frage: «Nein, hier k?nnen wir Sie nicht ausladen. Das Perron ist zu schmal.» «Fr?her war hier das Stationspersonal noch mit einem Handwagen behilflich», ?rgert sich Wiesmann.
Zu schmale T?ren, kein ebenerdiger Einstieg
Zwischen Winterthur und Rapperswil, an 16 Bahnh?fen und w?hrend 77 Minuten Fahrzeit, kann er weder ein- noch aussteigen. «Ohne Halt an allen Stationen» – jedenfalls f?r hilfsbed?rftige Rollstuhlfahrer. Eine Durchsage, die nicht ert?nt.
In Rapperswil: Im Voralpenexpress der S?dostbahn werden Haltestellen nicht elektronisch angezeigt – eine starke Einschr?nkung f?r H?rbehinderte. «Salut Paul, gosch uf Blueschtfahrt?», gr?sst Mobilit?tshelfer Abraham Fischer. «De Plausch» habe er bei seiner Arbeit. Doch er erw?hnt auch Schwierigkeiten. «Wichtig w?ren mehr Z?ge mit breiteren T?ren und ebenerdigem Einstieg. Besonders bei der Z?rcher S-Bahn m?sste noch viel gemacht werden», sagt der Helfer. Paul Wiesmann windet den Angestellten ein Kr?nzchen: «Das gesamte Bahnpersonal arbeitet sehr gut und tut sein M?glichstes.»
Wir sitzen im Gep?ckwagen der S?dostbahn. Vorbei an gr?nen Wiesen durch Schwyz h?lt der Schnellzug in Wollerau: kein Rollstuhllift weit und breit. Aussteigen unm?glich auch zwei Haltestellen weiter in Rothenturm: Das Perron liegt beinahe einen Meter tiefer.
Vorbildlich f?r Behinderte: Bahnhof Luzern
In Arth-Goldau schliesslich wartet bereits ein SBB-Mobilit?tshelfer aus Luzern. Heribert Halter hilft mit der Hebeb?hne beim Ein- und Aussteigen, eine rollstuhlgerechte Passerelle f?hrt bequem auf die andere Bahnhofseite. Vor der Zentralisierung arbeitete Halter im Gep?cksdienst, heute hilft er Behinderten: «Ich stehe voll hinter unserem Service. Doch wir h?tten viel mehr Auftr?ge von Behinderten, die an kleinen Bahnh?fen halten wollen, aber nicht k?nnen.» Laut SBB-Vorschrift ist es den Angestellten verboten, Rollstuhlfahrer an Bahnh?fen ohne Hilfsvorrichtung von Hand auszuladen – angeblich aus Sicherheitsgr?nden.
Mittagspause im Bahnhof Luzern. Hier sind Behinderte bei der Planung nicht vergessen worden: die Bahnhofshalle ebenerdig, WC und Behindertenlift gen?gend gross f?r Paul Wiesmanns Elektromobil. «Ein Tag ohne L?cheln ist ein verlorener Tag» steht vorne auf seinem Elektromobil neben Charlie Chaplins Konterfei.
Zu viele Eins?tze f?r zu wenig Mobilit?tshelfer
Einstieg in den Regionalzug nach Nottwil LU. Bereits vor Jahren hat dort die Bundesbahn ihr Personal abgezogen, obwohl besonders viele Rollstuhlfahrer direkt in der N?he des Schweizerischen Paraplegikerzentrums (SPZ) aussteigen. So viele, dass nebst SBB-Arbeitern auch Angestellte des SPZ helfen m?ssen. Dank der Eigeninitiative der Gemeinde sind die Schalter noch sechs Stunden pro Tag offen, auch die beiden Stationsangestellten helfen beim Ein- und Aussteigen. Denn die Mobilit?tshelfer m?ssen oft von ihrem St?tzpunkt an weit entfernte Bahnh?fe reisen und fehlen dann anderswo.
Vorbei an zahlreichen Geisterbahnh?fen erreicht der Regionalzug Olten. Paul Wiesmann wird auf Gleis 10 bereits erwartet. Doch am Eisenbahn-Knotenpunkt fehlt ein Behindertenlift, der gen?gend gross f?r das Elektromobil ist. Das Umsteigen endet in einer gef?hrlichen Holperfahrt ?ber die Gleise.
Der Schnellzug nach Z?rich braust durch den Aargau. Wiesmann l?sst den Blick in die Ferne schweifen, schweigt. Nachdem ihn die Z?rcher Mobilit?tshelferin mit einem Gabelstapler ausgeladen hat, geht es mit der S-Bahn zur?ck nach Effretikon. «Trotz aller Sympathie zur Bahn», sagt er, «der Dienstleistungsabbau ist gross. Viele Behinderte sind mittlerweile gezwungen, das Auto zu nehmen.» Die T?re der S-Bahn schliesst, Paul Wiesmann wird in Effretikon empfangen. Noch ist sein «Heimatbahnhof» bedient und f?r Gehbehinderte ausger?stet. Noch.
Marc Meschenmoser
Bahnhof-Ausbau - SBB: Behindertengerecht erst in 20 bis 25 Jahren
Sein gr?sster Wunsch? Bahnliebhaber Paul Wiesmann muss nicht lange ?berlegen: «Die SBB sollen aufh?ren, ihr Personal von kleinen Stationen abzuziehen, die damit f?r uns Behinderte unerreichbar werden.»
Personell bediente Regionalbahnh?fe verbessern die Situation Behinderter. «Das reicht aber noch nicht», sagt Anton Scheidegger, Leiter der Fachstelle Behinderte und ?ffentlicher Verkehr (B?V). Er setzt darauf, dass Behinderte k?nftig gar nicht mehr auf Einstiegshilfen wie Rollstuhllifte oder Mobilit?tshelfer angewiesen sind. «Rollstuhlfahrer sind die Hauptleidtragenden und vielfach komplett vom ?ffentlichen Verkehr ausgeschlossen, Sehbehinderte k?nnen nur ihnen bekannte Bahnh?fe ben?tzen.» Deshalb fordert Scheidegger: «Jedes Verkehrsmittel, egal ob Tram, Bus oder Zug, muss f?r alle Behinderten ?berall und ohne Hilfe ben?tzbar sein.»
Mit diesem Ziel verhandelt der B?V mit den SBB, die ein neues Behindertenkonzept erarbeiten. «Das System mit Mobilit?tshelfern ist langfristig ein Auslaufmodell», sagt Scheidegger. Selbst der Behindertenbeauftragte der SBB, Andreas Maurer, mag dieser Kritik nicht grunds?tzlich widersprechen. Es sei nicht «ganz wegzudiskutieren», dass seit dem Fahrplanwechsel 2000 ein Dienstleistungsabbau f?r Behinderte stattgefunden habe.
Zum Vorwurf, dass Hilfsbed?rftige nur noch jeden f?nften Bahnhof ben?tzen k?nnen, sagt er: «Wir sind bereit, an mehr Bahnh?fen Rollstuhllifts einzusetzen. Unser jetziges System ist aber verglichen mit ausl?ndischen Bahnen sehr gut.» Beispielsweise werde in der Z?rcher S-Bahn bis 24 Uhr geholfen, w?hrend vor einem Jahr ab 19 Uhr Schluss gewesen sei.
Doch auch die SBB sehen Handlungsbedarf und haben unter der Leitung ihres Personenverkehrsleiters, Paul Blumenthal, eine Arbeitsgruppe zu Behindertenfragen eingesetzt. Maurer: «Die SBB haben zum Ziel, den ?ffentlichen Verkehr so zu erschliessen, dass er auch von Personen mit Behinderung autonom ben?tzt werden kann. Dazu geh?ren ebenerdige Einstiege sowie visuelle und akustische Fahrgastinformationen.» Um behindertengerecht zu werden, will die Bahn laut Maurer weit ?ber eine Milliarde Franken investieren. Als erste SBB-Strecke erh?lt die Seetallinie zwischen Luzern und Lenzburg 2002 ebenerdige Einstiege, dank erh?hten Perrons und neuem Rollmaterial. Der SBB-Verantwortliche betont: «Bis unser gesamtes Netz so behindertenfreundlich ist, braucht es allerdings 20 bis 25 Jahre.»
Das geht den Behindertenverb?nden viel zu lang. «Wir fordern, dass innert zehn Jahren technische und bauliche Massnahmen abgeschlossen sind.» Sie haben im Juni 1999 die Volksinitiative «Gleiche Rechte f?r Behinderte» eingereicht. Mark Zumb?hl, Sprecher der Pro Infirmis Schweiz: «Es ist diskriminierend und verst?sst gegen die Bundesverfassung, dass viele Behinderte vom ?ffentlichen Verkehr ausgeschlossen sind.»
25. April 2001
