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Artikel | saldo 1/2001

Werbekritik - Unvergesslich bemühend

Zwanghaft originell ist das Gegenteil von witzig. Das zeigen gegenwärtig zwei Hotels mit ihrem aktuellen Werbeauftritt.

Werbung darf geistreich und unkonventionell sein, um aufzufallen. Sie sollte aber gleichzeitig verständlich sein. Dies lässt sich von einem zurzeit in der Tagespresse geschalteten Inserat allerdings nicht behaupten.

Darauf abgebildet sind 51 Tampons. Fachfraulich erkenne ich die Marke o.b. Hübsch in Reih und Glied liegen sie da, die blauen Schnürchen gefällig drapiert. Doch sind Tampons so interessant, dass man sie zwecks visueller Ergötzung zigfach abbilden muss? Oder wird hier ein neues Modell für die ultimative Monatshygiene der Frau beworben?

Unter jedem der akkurat aufgereihten Tampons sind, einer Agenda gleich, in englischer Sprache die Monate einiger Jahre aufgeführt, ergänzt durch die Ortsbezeichnung Zurich. Nun gut. Dass sich der weibliche Zyklus monatlich wiederholt, ist ein altbekanntes Naturgesetz. Was jedoch Zurich damit zu tun hat, bleibt mir verborgen.

Aber halt! In der kalendarischen Liste sind von Januar bis August keine Tampons abgebildet. Aha - eine Lücke von neun Monaten im Tamponkalender.

Die Geschichte nimmt Form an. Mit detektivischem Gespür erkenne ich: Im Januar muss etwas passiert sein! Denn dieser Monat ist rot hervorgehoben. Zusätzlich scheint das Ereignis nicht in Zurich, sondern in Arosa stattgefunden zu haben.

Das Rätseln geht weiter: In roten Lettern sind die krönenden Schlussworte "Unforgettable Days" zu lesen, darunter werden eine Internetadresse sowie die Telefonnummern der beiden Aroser Hotels Eden und Anita aufgeführt. Punkt. Schluss.

Ich rekapituliere: Es muss etwas Unvergessliches geschehen sein, im Januar, in Arosa, in einem Hotel namens Eden oder Anita. Und reime mir folgende Geschichte zusammen: Frau fristet in Zürich ein langweiliges Dasein, alleinstehend, gebeutelt und gezeichnet durch das ewige monotone Wiederkehren ihrer Periode. Um wenigstens einmal aus diesem erdrückenden Alltag auszubrechen, fährt sie nach Arosa. Dort verwandelt sie sich von der grauen Stadtmaus in eine sportlich-dynamische Single-Powerfrau und angelt sich ein männliches Wesen. Damit das Intermezzo auch Früchte trägt, stellen die beiden Hotels Eden und Anita grosszügigerweise die dazu benötigte Liegefläche zur Verfügung. Danach kann Frau wieder heim nach Zürich und kriegt einen dicken Bauch. Nach neun Monaten ist der Hokuspokus vorbei, der Alltag - das heisst jeden Monat für einen genügenden Tamponvorrat sorgen - gewinnt wieder Oberhand.

Ein Blick ins Internet unter www.unforgettabledays.ch bestätigt: Die gleiche, an den Haaren herbeigezogene Geschichte ist auch auf dem weltweiten Netz abgelegt.

Neben einem Temperaturmesser schwadert ein Sperma auf hellblauem Hintergrund, dann zeigt ein Film moderne junge Frauen mit beträchtlichem Bauchumfang - alle glückliche, hochschwangere Singles.

Man merke sich: Frau, willst du ein Kind, dann fahre nach Arosa. Suche dir auf der Skipiste den geeigneten Samenspender und veranlasse die Befruchtung. Diese Aussage ist weder verblüffend noch unkonventionell, sie hinterlässt höchstens ein Gähnen. Und was sie mit guter Hotelwerbung zu tun haben soll, bleibt mir unverständlich.

17. Januar 2001


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