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Rund 30000 Männer und Frauen haben ein Schicksal. Dieses Schicksal - meist ein mieses - katapultiert sie auf die Mattscheibe; einmal im Jahr, eine knappe Stunde lang, in Millionen deutsche, schweizerische und österreichische Wohnzimmer. Die Tragödien ihres Lebens, durch öffentlichen Talk zum Auftritt veredelt, fördern die Herzensbildung der Zuschauer und ihr Selbstwertgefühl (ihnen geht es nicht ganz so mies).
Über vier Millionen Menschen hängen wochentäglich am Schicksals-Talk-Tropf, 70 Prozent davon - sagt eine Untersuchung des Forums kritische Psychologie in München - sind weiblichen Geschlechts.
Nach der Show notfallmässig in die Psycho-Hilfe
Hans Meiser, Pastor Fliege, Bärbel, Birte und Ilona sorgen in der Nachmittags-Schicksalsarena dafür, dass die Unglücks-Post abgeht. Die übernationalen Therapeuten ruhen nicht, bis das Intimste öffentlich ausgebreitet ist, und sorgen hingebungsvoll dafür, dass am Ende der Show eines der Schicksale platt wie eine Flunder im Studio-Flutlicht liegt. Bis zur Nachtessenszeit stapeln sich quer über die Kanäle die Schicksalsleichen.
Talk-Theologe Fliege pflegt die Shows, vor allem seine eigene natürlich, "als grösste Selbsthilfegruppe der Republik" anzupreisen. Aber die Studie der Münchner Psychologen warnt vor dem öffentlichen Seelenstrip und befürchtet für die Talk-Teilnehmer nach dem kurzen Hoch im Studio einen tiefen - möglicherweise sogar endgültigen - Fall in den Tagen danach. 300 Personen haben sich innerhalb eines Jahres bei der eigens eingerichteten Anlaufstelle des Forums kritische Psychologie an der Edlingerstrasse 21 in München gemeldet. Über 200 davon, so der Leiter des Forums, Colin Goldner, hätten nach ihrem TV-Auftritt notfallmässig betreut werden müssen.
Aber nicht erst nach der öffentlichen Entblössung, auch schon im TV-Studio kann ein Auftritt leicht zum Überlebenstraining geraten:
Anja, unter 30, 170 Kilo schwer und öffentlich bei Bärbel zu einer "kleinen" Diät bereit, wird über längste Zeit im deftigsten Gossenjargon über ihre erotische "Breitenwirkung" und deren Lustkillereffekt aufgeklärt.
Die gierige Ex-Gattin öffentlich guillotiniert
Und die schöne Jeanette, 35jährig, die in Birtes Sendung "Ich bin eine Klassefrau - aber keiner liebt mich", Applaus und Mitgefühl und vielleicht einen neuen Mann bunkern wollte, geht als "alte Schachtel mit einem Knall in der Birne" vom Platz.
Bei Ilona wird gleichentags das Drama "Ehe, das Ende der Liebe" gegeben.Thomas, kurz verehelicht, schwer "hintergangen", darf sich Luft machen und seine abwesende Ex-Gattin - diesen gierigen Geier - guillotinieren.
Hans Meiser überholt Ilona in Sachen Beziehungskrieg mit dem Frauen-Freundinnen-Thema: "Du schnappst mir alle Männer weg". Meiser läutet die Stunde schmählich betrogener Ehefrauen ein. Wenn die Schilderungen gelegentlich an Dramatik verlieren, hilft Meiser väterlich weiter und liefert das Stichwort zum - sichtlich erfolglosen - Selbstmordversuch.
Hinter der Bühne wartet der "schuldige" Gatte, der später in der Arena zerknirscht zu Kreuze kriechen wird, während ihn das Publikum als "Würstchen und Weichei" verbal vierteilt. Das "Opfer" lächelt - unter Tränen - verkniffen und hat nach Punkten gewonnen.
Rosmarie Gerber
03. Februar 1999
