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McDonald's wirbt neuerdings mit Leonardo da Vinci. Die Plakatsujets werfen jedoch einige Fragen auf.
Just als das diesjährige Sommerloch alt genug war, um uns das Schweigen der Werbung schmerzlich vermissen zu lassen, also zu jenem einmalig günstigen Zeitpunkt im Jahr, wenn Reklame schon allein deshalb auffällt, weil es sie (wieder) gibt, tauchten die ersten Da-Vinci-Zeichnungen auf Plakatwänden auf, die kein Mensch je zuvor gesehen hat. Was soll das? Ist der grosse Maler, Zeichner, Bildhauer, Architekt, Naturforscher und Ingenieur vielleicht leibhaftig auferstanden?
Natürlich nicht, selbst an eine Wiedergeburt des Maestros in Gestalt eines Werbeillustrators wollen wir nicht denken. Es wäre ein zu hartes und ein unverdientes Schicksal, wieder auf Erden wandeln zu müssen, nur um sich selber zu zitieren.
Das Spiel mit Zitaten haben wir der Werbeagentur Impuls TBWA und ihrem Kunden McDonald's zu verdanken. Wer sich Zeit nimmt, vor den Plakaten zu verweilen, wird um ein Vergnügen nicht betrogen. Stammen die Reiter am "Ride in", wo Mona Lisa lächelnd Fastfoodbeutel ausgibt, vielleicht aus dem imposanten Gemälde der Schlacht von Anghiari? Stand für die "Macchina Dolce far niente" da Vincis Modell eines Uhrwerks Pate? Und seine Konfettimaschine für die "Macchina Croccante tutti fritti"?
So amüsant die Rätselei auch sein mag, wirft die Plakatreihe doch einige Fragen auf.
Frage 1: Was sollen Leute damit anfangen, die noch nie etwas von Leonardo da Vinci gehört haben? Oder richtet sich die Werbebotschaft nur an Gebildete? Dann hätten wir es mit einer eindeutigen Minderheitenkampagne zu tun. Nein, man wird beim besten Willen nicht ganz klug aus der Sache.
Am ehesten lässt sich wohl die ironisch überspitzte Aussage extrahieren, um ein Genie zu werden oder zu bleiben, verpflege man sich am besten bei McDonald's. Spielchen dieser Art sind ja immer wieder beliebt in der Werbung. Aber auch hier: Das funktioniert nur für Leute, die auch deren Schöpfer und nicht nur die "Mona Lisa" und "Das letzte Abendmahl" kennen. Was die "cucina italiana" betrifft, wäre wohl zu folgern, dass nun auch die Hamburgerbranche auf den Italianità-Wagen aufspringt, mit welchem die Nahrungsindustrie à la Findus, Maggi, Knorr & Co. schon lange durch die Werbelandschaft tingelt.
Frage 2: Wie tief muss die Wertschätzung für ein Produkt sein, das sich auf so eklatante Weise mit genialen fremden Federn schmücken muss?
Und Frage 3: Was hält wohl da Vinci selbst davon, dass sein geniales Werk heute gerade noch dafür gut genug zu sein scheint, zu Hackfleisch verarbeitet zu werden?
Falls in diesen Tagen in der Gegend von Amboise im Tal der Loire die Erde bebt und ächzt, wäre dies die Antwort. Dort befindet sich das Grab, in welchem sich der Meister umdreht.
30. August 2000
