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Zahnärzte schlagen Alarm: Karies bei Kleinkindern nimmt dramatisch zu
Immer häufiger müssen Zahnärzte ihre kleinen Patienten unter Vollnarkose behandeln. Der Grund: Die Kinder haben so viele Löcher, weil sie ständig Süsses konsumieren und ihre ersten Zähne schlecht putzen.
Kristian ist bereits der Zweite an diesem Freitagmorgen: Sieben Löcher flickt die Zahnärztin Danuta Lukaszczyk dem 5-jährigen Knaben. Einen Zahn muss sie gar ziehen. Das Ungewöhnliche: Kristian schläft tief - die zweistündige Prozedur findet unter Vollnarkose statt. Die vielen kaputten Zähne haben zu diesem dramatischen Eingriff geführt. "Kinder in diesem Alter können höchstens 30 Minuten stillhalten", sagt die Zahnärztin Lukaszczyk an der Schulzahnklinik Basel.
Im Aufwachzimmer nebenan liegt Kristians Schicksalsgenosse Elias. Gleich alt, ebenso viele Löcher in den Zähnen. Eines ist so tief, dass der Nerv bereits am Absterben war. Elias quengelt, seine Mutter versucht ihn zu beruhigen. Gleich darf er heim. Die süsse Erinnerung an den Zucker ist bereits stärker als die schmerzliche Erfahrung: Zum Trost gibt es ein Caramelköpfli.
Falsche Ernährung undschlechte Mundhygiene
Karies nimmt bei Kleinkindern rasant zu. Dies zeigt die Statistik der Schulzahnklinik Basel: Im letzten Jahr mussten die Zahnärzte bei 320 Kleinkindern die Karies unter Vollnarkose behandeln. Das waren 37 Prozent mehr als 1998.
Kinder haben zudem mehr von Karies befallene Milchzähne als noch vor wenigen Jahren. Dies zeigt eine Untersuchung an über tausend 7-jährigen Kindern: 1995 hatte ein behandeltes Kind durchschnittlich 1,6 kaputte Zähne. Vier Jahre später waren es bereits 2,4. "Die Ursachen sind immer dieselben", sagt Danuta Lukaszczyk: "Falsche Ernährung und falsche Mundhygiene."
Peter Wiehl, Direktor der Öffentlichen Zahnkliniken Basel-Stadt, stellt allgemein eine grössere Sorglosigkeit im Umgang mit Süssigkeiten fest: "Kaugummi, Riegel, Süssgetränke - ständig haben die Kinder etwas im Mund." Das nagt am Milchzahn: Kariesbakterien bauen den Zucker zu Säure ab, die den Zahnschmelz entkalkt. Zwar neutralisiert der Speichel diesen Säureangriff, doch braucht er dazu mindestens 30 Minuten. Zu lang für die kleinen Zucker-Konsumenten. "Da viele Kinder regelrechte Dauerlutscher sind, kommt innerhalb dieser Zeit schon die nächste Zucker-Attacke", sagt Wiehl. "Die Zähne haben keine Chance, sich zu erholen. Die Karies beginnt."
Auch Kristian macht da keine Ausnahme. Seine Mutter klagt: "Er ist beinahe süchtig nach Süssem, Schokolade muss ich immer verstecken. Wenn ich einen Kaffee trinke, isst er mir den Zucker weg."
Fatal ist: Karies an den Milchzähnen kann auch die zweiten Zähne gefährden. Milchzähne spielen nämlich eine wichtige Vorreiterrolle: Sie halten den späteren Zähnen den Platz frei. Zudem übertragen sich die Kariesbakterien von den ersten auf die bleibenden Zähne.
Karies bei Kleinkindern kommt nicht nur in Basel vor. Zahnärzte aus der ganzen Schweiz bestätigen die katastrophale Entwicklung. Wolfgang Strübig, Leiter des Schulzahnmedizinischen Dienstes der Stadt Bern, stellt eine "vermehrte Karies bei Kleinkindern" fest. Hubertus Van Waes vom zahnmedizinischen Zentrum der Universität Zürich sagt: "Pro Woche werden in Zürich sicher 10 Kinder unter Vollnarkose behandelt." Nicht anders sieht es in St. Gallen aus: "Wir müssen schon Zweijährige behandeln", sagt Andreas Trummler, Leiter des schulzahnärztlichen Diensts. "Bei ihnen kommen die zerstörten Milchzähne von den Süssgetränken aus dem Schoppen."
In St. Gallen - wie auch in Basel - sind gerade noch 48 Prozent der Kindergärtler kariesfrei. Das ist sogar weniger, als sich die Weltgesundheits-Organisation WHO für die Erdbevölkerung zum Ziel gesetzt hat: Sie sieht fürs Jahr 2000 vor, dass 50 Prozent der Fünf- bis Sechsjährigen kariesfrei sein sollten.
"Zu sorgloser Umgang mit Karies-Problem"
Vor rund fünf Jahren hatten noch gut 70 Prozent der Kinder in der Stadt St. Gallen überhaupt keine Karies. Warum sich die Situation dermassen verschlechtert hat, ist nicht eindeutig geklärt: "Wahrscheinlich war d
26. Mai 2000
