|
(0) |
Wenn Hobby-Psychologen in der Seele stochern
Für Karin ist Rolf ein Buch mit sieben Siegeln. Vieles an seinem Verhalten kann sie nicht verstehen. Da er über seine Gefühle nicht sprechen will, weiss sie wenig über sein Innenleben.
So ist es für sie immer ein Rätsel geblieben, weshalb er stets darauf achtet, sie auf Distanz zu halten. Je näher sie ihm kommen will, umso heftiger wehrt er sie ab. Zärtlichkeiten finden nicht statt. Die kurzen Momente, wenn Karin und Rolf miteinander schlafen, gehen ziemlich nüchtern und phantasielos über die Bühne. Sie zweifelt oft an seiner Liebe. Darum möchte sie wenigstens hören, dass er sie liebt, wenn sie es schon nicht fühlen kann. Doch wenn sie mit ihm darüber sprechen will, zieht er sich ganz von ihr zurück.
Um mehr über ihren Mann zu erfahren, hat Karin begonnen, psychologische Kurse zu besuchen und Sachbücher zu lesen. Bereits nach kurzer Zeit fühlt sie sich dazu berufen, sein Verhalten psychologisch zu deuten. Ja, es macht ihr geradezu Spass, seine Psyche auseinander zu nehmen und darin herumzuspazieren.
Nun konfrontiert sie ihn immer öfter mit den Ergebnissen ihrer "Forschung". Sie sagt ihm auf den Kopf zu, dass er nur deshalb Angst vor Nähe habe, weil seiner Mutter gravierende Fehler in der Erziehung unterlaufen seien. Ihre Theorie: Die Mutter habe den Sohn mit ihrer falsch verstandenen Liebe beinahe erdrückt. Deshalb sei er heute beziehungsunfähig. Rolf droht mit Scheidung, falls sie nicht unverzüglich mit diesem "Psycho-Kram" aufhöre.
Wenn Menschen beginnen, sich mit psychologischen Konzepten auseinander zu setzen, sind sie oft so eifrig wie Karin. Ihre Art, das neue Wissen anzuwenden, ist aber eine der unglücklichsten.
Denn Karins Erkenntnisse sind lediglich Bruchstücke. Sie reichen bei weitem nicht aus, um etwas Gültiges über das Psychogramm eines anderen Menschen auszusagen.
Wer psychologische Deutungsversuche in einer Partnerschaft anwendet, beschwört in den meisten Fällen grosse Konflikte herauf. Niemand will sich einem Röntgenblick aussetzen, begutachtet und analysiert werden - auch der Partner oder die Partnerin nicht.
Noch schwieriger wird es, wenn Hobby-Psychologen oder -Psychologinnen die Familie des anderen als vermeintliche Wurzel psychischer Probleme ins Spiel bringen. Kein Wunder, wenn sich die Durchleuchteten wehren und alles, was mit Psychologie zu tun hat, zum Teufel wünschen.
Wer sich psychologische Kenntnisse aneignet, sollte sich für die ersten Gehversuche unter keinen Umständen den Partner oder die Partnerin aussuchen. Stattdessen sollten psychologisch Interessierte zunächst sich selbst unter die Lupe nehmen.
Wer sein Wissen einsetzt, um mehr über sich zu erfahren, kommt schliesslich besser mit den eigenen Problemen klar - und mit dem Partner oder der Partnerin auch.
Buchtipyp:
° John Gray: "Männer sind anders. Frauen auch", Goldmann, Fr. 14.-
° Scott Wetzler: "Ich weiss nie, woran ich mit dir bin. Wenn Männer nicht sagen, was sie wirklich meinen", Goldmann, Fr. 14.-
Vortragskassetten:
° Julia Onken: "Spiegelbilder: Männertypen und wie Frauen sie durchschauen und sich dabei selbst erkennen", Auditorium, Fr. 23.-
Hier erhalten Sie die Hörkassetten: Media Didacta Verlag, Postfach 1314, 8580 Amriswil, Tel. 071 411 04 06
media-didacta@bluewin.ch
Kasten: Julia Onken
Die Psychologin und Autorin behandelt auf dieser Seite Fragen und Probleme aus Partnerschaft und Ehe. Die Gründerin und Leiterin des Frauenseminars Bodensee und des Vereins "Bildungsfonds für Frauen" hat sich auch als Dozentin in der Erwachsenenbildung einen Namen gemacht. (www.julia-onken.ch)
Kasten
1. Für das Gelingen einer Partnerschaft ist es wichtig, möglichst alles über das Seelenleben des Partners oder der Partnerin in Erfahrung zu bringen
2. Die Partner sollten so gut über einander Bescheid wissen, dass sie jederzeit erkennen, was für ihn oder sie gut ist
3. Man sollte den anderen mindestens so gut kennen wie sich selbst
Wenn Sie nicht alle Fragen mit einem entschiedenen Nein beantworten, gehen Sie davon aus, das
28. April 2000
