SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | saldo 5/2000

Implanon: Hohe Preise auf Kosten der Frauen

Mit dem Hormonstäbchen Implanon machen die Ärzte Kasse. "Offerten einholen", empfiehlt jetzt der oberste Gynäkologe Rolf Steiner den Frauen.

Verhütung beginnt neuerdings im Bizeps: Implanon heisst ein vier Zentimeter langes Hormonstäbchen, das der Frauenarzt nach örtlicher Betäubung direkt unter die Haut des Oberarms implantiert. Dort fühlt es sich beim Ertasten an wie ein kurzes Stück Spaghetti. Die Nachfrage ist so gross, dass die Herstellerfirma Organon Lieferschwierigkeiten hat. Einige Tausend Frauen verhüten bereits mit dieser Methode.

Eine von ihnen ist Annemarie Stadelmann: "15 Jahre Pille sind genug", sagt die Baslerin, die sich im Kantonsspital Bruderholz das Stäbchen einsetzen liess. Implanon gibt während drei Jahren kontinuierlich Gelbkörperhormone ab und versagt, laut dem Pearl-Index, seltener als die Pille.

Für Frauen, die in den nächsten Jahren keine Kinder wollen, eine bequeme Lösung. Für Frauenärzte, die mit einem Durchschnittsverdienst von jährlich 330 000 Franken ohnehin zu den Topverdienern unter den Medizinern gehören, ein gutes Geschäft. Die meisten verlangen fürs Medikament mit Einsetzen 500 Franken.


"Über 400 Franken für ein Stäbchen sind überrissen"

Kassensturz rechnet nach: Bei Medikament- und Materialkosten von insgesamt 240 Franken bleiben dem Arzt noch 260 Franken. Nicht schlecht für eine unkomplizierte Behandlung, die samt Konsultation maximal 15 Minuten dauert. Würde der Gynäkologe nur Implanon einsetzen, käme er vor Abzug der Fixkosten auf einen Stundenlohn von 1000 Franken. "Zu viel", findet Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation: "Mehr als 400 Franken für das Hormonstäbchen sind überrissen." Zwar gibt es einige wenige Frauenärzte, die den Eingriff tatsächlich für 400 Franken vornehmen, der grösste Teil aber verlangt 500 Franken. "Diese einheitliche Preispolitik riecht nach Absprache", sagt der St. Galler Gesundheitsökonom Willy Oggier.

Das muss nicht sein: Bei Mirena, einem anderen modernen Verhütungsmittel, variieren die Preise viel stärker. Für das Einlegen und die Nachkontrolle dieser Hormonspirale verlangen die Frauenärzte zwischen 350 und 600 Franken. Seit 1997 haben sich schon 30000 Schweizerinnen Mirena einsetzen lassen. Im Vergleich zur Pille und zum Hormonstäbchen Implanon ist Mirena, das während fünf Jahren verhütet, das preisgünstigste Produkt. Wie Implanon eignet es sich allerdings nicht für jede Frau.


Die Preise sinken, wenn Frauen Offerten einholen

Verhütungsmittel werden von den Krankenkassen nicht bezahlt. Auch das Implantieren und Herausnehmen bezahlt frau selbst. Bis anhin war es beinahe tabu, den Arzt nach seinen Preisen zu fragen. Doch bei diesen nicht kassenpflichtigen Leistungen lohnt es sich, Offerten einzuholen. Ein Umdenken fordert Rolf Steiner, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: "Wenn Frauen lernen, dass sie das Recht haben, sich nach den Kosten zu erkundigen, dann sinken die Preise."

An seine Kollegen gerichtet sagt Steiner: "Die Gynäkologen müssen sich daran gewöhnen, gefragt zu werden, was ihre Leistungen kosten." Wie wahr: Bei Zahnärzten ist das schliesslich schon lange eine Selbstverständlichkeit.

Nadine Woodtli

15. März 2000


Beitrag als PDF
Implanon: Hohe Preise auf Kosten der Frauen
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
Gute Pillen, schlechte Pillen
Gute Pillen, schlechte Pillen
Für den Durchblick im Medikamenten-Dschungel

Detail-Infos
Buchshop
 
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Was Beipackzettel von Medikamenten wirklich aussagen Besser als Beipackzettel Neue Medikamente gefährden das Herz
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten